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72 von 83 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Neuverfilmung einer realen Begebenheit, 5. April 2008
Gruppendynamik bei Gehorsamkeit gegenüber Autorität
Das Jugendbuch Die Welle" von Morton Rhue bot in seinem Publikationsjahr 1981 Zündstoff für zahlreiche Diskussionen in den Vereinigten Staaten, da sich die Kurzgeschichte auf einen Tatsachenbericht stützte. Basis für den Stoff bildet ein Sozialexperiment zu Diktatur und Nationalsozialismus des ehemaligen Geschichtslehrers Ron Jones aus dem Jahr 1967 an der Cubberley High School in Palo Alto. Ein Schüler befragte den Lehrer Jones zum begeisterten Verhalten der Deutschen gegenüber dem Naziregime und nach den Gründen für die Behauptung der Deutschen, dass sie angeblich nichts von den Verbrechen gegen die Juden gewusst hätten. Der Lehrer blieb den Schülern damals die Antwort schuldig. Stattdessen führte er ein Experiment durch: Er lehrte ihnen Disziplin und Gehorsam, formierte sie zu einer Gemeinschaft und schränkte ihre Persönlichkeit ein. Das Experiment führte zu erschreckenden Erkenntnissen. Jones war aber am meisten über sich selbst erstaunt. "Ich denke, es war die Tatsache, dass ich die ganze Bewegung selbst genossen habe. Ich genoss die Macht, die Kontrolle, die Verehrung. Es war berauschend, dieses fiebrige Gefühl, diese Spannung, und dafür war ich verantwortlich."
Das Jugendbuch, welches auch mittlerweile beliebter Lesestoff in deutschen Schulen geworden ist, wurde bereits im Jahr 1981 für das US Fernsehen von Alexander Grasshoff verfilmt. Bei dem hier besprochenen Film mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle handelt sich es um eine völlig neuartige Verfilmung des altbekannten Stoffes. Die Handlung wird nun aus den USA der 60er Jahre in das moderne Deutschland und seiner Jugendkultur verlegt. Ausgangspunkt ist eine Projektwoche zum Thema Autokratie," die nach Dewings Leitsatz Learning by doing" praktiziert wird. Der Sprachgebrauch der Jugendlichen und auch ihre Mittel (das Logo der Welle auf Hauswände, etc. sprayen) lassen den Film erfrischend modern wirken. Während das reale Experiment damals friedfertig beendet werden konnte, bedient sich dieser Film einer zusätzlichen Dramatik mit blutigem Ausgang. Im Gegensatz zu Jones verfällt in diesem Film der Lehrer Wenger, gespielt von Jürgen Vogel, teilweise selbst seinen Ideen. Auch die Außenseiterproblematik wird hier erweitert. Die Außenseiterrolle von Robert Billings aus der Vorlage bleibt in der Person des Tim bis zuletzt bestehen. Die Außeneiterproblematik wird sogar noch um einige Personen erweitert. Dazu zählen der Ausländer Sinan, der aggressive Kevin, die schüchterne und übergewichtige Lisa und der aus zerrütteten Familienverhältnissen stammende Marco. Auch das Footballspiel aus der Vorlage wird hier in Form eines Wasserballmatches mittels Gewalttätigkeiten überzogen dramatisiert.
Der Film bietet eine recht interessante Darstellung des altbekannten Stoffs, sozusagen Unterhaltungskino mit pädagogischer Note, der mit Sicherheit den zukünftigen Medienkanon des einen oder anderen Sozialkundeunterrichts an deutschen Schulen bereichern wird. Er ist jedenfalls eine Empfehlung wert!
Der Film sensibilisiert für politisches Mitläufertum und Verblendung, aber auch für die Verführbarkeit des Menschen. Ron Jones ist sich jedenfalls sicher: "Das Experiment funktioniert heute immer noch, an jeder Schule! Es funktioniert, weil die meisten von uns einsam sind."
Trotzdem: Die Handlung wirkt unter Betrachtung der dramatischen Zuspitzung für unsere Zeit nicht authentisch. Der Film berücksichtigt nicht unsere gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre. Der Film verhält sich unkritisch gegenüber der heutigen Realität, die von einem teilweise recht egozentrischen Individualismus, liberaler und antiautoritärer Erziehung, der Marktwirtschaft und Leistungsdenken geprägt ist. Neonazigruppen oder autoritär geführte Sekten finden ihre Mitglieder doch vorwiegend unter Menschen, die sozial abgesondert sind oder sich gerade in einem sozialen Loch befinden. Diese Menschen erfahren dort in der Gemeinschaft eine Stärkung ihres Selbstwertgefühls, welches für jeden Menschen dieser Erde wichtig ist.
Jürgen Vogel äußerte sich selbst kritisch in einem Interview: "Man muss immer berücksichtigen, in welcher sozialen Struktur man gerade lebt und wie desillusionierend die Zukunft ist, die vor einem steht. Wenn ich kurz nach der Wende in Hoyerswerda gelebt hätte, als dort ringsherum alles zusammengebrochen ist, ich weiß nicht, ob ich da als Jugendlicher nicht auch 'ne Glatze geworden wäre."
Für Interessierte an "Der Welle" könnte auch das Filmmaterial zu den Experimenten des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram (1933 -1984) zur Thematik "Gehorsamkeit gegenüber Autorität" spannend sein. Die Bildstellen der deutschen Schulen müssten zumindest über die filmisch dokumentierten Experimente Milgrams in Deutschland verfügen. In den Milgram Experimenten wird dargelegt, dass sich ganz normale Menschen unter autoritären Druck dazu zwingen lassen, andere Menschen systematisch zu misshandeln. Die Probanden wussten dabei nichts von dem Experiment und waren teilweise über sich selbst und die Situation so erschrocken, dass sie sich später in psychologische Behandlung begeben mussten. Vielleicht wurde aus diesen Gründen nie wieder eine Wiederholung dieser Forschungen angestrebt. Aber auch Milgram räumte ein, dass bestimmte Voraussetzungen gegeben sein müssten, damit sein Experiment funktioniert (Autoritäre Erziehung durch die Eltern oder in der Ausbildung, Belohnungsmechanismen für Gehorsamkeit, beruflicher Erfolg durch Gehorsamkeit, usw.). Die Milgram Experimente fallen in etwa in die gleiche Zeit wie der Unterrichtsversuch von Ron Jones. - Christoph Erlemeier -
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Wichtiger Film mit starkem Hauptdarsteller, 29. März 2009
Wie konnte es passieren, dass in Deutschland 1933 eine Diktatur entstand? Könnte so etwas heute noch einmal passieren?
Diese wichtige Frage wird von diesem Film gestellt. Hierbei handelt es sich um ein auf abendfüllendes Kinoformat gebrachtes Remake eines US-Fernsehfilms von 1981, der wiederum auf einer wahren Begebenheit aus den 60er-Jahren beruht. Und um die Antwort vorneweg zu nehmen: In fast jedem steckt, je nach persönlicher Situation, ein potentieller Mitläufer oder gar überzeugter Täter.
Besonders positiv überrascht hat mich Jürgen Vogel, den ich zugegebenermaßen durch die Comedy-Reihe Schillerstraße kennengelernt habe und den ich daher eher in die Schublade Comedian gesteckt habe. Jürgen Vogel spielt überzeugend und ausdrucksstark den Anarcho-Lehrer, der in einer Projektwoche seinen Schülern das Thema Autokratie beibringen soll.
Aber auch der Film, der die Handlung der 60er in die Internet-Zeit verfrachtet, stellt den Stoff sehr zeitgemäß dar, und die Rollen der Schüler sind ebenfalls exzellent besetzt. Meiner Meinung nach wirkt der Film allerdings an einigen Stellen etwas unbeholfen, ohne jedoch inhaltlich an Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Katastrophal finde ich hingegen das Ende, das nicht dem Original entspricht. Es mag erklären, warum die Deutschen nach dem Dritten Reich Adolfs des Wahnsinnigen von nichts gewusst haben wollen. Doch die Schuld einer einzigen Person zuzuschieben und damit die Verantwortung des Einzelnen für sein Handeln zu relativieren, wird dem Stoff nicht gerecht und verkehrt einen Teil der wichtigen Schlüsse ins Gegenteil. Deshalb und wegen der gelegentlichen Schwächen des Drehbuchs nur 3 Sterne von mir.
Dennoch ist der Film für mich absolutes Pflichtprogramm für alle, denen Demokratie und Freiheit am Herzen liegt. Die Botschaft lautet: Bleibt wachsam, bewahrt Euch die kritischen Gedanken, und lasst niemanden am Rande stehen. Dann haben die neuen Rattenfänger keine Chance.
In diesem Sinne: Ein wichtiger, beeindruckender Film!
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Ein bemühtes Drama !, 21. Oktober 2008
Das gleichnamige Buch, auf dem Dennis Gansels jetzt auf DVD erscheinender Film basiert, beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich im April 1967 in Palo Alto in den USA zutrug. Lehrer Ron Jones wurde damals mit ähnlichen Aussagen seiner Schüler konfrontiert wie Rainer Wenger. Also wollte er seiner Klasse zeigen, dass Faschismus sehr wohl auch in den eigenen Reihen stattfinden kann. In der Filmversion, die in den deutschen Kinos mehr als 2,5 Millionen Zuschauer hatte, spielt Jürgen Vogel einen hypercoolen Pauker, der seine Klasse für ein Experiment begeistert, das schon bald zum Selbstläufer wird. Es beginnt mit neuen Regeln, dem Betonen des Gemeinschaftssinns und einer einheitlichen Kleiderordnung. Alle tragen weiße Hemden. Nicht lange, und es kommt ein Name, ein eigenes Zeichen hinzu. Die Schüler sind jetzt "Die Welle", eine einheitliche Masse in Weiß, die bald jeden schneidet und unterdrückt, der nicht zu ihrer Gemeinschaft gehören will.
Bei allen gut gemeinten Ambitionen: Dennis Gansels Film ist ein allzu poppiges Stück Aufklärung geworden. Bemüht, gerade das junge Zielpublikum anzusprechen, spielt das Drehbuch (Dennis Gansel, Peter Thorwarth) mit der Sprache der Jugend, mit ihren Looks und Subkulturen - das "Welle"-Zeichen wird natürlich getaggt. Das Ganze wirkt ein wenig zu studiert und dadurch aufgesetzt, bedient eine Menge Klischees und bleibt an der Oberfläche.
Das kann man von der Blu-Ray-DVD nicht behaupten. Neben einer guten technischen Umsetzung - das scharfe und detailreiche Bild sowie der atmosphärische Ton sind exzellent - besticht vor allem durch Tiefe und Klangvolumen.
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