Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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27 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ein Meister der Sprache, aber kein Meister der formalen Konstruktion, 31. Juli 2009
Zwei Genüsse gibt es, die die Literatur dem Leser schenkt: eine gute Geschichte und eine gute Sprache. Die wahren Meister bieten beides in einem Werk - man denke nur an "Madame Bovary" von Flaubert oder "Die Buddenbrooks" von Thomas Mann. Es scheint aber geradezu ein Merkmal vieler Bücher zu sein, dass die Autoren unübersehbar ihre Stärken nur in nur einem der beiden Bereiche zeigen können. Entweder gibt es Meister der Konstruktion von Geschichten wie etwa Ken Follett, den niemand als Sprachgenie bezeichnen wird - oder begnadete Ästethen der Sprache - wie etwa Heimito von Doderer. Ehe mir das für das vorliegende Buch klar wurde, musste ich aber erst 150 Seiten lesen und mir schließlich eingestehen, dass die Konstruktion der Geschichte tatsächlich keinen Vergleich mit der Sprache aushält, in der sie dargestellt wird.
Deswegen ist die Handlung des vorliegenden Romans auch schnell erzählt. Es geht um die englische Industriellenfamilie der Claytons, genau gesagt: um Vater und Sohn, die in der besseren Wiener Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg heimisch werden, ferner um den geschickten Chwostik, der innerhalb der Firma vom Handlanger zum Direktor aufsteigt, ehe er am Ende dem Vater die Nachricht vom Tod des Sohnes bringen muss.
Bis dahin vergehen fast vierhundert Seiten detaillierter Milieu- und Personalbeschreibung, von der "verkröterten Troglodytenexistenz" der Hausmeisterin Wawelka, von Fini und Feverl, zwei jungen Wiener Prostituierten, die schließlich auf dem Hof eines ungarischen Viehbarons landen, dem Gymnasiasten im Metternich-Club, der unzeitgemäßen Ingenieurin Monica - und vielen mehr. Auch wenn all diese Gestalten wie Treibholz in einem großen Fluss dahin dümpeln, sind die sprachlichen Wendungen, Aphorismen und Reflexionen, die der Autor bei seinen Darstellungen gleichsam nebenbei ausbreitet, schlichtweg grandios. "Wann ist man erwachsen?" fragt Doderer scheinbar beiläufig, um zu antworten Wenn man nicht mehr auf sich selbst hereinfällt." An einer anderen Stelle heißt es "Nur auf der allerobersten Stufe des Schweigens steht der Tiefsinn - unten aber der Stumpfsinn." Und so geht das über den gesamten Roman, so dass man versucht ist, es den Angehörigen der weltweiten Doderer-Fangemeinde gleichzutun und sich diese Sprüche in einem besonderen Notizbuch zu notieren.
Aber, man traut es sich kaum zu sagen, unleugbar ist auch, dass der Roman mit dem zunehmenden Fortgang der Handlung zerfasert. Handlungsträger werden unter großen Buhei einfach entfernt, andere treten mit Getöse neu und unnötig noch nach 300 Seiten in die Geschichte ein. Am Ende habe ich jedes Interesse an der Weiterentwicklung der Erzählung verloren, denn die Handlungsführung wurde immer beliebiger. So steht am Ende des Buches auch der klassische deus ex machina: Der arme und liebeskranke Donald Clayton stürzt in die Wasserfälle von Slunji, und alle machen lange Gesichter.
Insgesamt ein Buch, dessen imponierende sprachliche und psychologische Kraft den Leser den Mangel an Handlungsführung nur um so schmerzlicher verspüren lässt.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
In der Nachfolge von Beethoven und Bruckner, 11. Juni 2002
Bewundernswert ist zum einen die konzentrierte und dicht gearbeitete "Durchführung" (Doderer selber verglich den Roman mit dem Satz einer Symphonie), in der Motive höchst durchdacht eingewoben, durchgeführt und, wenn es die Komposition erfordert, wieder mit einem sarkastischen Stiefeltritt hinausgekickt werden. Noch großartiger ist allerdings die Tiefe der psychologischen Charakterdarstellung, die sich treffender Metaphern bedient, um gleich wieder zum Leitmotiv zu werden - im Dienste des großen Themas, des Herausfallens einzelner Personen aus dem geordneten Daseins, des Durchbruchs durch die gesellschaftliche Oberfläche zu tiefen Zerrüttungen der Personen. Vor diesem Hintergrund braucht einen das komplexe Personengeflecht nicht weiter zu irritieren.
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6 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Soapopera auf höchstem Niveau, 11. Oktober 2000
Von Ein Kunde
Wie alle Doderer Werke ist es ein etwas langatmiges Buch, das man immer wieder geneigt ist, wegzulegen und aufzugeben. Es lohnt sich aber, das nicht zu tun. Wo sonst kann man schon so viel über das Wien des 19. Jahrhunderts und seine Gesellschaft erfahren? Wo sonst verspießen sich die Ereignisse sosehr, zerfließen und schwimmen wieder aneinander auf diesem Niveau? Es ist eine Geschichte von Chwostik, dem braven Buchhalter, von Finny und Feverl, zwei Huren, von einem ungarischen Gutsbesitzer, von dem Bismarckclub und vielen anderen, und alle Fäden laufen doch bei einer englischen Industriellenfamilie, die in eine Villa in Praternähe besitzt, zusammen. Doderer fast in Bestform.
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