Weihnachten steht vor der Tür - die Zeit der Besinnung. Nicht aber in der Reedereifamilie Stahlberg und auch nicht bei Hauptkommissarin Hanne Wilhemsen, die ihren wohlverdienten Weihnachtsurlaub abbrechen muss, bevor er überhaupt angefangen hat. Ein grausamer Mord ist geschehen, dem die Eltern und der älteste Sohn der Familie Stahlberg sowie der Lehrbuchlektor Knut Sidensvans zum Opfer gefallen sind. In welcher Verbindung letzterer zu den anderen Opfern stand ist noch nicht klar. Motive für den Mord an den Familienmitgliedern gibt es einige, insbesondere in der eigenen Verwandtschaft: Carl-Christian, der jüngere Sohn, lag gerade im Rechtsstreit mit seinem Vater um die Nachfolge in der Reederei, die an seinen älteren Bruder Preben gehen sollte. Und was haben seine Frau Mabelle und seine Schwester Hermine zu verbergen? Die meisten bei der Polizei sind sich ziemlich schnell einig, der Mörder muss einer von den dreien sein, doch Hanne Wilhemsen, die eigentlich ungern jemanden an ihren Überlegungen teilhaben lässt, will auch Knut Sidensvans nicht außer Acht lassen.
Inspiriert wurde die Autorin durch einen Dreifachmord, der ganz Norwegen erschütterte, bei dem die Opfer allerdings nicht so bekannt und berühmt waren wie in dieser Geschichte.
Anne Holt bringt uns bei, dass man im täglichen Leben zu sehr mit Denkmustern arbeitet. Dass die Polizei im Dunkeln tappt und nach dem vordergründigsten Strohhalm schnappt, das ist in vielen Kriminalromanen so, aber Anne Holt streut immer wieder Zweifel ein, die dem Buch hervorragend zu Gesicht stehen - die Story verläuft damit nicht so geradlinig.
Überhaupt lebt die ganze Geschichte noch mehr von der Hauptfigur als das bei vielen anderen skandinavischen Polizeiromanen der Fall ist - ein eindeutiges Plus. Obwohl z.B. Helene Tursten sehr detailreich schreibt, hat ihre Protagonistin kein Gesicht für mich, Karin Fossums Kommissar Sejer bleibt ebenfalls blass. Anne Holt spielt da eindeutig in einer anderen Liga. Sogar der König des skandinavischen Krimis Mankell hat mir seinen Wallander nicht so nah gebracht. Aber nicht nur Hanne Wilhelmsen wird sehr vielschichtig dargestellt, dies gilt auch für die meisten anderen Figuren in dieser Geschichte.
Als Verfasserin einer Krimiserie kann man Anne Holt durchaus loben. Obwohl ich eine solche gerne in der richtigen Reihenfolge lese, fühle ich mich im siebten Band gut aufgehoben. Natürlich habe ich Fragen, will wie immer alles ganz genau wissen und ich werde auf die Folter gespannt, aber das ist nicht unangenehm in diesem Fall. „Die Wahrheit dahinter" besteht die Prüfung als „Stand-alone"-Roman ganz gut.
Sicherlich ist es nicht für alle Leser positiv, dass Frau Holt der Nebenhandlung reichlich Platz einräumt, aber das ist wie immer Geschmackssache. Die Atmosphäre wird auf jeden Fall hervorragend vermittelt, verstärkt durch die Tatsache, dass die Handlung in der Weihnachtszeit spielt.
Ziehen wir ein Resümee: Trotz der relativ abrupten Auflösung ein packender Fall, der voll und ganz zu überzeugen weiß und der Lust auf mehr von Anne Holt macht. Meine Erwartungen, die sich eher an Karin Fossum (warum auch immer) orientiert haben, wurden bei weitem übertroffen. Wer allerdings einen straffen Handlungsbogen bevorzugt, der den Ermittlern kein Leben neben der Arbeit zubilligt, der sei hiermit gewarnt.