Karl F. Geldner (1852-1929), Professor in Berlin und Marburg, widmete sich der Übersetzung der Rigveda, dieser altindischen Hymnen, die dann 1911 in Übersetzung erschienen. Axel Michaels (1949-) Professor in Heidelberg zeichnet als Herausgeber und Kommentartor dieses Buches aus der Reihe "Kleine Bibliothek der Weltweisheit".
Dieses kleine Büchlein ist ein Auszug, eine Auswahl wichtiger Texte aus dem Werk der Upanishaden, die ca. im 6. JH v. Chr. über einen längeren Zeitraum entstanden sind. Beginnend mit den Hauptsätzen führt dieses Buch in die Gedankenwelt der indischen Philosophie, Religion und deren ursprüngliche Bedeutung für die Gesellschaft. So wie nur Seiendes war im Anfang dieser Welt, nur eins ohne ein Zweites, so entdeckt man in diesem Buch, das was Jaspers die Achsenzeit nannte. Ohne von einander zu wissen tauchen gleiche Gedanken in Indien und Griechenland auf. Platons
Timaios weiß u. a. ebenso davon zu berichten, wie etwas sich selbst Ursache und Wirkung ist, eben Eins und diese Erkenntnis zeigt sich im Brahman, "von dem man weiß, das er ein Seiender ist" und doch zunächst ein Werdender war und auch Wahrheit der Wahrheit. Und so wie die Upanishaden Wahrheit feststellen, so hat Platon dieses getan, wie zuvor Parmenides in seinem Lehrgedicht von der Wahrheit. Die Upanishaden gehören zu den ältesten Schriften Indiens, sie sind Weltliteratur der Weisheit mit tiefen Ernst und hohem Wert. Über die Grundfragen des Lebens ist hier nachgedacht wie es Platon tat, die Vorsokratiker, die Pythagoräer und die Schreiber des Alten Testaments. Pythagoras selbst wurde von den Upanishaden beeinflusst, die intuitive Mathematik in der vedischen Kultur und ihre Erkenntnisse fanden Einzug in die griechische Mathematik. Die Zahl Null z.B. fand in Indien erste Verwendung wie
der Höhenrausch der Mathematik (S.100ff) zeigt. Indisches Ganit und pythagoreische Mathematik galten als Wissensgebiete des Ganzen und bildeten einen hohen Stellenwert in der philosophischen Hierarchie. Gottesebenbildlichkeit und Selbstvergottung der Asketen sind wie ein Äquitheismus, der mehrere Götter oder einen zum Höchsten Strebenden diesen gleichsetzt, wie es sich spiegelt in der Literatur des 19. und 20. JHs. (vgl. Salomé: Im Kampf um Gott und Rilkes Stundenbuch)
Letztendlich geht es um die Atman-Brahman-Identifikation, wie die Hauptsätze bereits festlegen. Subjekt und Objekt werden Eins, vollständige Kongruenz in der Erkenntnis, es zählt die Identifikation selbst, die Nicht-Zweiheit. Die Upanishaden entfernen sich von Göttern und Opfern, sie suchen Seelenheil und Vermittlung im Weiterleben nach dem Tod. Die griechische Seele und ihre Unsterblichkeit bei Platon wie das Leben nach dem Tod im Christentum oder im Islam finden hier ihre Vorreiter. "Wodurch, durch wen" sind die Fragen der Kena-Upanishad. Diese erinnern an die Fragetechnik Sokrates mit Antworten, die in beiden Fällen in der tiefsten Tiefe nur den Eingeweihten zugänglich waren. Eine Upanishad ist demnach wie eine Geheimlehre, eine Kabbala fernöstlicher Prägung. Sie befasst sich mit den Tiefen des Seins wie das Orakel von Delphi in Homers Ilias. Eine vollständige Eins-Werdung von Ich, All und Natur, der Pantheismus Spinozas und selbst ein Ursprung des Denkens, wenn man Kants "Prolegomina einer zukünftigen Metaphysik" betrachtet (§36-38).
Die Katha-Upanishad versucht das Rätsel vom Tod und dem ewigen Leben ebenso zu lösen, wie es das Christentum denkt. Die vierte Ranke verbindet Innen und Außen, Traum und Wachen werden eins, die empirische Seele wird eins mit der Weltseele, "im eigenen Ich erkennen wir den wieder, der als der einzige Bewusste unter den vielen Bewussten, als der Vergängliche des Vergänglichen. [..] Von seinem Lichte ist alles Leuchtende nur ein Abglanz".
Da findet man die Urbild-Abbild Idee in Platons Politeia und die Lichtidee beim Evangelisten Johannes. Der Ficus religiosa, der von Ewigkeit bestehende Feigenbaum mit in die Höhe strebenden Luftwurzeln auch in den Upanishaden gültig wie im Paradies, wo dessen Blätter Schutz gaben vor dem Anblick der Nacktheit im Erkennen. Und wie modern ist heute das Yoga, dieses Entstehen einer neuen Innenwelt und das Vergehen der Außenwelt. Es ist Rilkes Suche nach sich selbst, seinem Weltinnenraum in sich, den Sigmund Freud, nachdem die koloniale Eroberung der Welt zu Ende ging, als das neue terra incognita entdeckte.
Die Upanishaden gehören dem Veda an, dem von Sehern geoffenbarten heiligen Wissen. Im Zusammenhang mit Jaspers
Was ist der Mensch? eine sehr interessante und gewinnende Lektüre. Man wird feststellen, wie tief die Beeinflussung und die Erkenntnisse über die Jahre und die Kontinente ineinander verwoben waren. Wie sich der Zusammenhang von Denken und Leben (Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste) von Hölderlin auf Heideggers Frage: Was ist Denken? übertrug, so gilt die finale Feststellung eines Rilke Gedichtes: Alles ist Eins.
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