Als dieses Hauptwerk des älteren Goethe 1809 erstmalig erschien, fand der Autor keine besondere Anerkennung für diese für damalige Verhältnisse doch etwas frivole Beziehungskiste. Heute, fast 200 Jahre später, gelten die "Wahlverwandtschaften" als einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste, Roman der deutschen Literaturgeschichte. Und dies liegt sicherlich nicht nur an dem allzeit beliebten Sujet der Liebe mit all ihren Hindernissen, sondern vor allem an der höchst fortschrittlichen, weit über die eigene Zeit hinaus gehenden Diskurskritik, welche dieser Text vor allem in Bezug auf Wissenschafts-, aber auch auf soziologische Diskursmodelle, Typologien und Ordnungsmuster richtet. Ebenso wichtig erscheint dazu die für Goethe typische, massiv verdichtete Verweisstruktur innerhalb des Romans; kein Geschehnis, keine Charaktereigenschaft, keine Handlung geschieht hier zufällig, alles verweist aufeinander und bildet ein in sich geschlossenes Ganzes, ein vollendetes Kunstwerk, ganz so wie es dem Goetheschen Weltbild entspricht.
Auf der Ebene des Handlungsstrangs bieten die "Wahlverwandtschaften" dabei zunächst einen vergleichsweise zugänglichen, wenn auch etwas exzentrisch anmutenden Stoff: Eduard und Charlotte, ein junges Ehepaar aus dem noch gut situierten, wenn auch langsam verarmenden Landadel, führen nach dem Tode ihrer jeweils älteren und betuchten, aus reinem Kalkül geheirateten Ehegatten, in Zeiten von Säkularisierung und Aufkeimen bürgerlicher Gesellschaftsstrukturen eine (scheinbar?) glückliche, ruhig und gesetzt anmutende Ehe auf einem idyllischen Landsitz, welchen sie ebenso leidenschaftlich wie dilettantisch von Zeit zu Zeit umgestalten, um so künstlerisch auf die Natur einzuwirken und sich als Menschen ihrer zu bemächtigen - ein zentrales Motiv des Romans. Aus dem Einerlei des Lebens als politisch bedeutungslose, aber durchaus gebildete und für heutige Verhältnisse sehr entspannt und aufgeklärt denkende Adelige heraus lancieren die Partner die Aufnahme des Hauptmanns, einem Freund Eduards, sowie Ottilies, der verarmten Nichte Charlottes, auf das Landgut. Die erste Konversation zwischen den Neuankömmlingen und den Ehegatten bildet nun das Epizentrum des Romans. Der Hauptmann - ein gebildeter, rational denkender Vertreter einer bürgerlichen Lebensauffassung - entfaltet die zur Goethezeit tatsächlich populären chemischen Theorie der "Wahlverwandtschaften", nach der sich 2 "Paarungen" aus je 2 Elementen, wenn sie denn zusammengeführt werden, ihrer Natur gemäß neu anordnen und in unterschiedlicher Heftigkeit so miteinander reagieren, dass 2 neue "Paare" von Elementen entstehen; eine Theorie, welche die Charaktere selbstverständlich direkt auf die eigene Situation auf dem Landsitz übertragen. Doch während diese zunächst von zwei asexuellen, freundschaftlich verbundenen gleichgeschlechtlichen Paarungen ausgehen, kristallisert sich rasch genau das heraus, was kommen musste: Der leidenschaftlich-umtriebige Eduard verliebt sich massiv in die jungfräulich-dienstbare, zur Marienfigur stilisierte Ottilie, welche seine Gefühle durchaus erwidert, während die beiden eher rational orientierten Charlotte und Hauptmann ebensolche Neigungen füreinander entwickeln, wenn auch nicht in gleicher Heftigkeit. So wird ein Konflikt ins Rollen gebracht, welcher sich auch dann nicht auflöst, als Eduard und Charlotte nach einer zum doppelten Ehebruch stilisierten Liebesnacht ein Kind erwarten und dieses bekommen. Geradezu symbolisch wie grotesk mutet schließlich die Bescrheibung dieses Jungen an: Es gleicht nicht seinen Eltern, sondern den beiden anderen Personen, an die Eduard und Charlotte während des Zeugungsaktes in liebevoller Weise gedacht hatten. Ist es also Naturnotwendigkeit, dass die 4 Personen in der neuen Beziehungskonstellation zusammenfinden. Zunächst scheint es so, auch wenn in der sittsamen Ottilie ein anhaltender Widerstreit zwischen ihren sinnlichen und sittlichen Antriebskräften vorgeht. Als sie sich schließlich doch ihrem Verehrer hingibt, welcher de facto bereits die Ehescheidung mit Charlotte lanciert hat, geschieht jedoch ein Unglück, welches die beiden Liebenden gemeinsam in ein tragisches Schicksal führen wird, das mit seiner religiös überhöhten Dramatik als tiefe Ironie und Seitenhieb auf die allzu metaphysischen literarischen Trends der zur Goethezeit sehr einflussreichen Romantiker gelsen werden kann.
Doch ist die chemische Gleichnisrede tatsächlich der Schlüssel zu diesem Roman? Ist es wirklich alles so eindeutig, so von strukturellen Analogien geprägt? Will uns der Autor ein solch einfaches Weltbild, eine solche Konzeption von Naturnotwendigkeit verkaufen? Wohl kaum. Neuere Forschungen zu den "Wahlverwandtschaften" bestätigen den Zweifel, den man selbst intuitiv gegen diese irgendwie viel zu naheliegende und reduktionistisch anmutende Lesart vorbringt. Die Bedeutung der chemischen Gleichnisrede, welche die Theorie der Wahlverwandtschaften als Schlüssel zur Beziehungskonstellation im Roman nahelegt, sie zeugt vielmehr von einer radikalen Wissenschafts- und Erkenntniskritik, mit welcher Goethe einiges vorwegnimmt, was bis zur heutigen Zeit allzu oft vergessen worden ist, wenn man sich den fast widerstandslosen Siegeszug der positivistischen Naturwissenschaften in der westlich geprägten Welt anschaut. Die Gleichnisrede, und somit die naturwissenschaftlichen Diskurse überhaupt, sind viel zu starr strukturiert, als dass sie die Dynamik menschlicher Beziehungen, ja als das sie das vielschichtige, veränderliche und von mannigfaltiger gegenseitiger Überlagerung geprägte Wesen dieser Welt tatsächlich im Stile einer Analogie abbilden könnte. Die "Wahlverwandtschaften" sind somit ein Roman, der aufzeigt, wie wenig fassbar das Geschehen in der Welt, die Wahrnehmung des Menschen, tatsächlich ist. Typologien, Ordnungsmuster, Diskurse - sie alle können nur Notbehelf sein, wenn es darum geht, aus den Vorgängen in dieser Welt einen Sinn abzuleiten. Goethes Wissenschaftsverstädnis ist geprägt von der Einbeziehung des beobachtenden Subjekts in die beobachtete Welt. Seine Ablehnung einer strikten, dichotomen Trennung von Subjekt und Objekt findet in den "Wahlverwandtschaften" auf eine beeindruckende Weise Niederschlag. Die Welt ist alles, und das Subjekt ist ein Teil dieses Ganzen. Vereinfachende Typologien, vorgefertigte Muster, Diskurse, welche vorschreiben, wie "es ist", wie "man es richtig macht", müssen scheitern und führen den Einzelnen in die Irre. Somit stellen die "Wahlverwandtschaften" ein Paradebeispiel für die Einheit des Gesamtwerks Goethes dar. Sein Wissenschaftsverständnis sowie seine dichterische Meisterschaft vereinigen sich hier zu einem Roman, den man als Gelegenheitsleser auf der Ebene des Plots runterlesen kann wie eine spannende Liebesgeschichte, und der zudem für literaturwissenschaftlich interessierte einer der Schlüsseltexte der deutschsprachigen Literatur darstellt.
Übrigens: Die Reclam-Ausgabe glänzt durch ein erhellendes Nachwort des Bochumer Literaturwissenschaftlers Benedikt Jeßing, welcher nicht nur die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte sowie historische Hintergrundinformationen zum Roman liefert, sondern verschiedene, sehr plausible und dem aktuellen Forschungsstand entsprechende Interpretationsansätze vorstellt, ohne dem Leser dabei präskriptiv eine bestimmte Lesart dieses vielschichtigen und dynamischen Werks nahezulegen.