Ich war selten bei einem Buch so hin (positiv) und her (negativ) gerissen, wie bei diesem. Daher kam mir kurz der Gedanke, einfach zwei Rezensionen abzugeben. Eine mit einem Stern und eine mit fünf. So gebe ich einen in der Hoffnung, dass trotzdem rüberkommt, dass es sich hier um ein wirklich lesens- und vor allem aber auch nachdenkenswertes Buch handelt.
Was erschreckend, aber nicht wirklich überraschend, ist, ist das, was man sehen könnte, wenn man Mäusschen spielen könnte.
Erschreckend auf der einen Seite, wie die Scheinwelt und die Realität auseinanderklaffen. Jeder mag jetzt einfach mal an alle Menschen denken, die er 'kennt', also deren Scheinwelt er kennt. Was mag sich hinter den Kulissen abspielen?
Erschreckend aber auch, und hier kann ich aus eigener bitterer Erfahrung sprechen, wie sehr man es doch einfach nicht checkt, dass eine Partnerschaft harte Arbeit ist. Immer. Und erschrecken tut mich auch, dass, wenn Partner nicht gleich von Anfang an anfangen, an ihrer Gemeinschaft zu arbeiten, es dann im Verlauf der Zweisamkeit auch nicht mehr schaffen.
Deshalb sind die Geschichten, die hier von Frauen erzählt werden, absolut lesenswert. Aber nur, wenn sie dazu führen, die gedankliche Oberflächlichkeit zu verlassen. Also nicht nur lesen und hinterher sagen: 'Wusst ich's doch: Männer sind Schweine.' Die Geschichten sollten vielmehr dazu anregen, tiefergehend über seine spezielle und Partnerschaft im Allgemeinen nachzudenken.
Und hier komme ich zu meiner 1-Sterne Meinung.
Natürlich fällt sofort auf, dass die Autorin nur eine Seite der Medaille schildert. Und die noch nicht einmal ganz.
Sie kommentiert nicht mit einem Wort das Geschriebene. Lässt es einfach so stehen. Deshalb ist dies auch kein Sachbuch. Ach so, es steht ja auch Brigitte-Buch auf dem Cover.
Was mir vollkommen gefehlt hat, ist ein Hinweis darauf, dass so etwas wie Paarpsychologie existiert. Dass man selbst im Anderen oft das Verhalten erst hervorgeruft oder verstärkt, dass man anschließend an ihm nicht mehr mag. Dass hier der Ausspruch: "Es hat an uns beiden gelegen" wirklich ernst genommen wird. Dieser Satz wird zwar oft (immer?) bemüht, aber gedanklich geht er bei den einzelnen oft so weiter:"aber eigentlich doch nur an DIR!"
In diesen Dingen wird der Leser hier völlig alleingelassen.
Die andere Seite der Medaille wären Geschichten von Männern gewesen, die sich bestimmt ebenso interessant gelesen hätten.
Der Titel des Buches enthält das Wort 'Wahrheit'. Die gibt es so nicht und schon gar nicht bei Dingen die von menschlichen Emotionen bestimmt werden. Das Buch hätte heißen müssen: "'Meine WahrNEHMUNG über meine Ehe'."
Also mein Tip:
Das Buch unbedingt lesen, aber bereit sein, nicht nur die Oberfläche wahrzunehmen, sondern es vielleicht als Arbeitsbuch zusammen mit seinem Partner zu benutzen. Dann aber unbedingt noch zweilerlei bedenken:
1. Vielleicht Band 2 abwarten, in dem Männer erzählen (wozu ich die Autorin hiermit dringend auffordere)
2. Begleitende Literatur zum Thema Paarpsychologie lesen.