Der Film basiert auf dem gleichnamigen literarischen Meisterwerk von Marlen Haushofer, das 1963, einige Jahre vor ihrem frühen Tod, erstmals verlegt wurde. Es ist davon auszugehen, dass der Film ebenso polarisieren wird wie das Buch. Wer die Geschichte für bare Münze nimmt, wird wohl viel an ihr auszusetzen finden, vielleicht wird er sie als langweilig und unglaubwürdig einstufen. Für mich ist sie ein universelles Gleichnis, das an einem Einzelschicksal aufgezeigt wird. Wie überlebt ein Mensch, der sich völlig alleine fühlt, in sich selbst eingeschlossen und ohne Möglichkeit mit anderen wirklich zu kommunizieren, außer über das Schreiben, über Texte, die Fehlinterpretationen Tür und Tor öffnen?
Vordergründig passiert folgendes: Eine Frau, die namenlos bleibt, nicht mehr jung, noch nicht alt, die ein städtisch geprägtes, gutbürgerliches und vielleicht zutiefst verlogenes Leben führt, fährt mit einem Ehepaar in dessen Jagdhütte am Fuße des Dachsteinmassivs. Was als Wochenendausflug beginnt, entwickelt sich sehr schnell zu einem harten, entbehrungsreichen Leben in der Natur, in dem es fast bis zum Schluss keinen anderen Menschen mehr gibt. Eine unsichtbare Wand, die sich kreisförmig um ein großes, waldreiches Gebiet zieht, schließt die Frau in atemberaubender, aber auch unerbittlicher Natur ein; die Außenwelt scheint erstarrt, tot. Sie ist fortan auf sich selbst gestellt und muss lernen, aus eigener Kraft mit wenigen Relikten aus der bisherigen Welt zu überleben. Einige Tiere sind an ihrer Seite, vor allem der Jagdhund Luchs, der schon bald ihr engster Gefährte wird. Wie fast alle Hunde ist er „menschennärrisch“ und tröstet die sich so unzulänglich fühlende Frau durch bedingungslose Treue. Luchs steht ihr am nächsten, aber es gibt auch Katzen und Bella, die Kuh, die später kalbt und ihr Milch liefert, um den Preis aufwendiger Versorgung und einer Bindung ans Haus, das sie nur im Radius einer Entfernung, die ihr die tägliche Rückkehr ermöglicht, verlassen kann. Wir begleiten die Frau im Wechsel der Jahreszeiten, solange sie genügend Papier zum Schreiben hat. Das entbehrungs- und arbeitsreiche Leben wird im Film immer wieder angedeutet, anders als im Buch entwickelt die monotone Mühsal jedoch keine Dominanz. Die Schönheit der Natur und die heilsame Hingabe der Protagonistin bis zu jenem Zeitpunkt, fast am Schluss, als die Gewalt mit aller Brutalität in dieses stille Sein einbricht, überwiegen. Dennoch fordert das Geschehen auf der Leinwand die Psyche des Betrachters, sofern er in der Lage ist, etwas davon zu spüren, was in der Frau vor sich geht. Man empfindet nur das, was, in welcher Ausprägung auch immer, in einem selbst ist. Daher rührt der Bann, der die einen im Bezug auf „Die Wand“ befällt und am anderen Ende der Skala die Langeweile und die - rational betrachtet und mit abgelenktem Auge verfolgten - logischen Brüche, die andere nerven.
Julian Roman Pölsler, der österreichische Regisseur und Drehbuchautor, betonte in einem Interview zum Film, dass er zeitlebens ein Waldmensch geblieben ist. Ich glaube, dass bei Menschen, in denen das sehr Ländliche, die Nähe von Tieren und ganz besonders der Wald oder die Berge in der Kindheit und Jugend einen prägenden Eindruck hinterlassen haben, dieser sich nie ganz verliert, egal wie weit sich der Weg auch von diesem Lebensraum entfernt. Der Lockruf, ob stark oder schwach, bleibt. Vielleicht werden manche Pölsler die fast immer vorhandene Postkartenidylle seiner Bilder vorwerfen, aber ich glaube nicht, dass dahinter nur der Wille nach einem auch ästhetisch bestechenden Film steht. Die Schönheit der Landschaft sorgt für den scharfen Kontrast zu dem in all’ seinen komplexen Widersprüchen sich darin bewegenden Menschlein, das gerade so viel quälenden Verstand hat, um zu wissen, dass gerade ihn die Natur von allen Lebewesen am wenigsten braucht.
Womit wir wieder bei der Frau und in diesem Fall, der ein Glücksfall ist, bei Martina Gedeck sind. Was für eine Schauspielerin. Es gibt außer ihr nur wenige (Corinna Harfouch beispielsweise oder, leider seltener, Barbara Sukowa), die so brillant und intensiv spielen und bei aller Persönlichkeit doch immer wieder völlig hinter ihrer Rolle verschwinden können. Mittelmäßige Schauspieler können das nicht, sie spielen immer nur Variationen ihrer selbst, weshalb so mancher Betrachter sie schon bald nicht mehr sehen will. Außerdem sind herausragende Schauspieler in der Lage, ihre Eitelkeit zu überwinden. Martina Gedeck hat den Ruf, in Interviews kaum Privates preiszugeben (was eher für sie spricht), ihren Rollen gibt sie sich jedoch mit großer Intensität hin. Sie versteht es, in diesem Film der Figur der namenlosen Frau jene außergewöhnliche Stärke zu geben, die mit der im Grunde paradoxen Zerbrechlichkeit eine faszinierende Persönlichkeit zum Leben erweckt, die im sensiblen Betrachter kaum benennbare Beklemmungen hervorruft. Diese Person ist nicht im realen Leben verankert, sie lebt ausschließlich in der Literatur, worauf der Film gleich zu Beginn mit dem Bücherstapel neben dem Bett verweist und ganz ausdrücklich damit, dass die Geschichte mit dem Vorhandensein von beschreibbaren Material beginnt und offen endet.
Beschäftigt man sich mit dem Leben der Marlen Haushofer ausführlich, indem man die umfangreiche Biografie von Daniela Strigl liest oder kürzer und gestraffter, auch oberflächlicher, mit dem Essay von Marlene Krisper, bekommt man eine Ahnung davon, wie und warum „Die Wand“ so und nicht anders entstanden ist. Marlen Haushofer selbst wird dabei ein Rätsel bleiben. Wieso sie so lebte, wie sie lebte und nicht anders, was sicher besonders nach dem bürgerlichen Mief der unmittelbaren Nachkriegszeit möglich gewesen wäre, wenn es ihr möglich gewesen wäre, konnte ich nicht entziffern. Letztendlich blieb sie eine Gefangene ihrer selbst und das gilt wohl für uns alle.
Bleibt noch zu erwähnen, dass dieser Film durchaus mit einem hinreißenden zweiten Hauptdarsteller punkten kann. Es handelt sich dabei um Pölslers Hund. Mit diesem Filmpartner hatte Martina Gedeck nach eigenen Worten zwar Anfangsschwierigkeiten, die sich, wie im Film zu sehen ist, aber schon bald in Luft auflösten.
Ein ergreifender Film. Oder auch nicht. Wenn Ihnen danach ist, finden Sie es heraus.
Helga Kurz
2. Dezember 2012
Das ordentliche Leben der Marlen Haushofer: Ein EssayMarlen Haushofer: Die Biographie