Heimito von Doderer (1896-1966), wohl der österreichischste aller Großautoren, verursacht einen Zwiespalt der Gefühle: Höchste Verehrung für sein literarisches Schaffen, Bewunderung für seinen Humor und dennoch Vorbehalte seiner eigenen Person gegenüber. Doderers Vita wirft einen Schatten auf sein Werk: Beitritt zur NSDAP 1933, gemütliches Wohnen in Dachau und sein nicht gerade chevaliereskes Betragen gegenüber seiner ersten jüdischen Ehefrau Gusti Hasterlik in gefährlicher Zeit (in den Romanen als Grete Siebenschein verewigt). Nach dem Zweiten Weltkrieg verhinderten diese Stationen das Zustandekommen eines moralisch einwandfreien Verehrer-Kultes wie er um Thomas Mann möglich wurde. Sehr zum Kummer Doderers unterblieb auch jede Nominierung zum Literatur Nobelpreis.
Und dennoch. Dies sei alles hier zur Seite geschoben.
Blickt man allein auf das Werk, so steht fest:
Die "Wasserfälle von Slunj" ist Doderers bester Roman.
Vielleicht sogar einer der besten der westlichen Literaturgeschichte.
Zum Inhalt: Ein Panorama Wiens an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wird aufgerollt. Die Handlung spielt im eleganten Milieu des Großbürgertums, wobei die neue Schicht der industriellen Unternehmer und Ingenieure mit Selbstbewußtsein auftritt. Viele Charaktere und Handlungsfäden werden miteinander verwoben. Im Zentrum des Geschehens steht die Figur des Donald Clayton. Er ist der Sohn des reichen und tüchtigen englischen Unternehmers Robert Clayton. Die Familie stammt aus England, und Clayton senior, der emotional und begeisterungsfähig ist, hat sich einst unter dem Eindruck einer gelungenen Hochzeitsreise mit seiner damals jungen Frau Harriet in Wien angesiedelt. Es trifft sich aufs beste, dass Neigung und Geschäftssinn zusammen wirken. Rasch verschaffen sich die Claytons Respekt. Alles entwicklet sich prächtig. Die Wiener Gesellschaft nimmt die Engländer, deren Exotik einen unerschöpflichen Reiz darstellt, gerne in ihre Mitte auf. Die Firma prosperiert. So werden die verschiedenen Gestalten und Schicksale um die Claytons teilweise sehr humorvoll ineinander verwoben. Der österreichische Buchhalter Chwostik wird zum Glücksfall und wächst - ebenfalls ein Leitmotiv Doderers - von unscheinbaren Anfängen über sich selbst hinaus. Der junge Donald Clayton indes wird zum tragischen Helden. Wiewohl von den Lebensumständen begünstigt und von seinem tatkräftigen Vater liebevoll gefördert, erreicht der junge Clayton nicht das Potential seines Vaters. Beide, Vater und Sohn, sind einander sogar äußerlich ähnlich, fast wie Brüder, dennoch fehlt es dem jungen Clayton an Entscheidendem: Donald ist von seiner Grundhaltung her passiv und handelt nicht. Dies wird zunächst kaum bemerkt, da die äußeren Umstände ohnedies alles bestens laufen lassen. Mit der Ankunft eines jüngeren Cousins aus Kanada aber wird zunehmend fühlbar, dass Donald ins Hintertreffen gerät. Der junge Cousin, ein Kind noch, schart ohne Anstrengung Freunde um sich. Ein Defizit, das man bei Donald bis dahin noch gar nicht bemerkt hatte. Auch eine sich entspinnende Liebesgeschichte zwischen Donald und einer jungen Ingenieurin gerät ins Stocken. Es ist Donalds Tragik, dass er seine Schwäche nicht erkennt. Und damit - in der Auffassung Doderers - verweigert, die ihn angeborenen Fesseln zu überwinden. Als Kind schon hat Donald unter Angstzuständen gelitten. Immer wieder taucht vor ihm die Vorstellung einer Wasserwand auf. Nie wagt er jedoch, an das Fenster zu treten und bis auf den Grund dieser Wasserwand zu blicken. Diese Passivität, dieses Sich-Nicht-Überwinden wird zu seiner Schuld. Letztlich ist es diese ungelöste Lebensaufgabe, an der Donald zugrunde geht.
Den Titel "Die Wasserfälle von Slunj" leitet sich von einem Dorf in Kroatien her. Der kleine Ort Slunj mit seinen Wasserfällen spielt am Beginn des Romans eine Rolle. Am Ende laufen dort wieder alle Handlungsfäden schicksalhaft zusammen.
Stilistisch gehört Doderer zu den wenigen Schriftstellern, die im Alter immer besser wurden. Die Wasserfälle erschienen 1963 und sind damit Doderers letzter Roman, der ganz fertig gestellt wurde ("Der Grenzwald" blieb Fragment). Die Sprache hier ist verdichtet, knapp für Doderer, die Handlung streng komponiert, die Personen mit faszinierenden Entwicklungsbögen versehen.
Ein Meisterwerk der Weltliteratur.