Kurzbeschreibung
Vor fast 2000 Jahren zogen Menschen in die Wüsten Arabiens, um dort in der Leere und Abgeschiedenheit die Ruhe des Herzens zu finden. Sie führten ein frei gewähltes asketisches Leben in Höhlen, Bergen oder Zellen und wurden so zu den legendären Lehrmeistern des christlichen Abendlandes. Der langjährige Benediktinerabt Odilo Lechner gibt eine Einführung in den einzigartigen spirituellen Schatz des frühen Mönchtums.
Die jahrtausendealten Weisheiten der Wüstenväter, die sich in den inspirierenden Geschichten und Gleichnissen widerspiegeln, haben bis heute nichts an Gültigkeit verloren.
Sinnsuchende aus ganz Europa folgten den Wüstenvätern seinerzeit in die unwirtlichsten Gegenden von Syrien und Ägypten, um von ihnen Weisungen für ihr eigenes Leben zu erhalten. »Vergleiche dich nicht mit anderen, wohne in dir selbst und du wirst Ruhe finden«, so einst der Rat eines Eremiten. All die märchenhaften Sinngeschichten, die sich um die berühmtesten Wüstenmönche wie den Einsiedler Antonius, den Asketen Pachomius oder den Säulenheiligen Simeon ranken, zeigen, wie man jeden Tag einen neuen Anfang machen kann, wie man Herzensruhe findet und erkennt, welche Dinge im Leben wirklich zählen.
Über den Autor
Auszug aus Die Weisheit der Wüstenmönche von Michael Cornelius, Abt Odilo Lechner. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
VON ABT ODILO LECHNER
Immer rascher verändert sich unser Wissen.
Wir wollen und müssen auf dem neuesten Stand
wissenschaftlicher Erkenntnis und technischer
Kenntnisse sein. Und jeweils das Neueste
soll uns in den Medien vermittelt werden. Umso
erstaunlicher ist es, wenn zwei Journalisten
wie Michael Cornelius und Juergen Schlagenhof
sich Sprüche der Wüstenväter, bis zu siebzehn
Jahrhunderte alt, als Lektüre wählen und
in diesem Buch anderen als Lektüre vorlegen.
Was waren das für Menschen, die vom 3. bis 5. Jahrhundert
aus ihren Städten und Dörfern in die Wüste
von Ägypten, Palästina, Syrien oder Mesopotamien
zogen? Anachoreten hießen sie, Flüchtlinge aus
dem Land des Gewohnten, man nannte sie Eremiten,
Menschen der Einöde und Einsamkeit. Sie waren
Mönche, solche die allein, ohne Familie leben und
die nur auf eines ausgerichtet sind.
So vielfältig ihre Motive waren, auszuziehen aus der
betriebsamen Welt, eines suchten sie vor allem:
Gott in sich zu entdecken, das Evangelium
Christi radikal zu leben, ohne Kompromisse und
Abschweifungen. Wie Antonius, um 251 in
Mittelägypten geboren, traf sie ein Wort Jesu ins Herz
wie das: "Wenn du vollkommen sein willst, geh,
verkauf deinen Besitz ... folge mir nach." (Mat, 19,21).
So lebten sie in Höhlen, Hütten oder Zelten.
Meist hatten sie ihre Zellen (Kellien) in Rufweite
voneinander, um sich in Bedrängnissen der
Seele und des Leibes beizustehen. Aus solchem
Beistand erwuchsen auch die Sprüche, kurze
Geschichten von wegweisenden Worten oder
Zeichen, die erfahrene, reif gewordene Mönche
anderen mitteilten. Jüngere, Suchende, Bedrängte
kamen und pflegten zu bitten: Sag mir ein Wort,
wie ich gerettet werde, wie ich heil werden kann.
Sag mir ein Wort - ein Wort, an das ich mich halten
kann, das meinem Leben eine Richtung, einen Sinn
gibt, das mich der Verlorenheit entreißt. Solch ein
Wort möchten auch heute viele hören. An gelehrten
Erörterungen oder klugen Anweisungen fehlt es
ihnen nicht. In den Vätersprüchen begegnen sie einer
anderen Weisheit. Die kommt aus großer Stille,
aus lebenslanger Erfahrung, aus der Einfachheit eines
verborgenen Lebens. Sie gibt nicht glatte, sofort
begreifbare und umsetzbare Rezepte. Sie gibt nicht
wohlschmeckende Desserts. Sie gibt eher ein
Stück hartes Brot, an dem man lange kauen muss,
aber das Nahrung schenkt für den ganzen Weg.
So, denke ich, kann man immer wieder an einem
dieser Sprüche kauen: Sie lassen spüren, da ist etwas,
was mich angeht, woran auch meine Seele leidet,
wonach auch meine Seele sich sehnt. Und dieses
Wort hilft mir, unnütze Sorgen beiseite zu lassen,
in mir weiterzufragen, in mir zu entdecken, was für
mich wichtig ist.
Ich bin dankbar, dass diese Worte aus der Wüste
weitergegeben und wohl zu Ende des 5. Jahrhunderts
in den griechischen Apophthegmata und in einer
lateinischen Zusammenstellung gesammelt wurden.
Ich bin dankbar, dass sie durch die Jahrhunderte
hindurch in Mönchsregeln und geistlichen Weisungen
weitergewirkt haben.
Regeln wie die des Pachomius ( 346), des Basilius
( 379) oder des Benedikt ( 547) suchen die Weisheit
der Alten zusammenzufassen in eine Ordnung der
gemeinsamen Suche nach Gott. Auch für Benedikt
steht am Anfang seines Weges die Einsamkeit in der
Höhle von Subiaco. Aber dann, als sich Schüler
um ihn sammeln, erkennt er: Die Suche nach dem
Unendlichen beginnt mit der rechten Ordnung
der kleinen endlichen Dinge, des Schlafens und
Aufstehens, des Essens und Trinkens, des Arbeitens
und des Betens. Die Suche nach Gott beginnt
mit der Suche nach dem rechten Maß in unserem
irdischen Dasein.