Da ist es wieder - das Väterchen Franz, der versoff'ne Chronist. Nicht, dass es je wirklich weg gewesen wäre, aber es musste sich in den Jahren 1967ff dem wütenden "singenden Anwalt" unterordnen, der sich plötzlich im Fokus des Interesses wiederfand, nachdem er kämpferisch klampfend die Zwischentöne, selbst die eigenen, aufs Abstellgleis der Geschichte verbannt hatte. Degenhardt war eine der lautesten deutschen Stimmen im Soundtrack der Bewegungen rund um die 68er Generation und sicher eine der überzeugtesten und überzeugendsten, das legendäre '68er "Live"-Album wurde Teil der Chronik des erhofften großen Umbruchs. Das 1969 nachfolgende Studiowerk "Im Jahr der Schweine" war keinesfalls weniger nachgiebig, selbst wenn an der einen oder anderen Stelle doch wieder der feinfühlige Lyriker und Sprachspieler aufblitzte.
Und 1971? Da wandelte sich die Gitarre unter Degenhardts Händen plötzlich wieder vom Schlag- zum Zupfinstrument, die Texte wiesen über weite Strecken die Verschachtelungen, Sprachbilder und - oha! - Zwischentöne auf, die man von dem einstigen Bänkelsänger Degenhardt kannte, der Chronist trat wieder ans Mikrofon und erzählte seine Geschichten, während der wütende Widerstandskämpfer weitestgehend zurechtgestutzt wurde auf die Rolle des Spötters.
Diese scheinbare Rückbesinnung erklärt sich duch die Ereignisse der Jahre 1969 und 1970, in denen Degenhardt Zeuge wurde, wie die Bewegung, auf die er so große Hoffnungen gesetzt hatte, implodierte und in unzählige Splittergruppen zerfiel. Er hatte längst erkannt, dass Willy Brandt die von linker Seite in ihn gesetzten Hoffnungen nicht in vollem Umfang erfüllen konnte und/oder wollte, was 1971 zu seinem Aufruf zur Wahl der DKP und folgerichtig zum Bruch mit der SPD führen sollte. Während sich andere Kabarettisten oder Satiriker noch höflich mit Kritik an denjenigen zurückhielten, die sie selbst heraufbeschworen hatten, attestierte Degenhardt ihnen, den Berufsnörglern und Schreibfederfechtern, auf diesem Album "Schlechte Zeiten", womit er Georg Kreislers Diagnose "Das Kabarett ist tot" um einige Monate vorweg nahm. Degenhardt sah die Diskussionsabende einerseits ins Nichts ausufern, andererseits aber auch über den Umweg der Spaßguerilla in der Spaßgesellschaft oder aber der Stadtguerilla münden. In einer solchen Situation verbot es sich schon praktisch von selbst, weiterhin kämpferische Lieder zu singen. Aber man konnte und musste Fragen stellen, und genau das tat Degenhardt auf diesem Album. Im Grunde stellt der "Big Zeppelin" einen vorhergeahnten Abgesang auf die 68er Bewegungen dar, oder vielmehr: es hinterfragt die bis zu diesem Zeitpunkt erreichten Ergebnisse derselben. Noch findet sich hier und da Hoffnung - die alten Feindbilder werden ebenso präsentiert wie jüngere, gesellschaftliche Missstände landen wie gehabt am Pranger, die alte Gemeinschaft und der große Traum werden noch einmal beschworen -, aber all das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass viele der früheren Ausrufezeichen mittlerweile Fragezeichen gewichen sind und allerhöchstens noch ein mahnend erhobener Zeigefinger zwischen den Zeilen erkennbar ist, der vor dem vorzeitigen und unseligen Ende der Bewegung warnt, und nicht mehr einer, der die Richtung vorgibt. "Big Zeppelin" ist kein wirklich resignierendes Werk geworden, viel eher dürfte ein ordentlicher Tritt in den Hintern gewisser Gruppierungen in der Absicht Degenhardts gelegen haben, verbunden mit der Forderung nach einer Neuorientierung, dies geschieht jedoch mit einem nicht zu leugnenden pessimistischen Unterton. Auf "Big Zeppelin" betätigt sich Väterchen Franz - nicht zum letzten Mal - als Prophet, und es ist beeindruckend, mit welcher Genauigkeit Degenhardt seine Mitmenschen einzuschätzen und daraus folgend seine warnenden Worte zu setzen vermag. Einige der Lieder ließen sich mit nur wenigen, unbedeutenden Handgriffen aktualisieren und manche Aussagen der Vertreter der neuen Ökonomie, die er hier teilweise ins Groteske übersteigert, begegnen einem leider auch heute noch.
"Big Zeppelin" ist ein Album, das eher ungewollt mit Degenhardts offen erkennbar rebellischer Phase ("Live", "Im Jahr der Schweine") abschließt und den Grundstein für die Folgezeit legt. Hier findet man nicht mehr nur den Kämpfer, sondern auch wieder den Lyriker und Geschichtenerzähler, den Figurenerfinder und Sprachtüftler. Als "Werk der Umorientierung" gehört das Album sicher nicht zu den besten oder bekanntesten im Kanon Degenhardts, es baut allerdings die Brücke zum späteren Degenhardt-Werk, zum einen durch die Einführung von Horsti Schmandhoff und Rudi Schulte, die später immer wieder um die Ecke winken, zum anderen durch die offene oder versteckte Vorwegnahme der weiteren Entwicklung, die sich in den Degenhardt-Liedern der nachfolgenden Jahre oft niederschlagen sollte. "Big Zeppelin" ist ein Album, das wie kaum ein anderes die Situation der Linken anno '70/'71 beleuchtet und eine Frage stellt, die wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt bereits keiner mehr eindeutig beantworten konnte: Soll das wirklich alles gewesen sein?