Ob Wolfgang Schuller erstmals das Hetärenwesen durch die gesamt antike Geschichte darstellte, wie der Klappentexter behauptet, mag stimmen, wenn man Dissertationen nicht mitberücksichtigt. Aber mit ziemlicher Sicherheit werden seiner Darstellung noch weitere folgen. Denn das Thema ist sozial- und kulturgeschichtlich so interessant, dass es die Aufmerksamkeit weiterer Autorinnen und Autoren wecken wird. Allerdings ist die Quellenlage bisher nicht eben berauschend. Kommt hinzu, dass Sprache auch die Funktion hat, sein eigenes Verhalten zu legitimieren. Mit ein Grund weshalb ich mich bei der Lektüre oft fragte, ob denn tatsächlich alles so gewesen ist, wie es die antiken Autoren beschreiben. Wenn Wolfgang Schuller zum Beispiel schreibt: "Hetären übten ihre Tätigkeit gewiss nicht durch unmittelbaren Zwang aus, sehr viele dürften auch erheblichen Gefallen daran gefunden haben", dann erinnert dies verdächtig an männliche Rechtfertigungen der heutigen Zeit.
Ganz ohne Zweifel ist der Autor ein ausgewiesener Kenner der griechischen Antike. Aber das ist vielleicht auch einer der Gründe, weshalb mich seine Sprache an den Latein- und Griechischunterricht vergangener Jahre erinnert. Bei den Symposien, den aristokratischen Trinkgelagen der Antike, ging es in den Worten des Autors deshalb so zu: "Ausgeschenkt wurde der Wein von auch weiblichen Mundschenken, Tänzerinnen traten auf, Musikerinnen spielten Flöte, und es gehörte anscheinend dazu, dass im zweiten Teil, dem Komos, diese mit beträchtlichem Charme ausgestatteten Mädchen, häufig Sklavinnen, im Lauf des Abend zu den teilnehmenden Männern auch in erotische Beziehungen traten, und sie sind es, denen wir in der Symposiumslyrik und auf Vasenbildern begegnet sind." Hier wird reichlich umständlich formuliert, was Pasolini und Fellini vielleicht allzu deftig in Bildern umsetzten. Und wenn Wolfgang Schuller schreibt: "Man holte nicht irgendwelche Prostituierte zum aristokratischen Symposion, sondern man stellte sie als wesentliche Teilnehmerinnen dar und verewigte sie auch noch namentlich. Mit minderen Wesen hätte man das nicht getan", dann sind wir schon ziemlich in der Nähe von Illusionswelten à la Pretty Woman. Mit dem Unterscheid jedoch, dass Wolfgang Schuller sein Buch als wissenschaftlichen Forschungsbericht gesehen haben möchte.
Die Aufgabe, Wissenschaftlichkeit und Lesbarkeit ihrer Vermittlung unter einen Hut zu bringen, ist alles andere als einfach. Wenn die angeführten Zitate den Eindruck erwecken, Wolfgang Schuller sei an dieser Aufgabe gescheitert, so wäre dies bestimmt falsch. Sie drücken einfach aus, was mich störte und weshalb mich dieses Buch nicht so begeisterte. Das inzwischen vergriffene Begleitbuch zur Ausstellung "Der Mythos von Troja" entspricht mehr meinem Geschmack. Auch in ihm sind Vasenbilder mit Szenen griechischer Orgien abgebildet. Doch die Texte dazu verleiten den Leser eher zu einem Zwiegespräch mit den Figuren, das ihm zumindest eine Ahnung vom realen Leben im antiken Griechenland geben kann.
Mein Fazit: Auch wenn sich Wolfgang Schuller große Mühe gibt, beim Seiltanz zwischen wissenschaftlicher Dokumentation und lesefreundlicher Darstellung antiker Lebenssituationen nicht abzustürzen, landete er doch einige Male im Netz. Aber für eine Anschaffung spricht, dass der Autor zu den ausgewiesenen Kennern der griechischen Antike zählt und eine kleine Welt vorstellt, die bislang nur Doktoranden interessierte.