Auf den amerikanischen Publizisten Jordan Vause bin ich durch seinen Aufsatz "Verzweifelte Entscheidungen. Der Verlust von U 505 aus deutscher Sicht" (vgl. Theodore P. Savas (Hg.), Die Jagd auf U 505 und der U-Boot-Krieg im Atlantik, Berlin 2008), S. 219ff.) aufmerksam geworden. Beeindruckt von der überzeugenden Beweisführung des Verfassers entschloss ich mich zum Kauf seines Buches über deutsche U-Boot-Kommandanten im Zweiten Weltkrieg. Der Band - soviel vorweg - ragt zweifelsohne aus der Vielzahl von Veröffentlichungen zum Thema U-Boot-Krieg heraus. Ziel von Vause Buch ist es, das "Bild, das oft klischeehaft in Büchern und Filmen von den deutschen U-Bootkommandanten des Zweiten Weltkrieges gezeichnet wird" (vgl. Einband), zurecht zu rücken. Die Gründe dieser Männer für ihren Eintritt in die U-Boot-Waffe waren zwar "ähnlich" (vgl. S. 33), hält der Verfasser fest. "Keiner der in diesem Buch beschriebenen Männer glich" jedoch "den anderen", lautet Vauses These. Diese Behauptung kann der Marinehistoriker durch das Nachzeichnen der Lebenswege und die Durchleuchtung der Persönlichkeitsstrukturen ausgewählter Kommandanten wie Günther Prien, Wolfgang Lüth, Karl-Friedrich Merten, Jürgen Oesten oder Victor Oehrn plausibel machen. Auch Karl Dönitz, der langjährige Oberbefehlshaber der U-Boot-Waffe, entgeht Vauses Sezierblick nicht (vgl. S. 171ff). "Die von Dönitz in seiner Eigenschaft als B.D.U. getroffenen Entscheidungen", urteilt der Autor kritisch, "waren größtenteils von Vernunft geprägt. Bei jenen, die er als Ob.d.M. traf, war dies weniger der Fall" (S. 181). Auch die Kontroverse zwischen Lothar-Günther Buchheim und einer Fraktion von Mitgliedern der Gemeinschaft der U-Bootveteranen, personifiziert in Karl-Friedrich Merten, rekonstruiert und kommentiert Vause auf einfühlsame Weise (vgl. S. 104ff.) Methodisch kam ihm bei seinem Werk zugute, daß zum Zeitpunkt seiner Recherchen Leute wie Oesten, Oehrn und Merten noch lebten und er diese befragen konnte. Zudem konnte der Historiker zusätzlich zu umfangreicher Dokumentenauswertung in bisher unveröffentlichte Manuskripte seiner Protagonisten Einblick nehmen. Neben der Charakterisierung der einzelnen Kommandanten gelingt Vause so quasi im Vorbeigehen noch eine Chronik der Schlacht im Atlantik, geschildert aus der unterschiedlichen Sichtweise der einzelnen U-Boot-Kommandanten. Schließlich zeigt der Amerikaner auch Sinn für Humor oder besser Zynismus. So schreibt er auf S. 28: "Bis 1935 war das einzige, was die Reichsmarine noch am Versailler Vertrag festhalten ließ, ein Mangel an Nieten." Zum U-Boot-Kapitän Fritz Julius Lemp (ATHENIA-Fall) heißt es, er sei ein Offizier gewesen, "der zum Verlust der Schlacht im Atlantik so sicher beitragen sollte, als ob Karl Dönitz selbst mit einem 2-t-Lastwagen übergelaufen wäre" (S. 88). Freilich gibt es da und dort auch sprachliche Ausrutscher. Zu den "Erinnerungen" von Erich Topp meint Vause, durch sie würden "sich seine übrigen Gefühle wie zuviel verschüttete Tinte patschend ihren Weg bahnen" (S. 96). Oder was soll man von folgendem Satz halten: "Wieder zeigte sich die Leistung von Oesten in dieser Lage hinsichtlich seines Erfolges als Führungspersönlichkeit von entscheidender Bedeutung" (S. 80). Und was sind "Gewissensbisse des Bedauerns" (S. 116)? An solchen Übersetzungsmängeln trägt der Verfasser allerdings keine Schuld. Jordan Vauses Verdienst ist es, den "Riß, der durch die ehemalige U-Boot-Waffe geht" (S. 203), anhand der Biographien deutscher U-Bootkommandanten mehr als deutlich herausgearbeitet zu haben. Man würde vielen anderen Publikationen zur Geschichte der deutschen U-Boot-Waffe wünschen, das Thema genauso vorurteilsfrei und scharfsinnig zu behandeln.