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Die Wüste singt
Raoul Schrott zwischen Physik und Metaphysik
Der von Teilen der deutschsprachigen Poesie neuerdings erhobene und seit kurzem auch in so manchem Feuilleton emphatisch gepflegte naturwissenschaftliche Ton hängt zweifellos mit dem Verlust der Deutungskompetenz zusammen, den die literarische Kultur in den neunziger Jahren erlitten hat. Das Ende des utopischen Humanismus und die damit verbundene Abdankung der Intellektuellen als sinnstiftende Kaste, die Prädominanz der Ökonomie und die Ohnmacht der Politik, der Overkill an historisch-moralischem Zuspruch und die fortschreitende Informatisierung der Lebenswelt haben zu einer Entropie der geistigen Verhältnisse geführt, die für viele nach einem Ausweg drängt. Angesichts der rasanten Fortschritte der Computer- und Nanotechnologie, der Gen- und Hirnforschung soll es nun (wieder einmal) der Positivismus der Naturwissenschaften sein, der die postmoderne Menschheit aus dem Sumpf des grossen Einerleis zieht und zu neuer Sinnkonzentration verhilft. Vergessen nur geht bei dieser neuen Fortschritts- und Technikgläubigkeit, dass die Naturwissenschaften zu Beginn des Jahrhunderts mit der Quantenphysik und der Relativitätstheorie selbst schon ihre Einheit zerstört und einem Selbstzweifel Raum gemacht haben, wie ihn üblicherweise die Kunst pflegt. Noch die strengste Wissenschaft ist Konstrukt und als solches kontingent. Sie taugt zur Praxis der Weltverbesserung, nicht aber zum Medium gläubiger Bejahung oder gar säkularen Religion.
Romantik als Pose und Programm
Dass der Regress der literarischen Intelligenz auf die Naturwissenschaft nicht immer gleich in Weltanschauung münden muss, hat Raoul Schrott vor Augen geführt. Romantik ist dem österreichischen Autor Pose und Programm: War er bereits in seiner Anthologie «Die Erfindung der Poesie» (1997) als fröhlich-flunkernder Wissenschafter auf der Suche nach einer poetischen Ur- und Weltsprache aufgetreten, so postulierte er im Gedichtband «Tropen» (1998) die Komplementarität von Poesie und Wissenschaft. Wo die Naturwissenschaften den Boden unter den Füssen und damit die Sprache verloren haben, da lässt Schrott ambulatorisch die Poesie walten nach dem Motto: Worüber man nicht reden kann, darüber soll man «singen». So laufen denn in seinen Gedichten Erkenntnistheorie, Phänomenologie und Wissenschaftsgeschichte ineinander, und es ist am Ende der Nahblick auf die Dinge, der den Autor vor der Hybris seines Projektes bewahrt, mittels Poesie «die Schöpfung vollenden» zu wollen.
Es macht den Charme von Schrotts jüngster Novelle aus, dass sie die Objektivität wissenschaftlichen Erkennens mit der Subjektivität persönlichen Erlebens verbindet. «Die Wüste Lop Nor» ist eine doppelt elegische Geschichte von Liebe und Leidenschaft: In 101 kurzen, disparat arrangierten Prosafragmenten handelt sie zum einen davon, wie dem als Alter Ego konzipierten Protagonisten Raoul Louper dreimal eine Geliebte abhanden kommt, zum andern davon, wie Louper kreuz und quer durch die Welt reist, um die singenden Dünen zu suchen. Ja, es scheint zwischen dem Entzug des gestalthaft Lebendigen und der Hingabe ans amorphe Tote einen Konnex zu geben: «Anderen wird die Welt über andere Orte, andere Dinge zu einem. Mag sein, dass die Idee einer Art Unschuld dahinter steckt; zumindest jedoch das Verlangen danach.»
Ursprung ist das Ziel, und auf dem Weg dahin hat Louper die Zentren der Zivilisation weit hinter sich gelassen. In einem Küstendorf bei Alexandria lebt er in Untermiete, ein Gast ohne Anspruch und Anteilnahme, nachsinnend über Beziehungen, denen er niemals Herr geworden ist. Wie Louper die Liebe zufiel, so entzog sie sich ihm wieder. Was bleibt, sind ein Pinienzapfen, ein Cri-Cri, ein Stein die «Falken» dieser Novelle, die freilich keine aussergewöhnliche Begebenheit, sondern die banal gewordene Gewissheit kolportiert, dass die Liebe keinen Ort hat in der Gegenwart. Francesca, Arlette, Elif heissen die Frauen, und ob Louper sie bei Grosseto, in der Bretagne oder am Amazonas kennen lernt, sie bleiben Vorbeiziehende, fremd im Charakter, brüchig in der Identität. Es ist, als seien die Figuren dieses Buches nie recht zur Welt gekommen. Das Leben ist ihnen kein Entwurf, sondern Zu-fall, der Sex, wenn nicht ein Missverständnis, so ein Rätsel: «Es war, als könnte nichts sie mit ihrem Körper versöhnen. Auch nicht das wenige, was Raoul ihr zu sagen vermochte. Die Worte waren nie die richtigen. Und seine Hände wussten nicht, wie das Fehlende aufwiegen.» Erst die im Licht des Tagesanbruchs zum Stillleben gefrorene Nacktheit Elifs verheisst Louper eine Ahnung von Ganzheit. Vor der statuarischen Schönheit erlischt sein Begehren.
Solche Augenblicke paradoxer Nähe indes bleiben «immer zu kurz, zu fern». Ein gemeinsam gelebter Alltag scheitert auch an Loupers Abwesenheiten. Unvermutet bricht er auf, schlägt sich auf Schiffen als Hilfskraft durch, um an Küsten und in Wüsten jenes Tonspektakels teilhaftig zu werden, das Ruhe verheisst: «Etwas liess ab, ihn zu bedrängen» doch die Liebe zu retten, vermag auch dieser Zauber nicht. Als Louper Elif mitnimmt in die Weite und Stille der nordchinesischen Wüste Lop Nor, macht gerade die gegenseitige Abhängigkeit voneinander die Nähe zum Skandal, der die endgültige Trennung besiegelt.
Subtil überbelichtet
Wissenschaft ist Loupers Sache nicht, es ist das ganz Andere, das ihn am Singsang des Sandes anzieht, das sich vom Rascheln und Murmeln über das Trommeln und Heulen bis zum Dröhnen und Knallen in allen möglichen Tonlagen zeigt. Und doch verkehrt der Verächter des Buchwissens in Forscherkreisen, nimmt an Tagungen teil und ist in Kairo Gast bei Professor Török. Der sporadisch als Ich auftretende, unidentifiziert bleibende auktoriale Erzähler verkehrt in diesem Kreis. Historische Berichte über singende Dünen wie das Asien-Itinerar des Odorich von Portenau (nach 1314) sind hier ebenso Thema wie Legenden von verschütteten Klöstern, untergegangenen Armeen oder unglücklich Liebenden, die das Naturschauspiel mythisch zu deuten suchen. Weder die Figuren noch die Sache sind zur Kenntlichkeit entwickelt wie eine subtil überbelichtete Photographie mutet einen Raoul Schrotts Novelle an (entsprechend üppig ist der Weissraum zwischen den Notaten). Der Autor wäre nicht der Romantik verpflichtet, wüsste er nicht um die Wichtigkeit, den Dingen ihr Geheimnis zu belassen. Der Einfachheit und Schlichtheit verpflichtet erscheint seine Sprache. «Man legt etwas hinein, damit alles ganz bleibt», lautet die in Bezug auf die Liebe formulierte Poetik dieses Buches. Nicht nur sind die singenden Dünen eine überaus glückliche poetische Findung, Schrott versteht das Prekäre ihrer Existenz (bereits sind Dünen wegen Umweltverschmutzung verstummt) mit einer sublimen Konstruktion fragmentarisierten Erzählens zu verbinden. So fügt sich die Trauer des Protagonisten um die Unmöglichkeit der Liebe zur Desillusionierung über eine Welt, die keine Wahrheit mehr kennt. Was einst der Weg zu Gott, ist heute die paradoxe Suche des Massentourismus nach den unbefleckten Orten dieser Erde. Auch Louper entgeht, als «Halbjude» in der Tradition Ahasvers, der schlechten Unendlichkeit nicht:
All die Orte und ihre Zeit. Sie wiederholen sich, ohne dass man sich ihrer Wiederkehr bewusst würde. Es braucht mindestens drei Punkte, um einen Kreis zu bestimmen; das tut man, um den Mittelpunkt zu finden. Doch was, wenn sie, wie in der Wirklichkeit, auf einer Geraden liegen?
Louper scheitert als Mann wie denkendes Wesen. Was vom prometheischen Erlösungsprogramm des homo faber in Raoul Schrotts Erzählung bleibt, ist in der Synthese von Mystik und Rationalität die Poesie. Ihr mitunter allzu forcierten Ausdruck zu verleihen (mit einem gedichtähnlichen Zeilenfall oder manch einer Tiefenplatitüde), mag man dem Autor vorhalten. Nichtsdestoweniger bleibt «Die Wüste Lop Nor» ein Wurf. So generiert das Verwirrspiel um die Erzählerposition auf der darstellerischen Ebene jene Unschärfe, die den wissenschaftlichen Erklärungen der singenden Dünen eignet. Das Ich als ein Anderer, die Wirklichkeit als Wahrnehmungsproblem hier treffen sich moderne Wissenschaftstheorie und Poetologie. Raoul Schrott aber verharrt auf der Grenze zwischen Physik und Metaphysik, als ein Dichter des unglücklichen Bewusstseins. Es macht seine hohe Kunst aus, das blaue Licht der Romantik als Irrlicht neu, ebenso raffiniert wie erotisch, zum Leuchten zu bringen.
Andreas Breitenstein -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Auf der Suche danach bin ich über den Englischen Patienten und die Schwimmer in der Wüste auf Raoul Schrotts "Die Wüste Lop Nor" gestoßen und habe in seinem Buch zumindest die Idee dessen gefunden, was ich in der Sahara verloren habe. Egal, wo man es aufschlägt, der Sand ist überall. Die Geschichten darin erscheinen zum einen durch den Ich-Erzähler, bzw. den Freund Raoul greifbar nah wie eine Fata Morgana, dann aber wieder so fern, dass die Bilder genug Dimensionen bieten für eigenes. Mit diesem Fehlen jeglicher "Betroffenheitspoesie" hat er der Wüste den Raum gegeben, den sie braucht, geradezu fordert, damit sie überhaupt anfängt, sich selbst zu erzählen.
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