Der Wunsch nach Erneuerung des klösterlichen Lebens bildete den entscheidenden Impuls für den asketisch-eremitischen Auszug aus dem in die feudale mittelalterliche Gesellschaft eingebundenen Mönchtum. Inzwischen feiert der - nach einem ersten Versuch in Molesme - als benediktinisches Reformkloster 1098 in Cîteaux gegründete Zisterzienserorden seinen 900. Geburtstag. Unter den Gründungsvätern Robert von Molesme, Alberich und Stefan Harding machen sich Mönche auf, um in strenger Abgeschiedenheit nach der Benediktsregel zu leben. Der Reformimpuls entwickelt nach einer ersten Stagnation - sicherlich auch bedingt durch den allgemeinen Erneuerungsdrang im 11. und 12. Jahrhundert - eine erstaunliche Eigendynamik. In rascher Folge kommt es zur Gründung der „Primärabteien": La-Ferté-sur-Grosne (1113), Pontigny (1115), Clairvaux und Morimond (1115). Am Ende des 12. Jahrhunderts umfaßt der neue Orden schon über 500 Klöster. Durch die Filiation, mit der die Neugründungen ihrer Mutterabtei zugeordnet bleiben, und durch die „gesetzgebenden" Generalkapitel, auf denen die Äbte aller Zisterzienserklöster Stimmrecht haben, erhält der Orden seine straffe Organisation. Das weiterentwickelte System der Conversen - der Laienbrüder, die im hohem Umfang die körperliche Arbeit verrichten - bildet eine solide Grundlage für das Selbstbewirtschaften der Abteien.In ihrem umfangreichen Bildband entwickelt die amerikanische Kunsthistorikerin Terryl N. Kinder, die selbst nahe an den Ursprüngen des Ordens in Burgund lebt, ausgehend von der baugeschichtlichen Substanz ein anschauliches Bild vom Lebens und von der Spiritualität der Zisterzienser. Die benediktinische Baukonzeption - in idealtypischer Weise durch den St. Gallener Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert verkörpert - wird vom neuen Mönchen zwar nicht verworfen, in einigen Details aber modifiziert. Die Kirchen erhalten z. B. einen anderen Chorabschluß, das Refektorium steht eher im rechten Winkel statt parallel zum Kreuzgang und die Laienbrüder erhalten im Westen des Kreuzgangs einen eigenen Gebäudetrakt. Anhand der den einzelnen Kreuzgangflügeln - und den daran anschließenden Räumen - zugewiesenen Begriffe „spiritus", „corpus" und „anima" macht die Autorin die von lokalen Einflüssen unabhängige, einheitliche Logik der zisterziensischen Raumordnung deutlich. Die Nord- oder Südseite mit der Kirche dient dem spirituellen Tun, die gegenüberliegende Seite - mit Wärmeraum, Latrinen, Küche, Brunnenhaus und Refektorium - den körperlichen Bedürfnissen. Im Ostflügel, der den „Verstandestätigkeiten" vorbehalten ist, liegen die Sakristei, der Kapitelsaal, Sprechraum, Arbeitsbereiche und das Armarium, der Bücherraum.Der schlicht, aber sehr ansprechend gelayoutete Bildband beeindruckt durch seinen übersichtlichen, überaus sachkundigen Text und mit seinem reichen Bildmaterial, das auch deutsche und österreichische Klosteranlagen (z. B. Chorin, Eberbach, Maulbronn, Zinna, Zwettl) berücksichtigt.