„Wenn die Wissenschaft ein Modell zur Erklärung schwieriger Vorgänge erstellt, weiß sie, dass sie ein Modell geschaffen hat, das nicht die Sache selbst ist, sondern nur eine Erläuterung. Dieses Modell wird geändert, sobald neue Erkenntnisse auftauchen. Religionen sind Modelle. Wenn sich die Weltsicht ändert, sollten auch Religionen den Mut haben, neue Modelle zu kreieren oder die alten neu zu interpretieren, weil sie sonst den Menschen mehr verbauen als ihnen einen Weg eröffnen. Es gibt tief religiöse Menschen, die sich nicht an eine Konfession gebunden wissen. Für sie vor allem sind diese Gespräche gedacht."
Willigis Jäger, der dies in dem Vorwort zu seinem neuen Buch „Die Welle ist das Meer" schreibt, ist Benediktinermönch und Zen-Meister der Sanbo-Kyodan-Schule. Bereits als Jugendlicher trat der heute über 70jährige Pater in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach ein. Schon sehr früh suchte und begegnete er literarischen Zeugnissen christlicher Mystik. Er studierte u.a. Texte von Teresa v. Avila, Meister Eckehart und Johannes v. Kreuz. Auch wegen der großen Vorbehalte gegenüber allem Mystischen im Kloster selbst, begab er sich allein und ohne Führung auf einen an der christlichen Mystik orientierten Schulungsweg und erlebte spirituelle Erfahrungen, die sehr viel eindrücklicher als seine bisherige Gebetspraxis waren. Nach einem ersten Kontakt mit einem japanischen Zen-Meister in München hatte Willigis Jäger nach einigen Jahren die Chance, nun fast 50jährig, nach Japan in ein von seinem Orden neugegründetes Kloster zu gehen. Hier besuchte er täglich den Tempel jenes Zen-Meisters, den er in Deutschland kennen gelernt hat und übte den Weg des Zen, den Weg einer gegenstandsfreien Meditation. Nachdem er ein halbes Jahr in einer buddhistischen Einsiedelei lebte und zwölf Jahre lang seine Zen-Ausbildung absolvierte, kehrte er Anfang der 80er Jahre nach Deutschland zurück. Dort übernahm er die spirituelle Leitung des Haus St. Benedikt - Zentrum für spirituelle Wege in Würzburg. In diesem Haus, das zur Benediktinerabtei Münsterschwarzach gehört, entwickelte sich unter seiner Leitung ein Ort, an dem authentisch verschiedenste spirituelle Erfahrungswege eingeübt werden. Der zweite hauptsächliche Weg, der dort gegangen wird, ist neben dem Zen-Weg der Weg der Kontemplation, als Weg der gegenstandsfreien Versenkung in abendländischer-christlicher Tradition. Mittlerweile ist ein Seshin (intensive Übungswoche) mit Willigis Jäger schon viele Monate im Voraus ausgebucht. Auf Tagungen und Kongressen mit Themen wie Psychotherapie, Spiritualität und Transkonfessionalität gehört er zu den herausragenden Referenten - gerade weil er authentisch das lebt, worüber er berichten kann. Mit wohl über 2000 persönlichen Schülern, vielen lokalen Gruppen und durch ihn ausgebildeten Zen- und Kontemplationslehrern ist ein großer Kreis von Menschen entstanden, die auf der Suche nach einem zeitgemäßen Schulungsweg sind.
Und dass es Willigis Jäger wirklich um eine zeitgemäße Suche nach Spiritualität geht, zeigen die in Buchform aufgezeichneten Gespräche mit Christoph Quarch sehr deutlich und radikal. Dem gelegentlich anzutreffenden anthroposophischen Vorurteil, dass nämlich sämtliche östliche Schulungswege längst so überlebt und weltfern seien, dass man als moderner Mensch zwar die buddhistische Qualität von Mitleid gutheißen kann, aber ansonst doch die Finger davon lassen sollte, begegnet Willigis Jäger mit einem sehr eindrücklichen Bild. Er beschreibt, jenseits aller (katholischen) Dogmatik, wie jede Religion und jeder spirituelle Weg wie ein farbiges Glas ist, welches nicht aus sich heraus farbig leuchtet, sondern es hinter dem Glas eine leuchtende Quelle gibt. Jede Religion kann eben nicht die vollständige Unendlichkeit der spirituellen Welt wiedergeben, sondern gibt nur ein individuell geprägtes Bild. Erst das Zusammenkommen der verschiedenen farbigen Gläser in z.B. einem gemeinsamen Rahmen zeigt die Vielfarbigkeit der spirituellen Welt. Und so ist es für Willigis Jäger wichtig, hinter das farbige Glas, also hinter die Religionen (und besonders hinter die eigene) zu schauen und auf der Suche nach dieser einen Lichtquelle zu sein. Eine Suche nach dem Reichtum, der in allen Religionen, besonders in deren esoterisch-mystischen Tradition weiterlebt. Und diesen Weg erläutert er in seinem Buch in erstaunlich klarer und persönlicher Weise. Aus den verschiedensten spirituellen und naturwissenschaftlichen Richtungen bezieht er konsequent Belege für die Aktualität des transkonfessionellen Weges nach Innen. Dieser Weg ist im Zazen darauf gerichtet, das ständig tätige und geschäftige Alltags-Ich zurücktreten zu lassen und innerlich schweigen zu lernen um dem höheren Selbst eine Stimme zu geben. Und dennoch, so schildert Willigis Jäger, bedarf es nicht immer der äußeren Stille. Leiborientierte Übungen, wie meditative Tänze (bekannt ja auch aus der mystischen Tradition der Sufi) lassen Gebete durch die Bewegungssprache des Körpers lebendig werden. Ganz anthroposophisch verliert er sich aber nicht gefühlsduselig auf diesem Weg, sondern entwickelt einen Blick für ein Bewusstsein, das die alte materialistische und geistängstliche Weltsicht überwindet. Stattdessen entsteht ein Welt- und Menschenbild, das ganz bewusst den Einklang auch mit den modernen Naturwissenschaften sucht und findet. Jäger gelingt gerade diese Zusammenschau neuester Forschung z.B. in Psychologie und Physik und unterstreicht den Versuch einer ganzheitlichen Spiritualität.
Die Gedanken und Erfahrungen, die Jäger dazu äußert, zeigen den Wert und die Hilfe einer freilassenden Begleitung und haben mit den befürchteten Guruabhängigkeiten nichts gemein.
So ist diesem Buch ein breite Leserschaft zu wünschen. Eine Leserschaft, die sich neugierig und durch eigene Übungen und Erfahrungen prüfend auf die Anregungen des Buches einlassen kann und vielleicht auch zu einem ähnlichen Gedanken wie C. G. Jung kommt: „Der schöpferische Mystiker war von jeher das Kreuz der Kirche. Aber diesen Leuten verdankt die Menschheit ihr Bestes."
Axel Rudolph