Wenn sich eine mehrfach ausgezeichnete Professorin für Anthropologie dreißig Jahre lang mit der Welt der Sherpas befasst hat, sollte man meinen, dass sie weiß, wovon sie redet und dass sie qualifiziert ist, überhaupt das Bemerkenswerteste zum Thema sagen zu können. Bemerkenswertes und Interessantes hat sie tatsächlich zusammengetragen. Auch wurde es höchste Zeit, dass einmal über diejenigen nachgedacht und geschrieben wird, die die Gipfelerfolge der Europäer und Amerikaner erst möglich gemacht haben und dabei allzu oft vergessen wurden, obwohl sie meistens den Unterschied zwischen Gipfelerfolg und Scheitern ausmachten.
Über die Heldentaten der weißen" Bergsteiger gibt es genügend Literatur. Da wurde fast schon zuviel geschrieben. Es geht der Autorin aber nicht so sehr darum die Leistungen der Sherpas herauszustellen, sondern allgemeiner um das Bergsteigen im Himalaya aus der Sicht der Sherpas. Und das Leben neben dem Bergsteigen natürlich, obwohl es für die Sherpas längst nicht mehr nur um eine Nebenbeschäftigung geht. Und es geht um das Leben abseits des Bergsteigens. Tatsächlich hat sich die Gesellschaft im Khumbu Gebiet verändert. Die Autorin berichtet von Streiks bei Expeditionen, bei denen es um bessere Bezahlung und Ausrüstung geht, aber auch darum mehr Respekt einzufordern, das wachsende Selbstbewusstsein der Sherpas zum Ausdruck zu bringen, indem man mehr mitredet, mehr mitbestimmt und vor allem mehr mitverdient.
Untereinander betreiben die Sherpas einen Konkurrenzkampf, wer der bessere sei, der sogar zum Bemühen wird die westlichen Bergsteiger zu übertrumpfen. Sie pflegen eine Kultur um das Schließen von Freundschaften und Kameradschaften. Aus dem einstigen Sahib ist ein Seilpartner geworden. Ich meine jedoch, das gilt nicht für die Masse der Sherpas, die nach wie vor nur Trägerarbeit leisten.
Die Autorin erörtert umfassend wie sich die Expeditionen auf das Leben der Sherpas ausgewirkt hat. Sie verdeutlicht, dass den Sherpas das Konsumdenken nicht fremd ist. Es macht sich bemerkbar, sobald die Befriedigung der Grundbedürfnisse gesichert ist.
Sie beleuchtet die verschiedenen Facetten des Lebens in den Sherpadörfern, in den buddhistischen Tempeln und Klöstern. Es ist oft der soziale und ökonomische Druck, nicht etwa Idealismus, der viele junge Sherpas zum Bergsteigen bringt. Die Autorin zeichnet nach wie sich die Identität der Sherpas allmählich wandelt. Religiöse Überzeugungen und geschlechtsspezifischen Besonderheiten des Zusammenlebens spielen dabei ebenfalls eine Rolle.
Das Leben vor dem Bergsteigen war keineswegs idyllisch, denn das Leben in den Hochlagen des Himalaja ist hart und entbehrungsreich. Zwar haben etliche einen vergleichsweise ansehnlichen Wohlstand durch ihren Beruf als Bergsteiger und Höhenträger, Gastwirte usw. erlangt, es sind aber auch viele in den Bergen umgekommen.
In der Sherpagemeinschaft gab es schon immer auch Ungleichheit, Konkurrenzdenken und vielfältige Konfliktmuster, die auch kulturell und traditionell bedingt sind. Da bot und bietet das Bergsteigen einen gewissen Ausweg von Problemen, aber auch eine Möglichkeit die eigene Gesellschaft umzuwandeln. Ein erfolgreicher Expeditionsteilnehmer muss sich um den Acker nicht mehr bekümmert sein lassen. Vieles hat sich auch gar nicht geändert. Der Anbau auf den Äckern ist mühsam, es gibt keine Straßen, die Verbindung zur Außenwelt, Schulen, Krankenhäusern ist dürftig.
Neu war für mich die Relevanz eines Kulturstreit zu nennenden Widerstreits zwischen buddhistischen Mönchen einerseits und den tibetischen Lamas und den Sherpashamanen andererseits. Die Sherpas sind ja ihrer Herkunft nach den Tibetern zuzuordnen und sind in Nepal auf eine andere religiöse Kultur gestoßen, die die Nepalesen als wahrhafteren" Buddhismus bezeichnen und zwar deshalb, weil man die Schamanen und Lamas mit Zauberei und schwarzer Magie, somit den Elementen der Finsternis, in Verbindung bringt. Diese Praxis, solche Quellen zum Nutzen der Menschen anzuzapfen, stellen die Schamanen und Lamas auch gar nicht in Frage. Die Hinayana Buddhisten sehen darin eine verhängnisvolle geistliche Verirrung.
Meiner Erfahrung nach sind sich das die westlichen Nirwanasucher", die nicht zum Bergsteigen, sondern wegen der möglichen "spirituellen" Erfahrung in die Himalajaregionen reisen, gar nicht bewusst, dass sich die Vertreter der verschiedenen buddhistischen Denkrichtungen zum Teil Recht unversöhnlich gegenüberstehen. Die Sherpas haben sozusagen die Wahl zwischen Buddhismus mit und ohne Geisterbeschwörung, wobei sie der Tradition nach eher der ersten zugeneigt sein müssten. Das zeigt sich dann auch bei Bergtouren, wenn sie den Berggöttern ihre Referenz erweisen.
Die Darstellung der Mönchswelt, insbesondere der Gedankenwelt der Mönche nimmt im Buch breiten Raum ein. Viele Sherpas geben ihre Söhne an Klöster zur Erziehung ab, es ist aber zu bezweifeln, dass es viele gibt, die die Sache mit der Religion so strukturiert und ausführlich reflektieren können. Ihr Glaube ist schlicht. Daher scheint mir das Ganze etwas überbewertet.
Trotzdem, "Macht" und "Disziplin" was die Geistlichen repräsentieren sollten, und selten tun, kommt bei den Sherpas vielleicht noch viel eher zum Vorschein, als Macht körperliche Höchstleistungen abzurufen und als Disziplin, die sie zu zuverlässigen Begleitern und Bergkameraden macht.
Nebenbei erfährt man in diesem Buch auch noch etwas über die Entwicklung des Bergsteigens. Und über den tieferen Sinn, um ihn auch mit den praktischen, eher materialistischen Beweggründen der Sherpas gegenüberzustellen. Das ist für den Leser ein willkommener Kontrapunkt, denn sich über hundert Seiten mit den Problemen eines Volkes in den abgelegensten Tälern des Himalaja zu befassen, das zieht keinen Besucher aus dem Westen zu den Sherpas, sondern die Berge!
Da greift die Autorin dann auf Verlautbarungen von bekannten Größen des Bergsports zurück. Die erzählen unter Sauerstoffmangel genügend verzichtbare Weisheiten, aber manchmal sind auch erwähnenswerte Erkenntnisse dabei: "Einer der Hauptgründe, dass Menschen heute gefährliche, risikoreiche Sportarten wie Bergsteigen betreiben, ist, die Langeweile zu bekämpfen. Die Eintönigkeit zu vertreiben, ist für viele eine der wichtigsten Herausforderungen in einer Welt, in der es fast unmöglich ist, ein wirkliches Abenteuer zu finden."
Für diese Männer sei die Moderne das Problem und Bergsteigen die Lösung. Wo die Moderne vulgär und materialistisch ist, ist das Bergsteigen sublim und transzendental. Das Bergsteigen, das ja auch ein Kind der Moderne ist, als Gegenentwurf zur Verirrung der Moderne!
Das scheint mir ein interessanter Gedanke! Wo die Moderne laut und vollere Ablenkungen sei, sei das Bergsteigen friedlich und der Reflexion zuträglich. Wo die Moderne glatt und langweilig sei, sei das Bergsteigen schwierig, herausfordernd und voller Nervenkitzel. Nun ja, da möchte ich, selber Bergsteiger und zugleich Gegner von Vereinnahmung durch Moderne und Postmoderne, ungern widersprechen. Aber oft, füge ich hinzu, ist Bergsteigen auch nur dumme Geltungssucht, das Ideal der Ideallosen.
Die Sherpas fungieren in diesem Zusammenhang als Teil der Lösung. Und damit jedenfalls sind sie kein Teil der Moderne, sonder eher ein Teil der geheimen Zurückgezogenheit in den Bergen und Tälern", nach der sich der suchende Geist des unzufriedenen Menschen sehnt.
Die Autorin versucht auch dem Charakter der Sherpas auf die Spur zu kommen. Beeindruckend war und ist die Loyalität und Hingabe der Sherpas, mehr an Personen als an sachliche Ziele, etwas was man in unserer materiell orientierten Welt so oft vermisst. Aber auch den Sherpas geht es ums Geld verdienen. Da ist wenig Platz für romantische Verklärung.
Die Autorin erörtert auch die These, dass sich die Sherpas allmählich in die Art von Menschen entwickelten, die die weißen Sahibs haben mochten. Wenn dem so ist, muss das aber auch wieder pragmatische Gründe haben. Umgekehrt wird auch ein Schuh daraus, denn die Sherpas wissen auch wie sie auf ihre Kosten kommen: schlechtgelaunte Bergführer bekommen auf lange Sicht weniger Kunden!
Was den meisten Himalajabesuchern auffällt ist die immer währende Fröhlichkeit, auch unter Belastungen. Ein gesellschaftlicher Interaktionsstil, der weniger mit dem Buddhismus zu tun hat, da sich ja im Grunde alle Religionen einig sind, wie die Menschen im Umgang miteinander sei sollen. Auch die althergebrachte Fähigkeit Handel zu treiben, spielt mit hinein.
Sherpas sind berühmt dafür körperlich und psychisch schwere Arbeit verrichten zu können. Dabei haben sie immer noch ein Lächeln, selbst über plumpe Witze können sie sich köstlich amüsieren. Der Erfolg ihrer Leistungen liegt laut Autorin vermutlich neben der besseren Gewöhnung an die Umweltverhältnisse vor allem an einem inneren Antrieb. Es wird aber nicht klar, wovon der gespeist wird.
Die Autorin hat bei den Sherpas viel Zeit verbracht. Sie hält nichts von übertriebenen Sympathiekundgebungen. Sie berichtet von Neigung zu Egoismus im dörflichen Leben, der Lust auf Dispute, vor allem um Grund und Boden, über Streit, der sogar in Gewaltanwendung ausartet. Dafür sei die ungleiche Besitzverteilung verantwortlich.
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