Als Historiker wundere ich mich (mittlerweile) nicht (mehr) über schlecht recherchierte Mittelalter-Romane, in denen Protagonisten agieren, die neuzeitlich denken und handeln, dies aber vor einem mittelalterlichen Hintergrund tun. Solche ahistorischen Darstellungen sind der Regelfall, weil den meisten Autoren einfach der Einblick fehlt, mittelalterliches Denken und Fühlen darzustellen. So auch im vorliegenden Fall. Sämtliche Protagonisten der "Wanderhure" sind modern denkende Menschen, die in ein mittelalterlich aussehendes Sujet eingebunden wurden, in ihrem Denken und Handeln findet sich praktisch nichts "typisch spätmittelalterliches." Wäre dies der einzige echte Fehler, den dieser Roman enthielt, befände er sich in bester Gesellschaft und könnte immer noch zu einer insgesamt positiven Bewertung gelangen.
Doch ein positives Gesamturteil ist nicht möglich, denn das Produkt von Frau Lorentz gelangt nie über das Niveau billigster Groschenromane hinaus:
Die klischeehafte Darstellung fast sämtlicher Protagonisten ist schon beinahe übelerregend. Alle Schurken sind durch und durch böse (und fast immer männlich), alle Guten sind durch und durch gut (und sehr häufig weiblich); es gibt nur Schwarz oder Weiss, aber keinerlei Grautöne. Es fehlt den Protagonisten fast jeder charakterliche Tiefgang, Einblicke in das Seelenleben - zum Verständnis mittelalterlichen Denkens absolut unverzichtbar - gibt es nicht. Protagonisten verkommen hier zu zweidimensionalen Karikaturen ihrer selbst.
Die Handlung ist eine einzige Abfolge abenteuerlich dümmlicher Ereignisse, Vergewaltigungen, Morde, Intrigen und dazwischen immer wieder die unwahrscheinlichsten Zufälligkeiten, um der Handlung ihre vorhersehbaren Wendungen zu geben. Es grenzt schon an vorsätzliche Verdummung der Leser, wenn eine Autorin solch wild zusammengewürfelte Ereignisabfolgen als stringente Handlung verkaufen will. Sex sells, das ist sicherlich richtig, aber in der "Wanderhure" scheint die Handlung - wenn sie denn eine solche Bezeichnung überhaupt verdient - nur als Vorwand für die Schilderung sadistischer Sexualphantasien zu dienen.
Passend dazu sind auch Sprache und Stil von Frau Lorentz, und damit sind wir beim dritten Schwachpunkt - wobei das gesamte Buch eigentlich nur als eine einzige Ansammlung von Schwachpunkten verstanden werden kann. Die "Wanderhure" strotzt vor sprachlichen Klischees und abgenutzten Redewendungen und bestätigt damit den miserablen Gesamteindruck des Lorentzschen Machwerks.
Zusammenfassend läßt sich sagen, dass Frau Lorentz so ziemliche jede schriftstellerische Todsünde begangen hat, die sich denken läßt:
Oberflächliche und zweidimensionale Charaktere bewegen sich vor einem Zerr- und Abziehbild des späten Mittelalters, wobei die Handlung trotz reisserisch dargestellter Freveltaten klischeehaft, langweilig und vorhersehbar ist. Das niedrige sprachliche Niveau bestätigt eigentlich nur, dass sich die "Wanderhure" wohl besser zur Veröffentlichung als Fortsetzungsroman in irgendwelchen Druckerzeugnissen der Regenbogenpresse geeignet hätte.
Schade ist es eigentlich nur um jeden Baum, dessen Holz zur Herstellung des Papiers verschwendet wurde, das für den Druck der "Wanderhure" eingesetzt wurde und noch immer wird. Wäre es bei der Bewertung möglich gewesen, null Sterne zu vergeben, so wäre dies mein abschließendes Urteil. Denn die "Wanderhure" ist weder ein historischer Roman, noch vermag das Buch den Leser wenigstens halbwegs anspruchsvoll zu unterhalten. Im Grunde ist es nicht mehr als sadistische Pornographie mit künstlich aufgepfropftem Happy Ending.