Buch der 1000 Bücher
Die Wahlverwandtschaften
OA 1809 Form Roman Epoche Klassik
Eine wechselnde Liebesbeziehung zwischen vier Menschen, die in eine Katastrophe mündet, wird von Goethe in Bild und Terminologie eines chemischen Prozesses wie eine Versuchsanordnung betrachtet.
Entstehung: Einem von dem schwedischen Chemiker Torbern Bergman 1775 beschriebenen Sachverhalt bezeichnet der Mineraloge Goethe als »Wahlverwandtschaft«, wobei er einer Naturgesetzlichkeit bewusst menschlichen Charakter verleiht: Manche chemische Verbindungen werden durch das Hinzukommen anderer Stoffe aufgelöst, so dass die Elemente neue Verbindungen eingehen. So interpretiert der Roman das Verhalten vierer Personen wie etwas »Anorganisches«, etwas Unausweichliches.
Inhalt: Baron Eduard hat seine Jugendliebe Charlotte geheiratet und kann sich nun der gärtnerisch-architektonischen Umgestaltung seines Landguts widmen. Als er seinen Freund, den Hauptmann Otto, als Dauergast aufnimmt, lädt seine Frau aus Vorahnung ihre unschuldig-jugendliche Nichte Ottilie ein. Dem Titel entsprechend, entstehen zwei unheilvolle Liebesbeziehungen. Charlotte und Otto versagen sich zunächst ihre Neigung zueinander, während Eduard sich rückhaltlos in Ottilie verliebt. In einer Nacht »doppelten Ehebruchs«, in der beide Ehepartner an den jeweils anderen denken, wird ein Kind gezeugt; die beiden Liebespaare aber gestehen einander ihre Gefühle.
Die Situation ist für alle Personen unhaltbar geworden; Otto reist ab und Eduard zieht in den Krieg, während die zwei Frauen zurückbleiben. Als das Kind von Charlotte geboren wird, fällt seine Ähnlichkeit mit den beiden nur geistig Beteiligten auf. Bei der Heimkehr Eduards entsteht zunächst die Hoffnung, den Konflikt gütlich durch Scheidung zu lösen. Doch bei einer Bootsfahrt, bei der erstmals auch Ottilie ihrer Neigung zu Eduard nachgibt, wird sie schuldig am Ertrinken des Kindes. Sie beschließt, sich von der Welt zurückzuziehen. Als Eduard nicht verzichten und sie aus dem Pensionat zurückholen will, hungert sie sich zu Tode. Sie gewinnt die Aura einer Märtyrerin und wird mit dem kurz darauf gestorbenen Eduard in der Gutskapelle bestattet.
Aufbau: »Gleichnisreden sind artig und unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit Ähnlichkeiten«, so erläutert Charlotte selbst die symbolische Bauart des Romans. Die innere Verwandtschaft und Anfälligkeit der Figuren für die Attraktivität des jeweils anderen zeigt sich schon in der drei Vornamen gemeinsamen Silbe »ott«. Die symmetrische Konstruktion, dem Weimarer Klassizismus entsprechend, wird auch formal eingehalten: Beide Teile, die Komplikation (bis zur Abreise der Männer) und die Katastrophe umfassend, enthalten je 18 Kapitel; in der zweiten Hälfte sind Auszüge aus Ottiliens Tagebuch verwendet.
Goethes Geschick zeigt sich besonders in dem Ausgleich zwischen vorhersagbarem Verhängnis und dem schleichenden Entstehen der Leidenschaften. Er veranschaulicht den Gegensatz zwischen der moralischen Forderung, einer Leidenschaft aus Freiheit zu entsagen, und der naturgesetzlichen Dämonie, der sich der schwächere Mensch nicht widersetzen kann. Ottilie, obgleich selbst zurückhaltend, wird in die Viererbeziehung verstrickt und muss in ihr untergehen. Den negativen Ausgang deuten zahlreiche Todessymbole vom Beginn der zweiten Romanhälfte an. Besucher, ein Paar, das in »wilder Ehe« lebt, Charlottes Tochter, dienen als Kontrastfiguren und Katalysatoren.
Wirkung: Das Zerbrechen der Ehe erscheint zugleich symptomatisch für den funktionslos gewordenen Landadel, was dessen schreibende Angehörige, z. B. Achim von R Arnim, erkannten. Als Beziehungsroman sind Die Wahlverwandtschaften ein Vorläufer zahlreicher Texte um die Jahrhundertwende (u. a. die Romane von Theodor R Fontane); gerade die im Bereich des Realen angesiedelte, aber stark allegorische Handlung lässt das Buch nicht nur formal modern wirken, sondern bietet Anknüpfungspunkte etwa für Walter R Benjamin, der 1925 den Satz: »Die Hoffnung fuhr wie ein Stern, der vom Himmel fällt, über ihre Häupter weg«, so deutete, dass die »letzte Hoffnung niemals dem eine ist, der sie hegt, sondern jenen allein, für die sie gehegt wird«. A.H. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
159 Bände umfasst die Reihe Königs Erläuterungen und Materialien, von antiken über klassische bis hin zu zeitgenössischen modernen Werken, allesamt wichtige Schullektüren und Schlüsselwerke. Königs Erläuterungen bieten Band für Band verlässliche Lernhilfen für Schüler und weiterführende Informationsquellen für Lehrer und andere Interessierte, sie sind verständlich und prägnant geschrieben. Mit Königs Erläuterungen und Materialien bieten wir von Allende bis Zweig die umfangreichste Sammlung von Interpretationen in deutscher Sprache.
Was steckt in diesem Heft?
Autor: Leben und Werk. Text: Entstehungshintergrund, Quellen, Inhaltsangabe, Personengefüge, Aufbau/Struktur, Erläuterungen, Aspekte zur Diskussion
Stimmen der Kritik
Literaturauswahl
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) verbrachte seine Jugend in Frankfurt, zog in seiner Studienzeit nach Leipzig und Straßburg und arbeitete ab 1771 als Anwalt wieder in seiner Heimatstadt Frankfurt. 1775 wurde er an den Hof von Weimar berufen, wo er (mit Unterbrechungen wie der Italienischen Reise) bis zu seinem Tod blieb. REASON: review already exists -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Über den Autor
1786-88 beurlaubte sich Goethe aus dem Staatsdienst und begab sich auf seine berühmte Reise nach Italien, wo er dichterisch und ideell zur klassischen Form reifte. Wieder in Weimar lebte er in freier Liebe mit der Bürgerlichen Christiane Vulpius zusammen, die er aber erst 1806 ehelichte. Verzicht auf seine Staatsämter und von 1791 bis 1817 Direktor des Hoftheaters. 1790 zweite italienische Reise, aber mit kritischer Distanz. Ab 1794 verbindet sich Goethe künstlerisch mit Schiller und sie bilden gemeinsam das Zentrum der deutschen Klassik in Weimar. Ab 1805, nach dem Tod Schillers, beginnt Goethes Alterwerk. Seine wichtigsten Erlebnisse waren die Begegnung mit Napoleon 1808, die Rheinfahrten von 1814/15 und die Liebesbeziehung zu Marianne von Willemer. Erholungsreisen nach Karlsbad und Marienbad. Mit Hilfe seines Assistenten Eckermann konnte Goethe in seinem letzten Lebensjahrzehnt seine literarischen Hauptwerke abschließen.
Zeit seines Lebens arbeitete Goethe an einer Vielzahl literarischer Werke, die großteils in die Literaturgeschichte eingegangen sind: Vom »Werther« über »Faust« und die »Wahlverwandschaften« bis zum »Wilhelm Meister«, um nur einige zu nennnen. Goethe stand in regem Kontakt zu allen geistigen Größen seiner Zeit und seine Wirkung auf die Literatur ist bis heute ungebrochen. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .