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4.0 von 5 Sternen
"Spiegel üben laut Natur" oder: "Vorsicht, der Wind schläft in Tüten.", 12. Januar 2012
"Brüder, Brüder, alle ihr Magenkranken,
die ihr da salzlos und von Gedichten lebt,
niemand, kein Uhrmacher will mehr die Sanftmut,
eine törichte Spieluhr reparieren."
Günter Grass erste Publikation überhaupt (im Jahre 1956) war eine lyrische. Bei Grass, der immer wieder betont von der Lyrik gekommen zu sein, kann man ja in der Prosa auch deutlich spüren, dass er (zumindest zur Hälfte) ein Poet ist; fast alles (und oft das Beste) was er schrieb/eibt hält sich die Waage zwischen Prosa und Lyrik - man denke nur an
Katz und Maus.
So sind natürlich auch diese ersten Gedichte im Gegenzug voller Prosaelemente und tragen erzählerische Züge. Gottfried Benn, so erfuhr Grass später (berichtet in
Das erste Buch), hatte in den Gedichten bereits einen Erzähler erkannt, als Grass mit seinem Blechtrommelmanuskript noch in den Anfängen steckte.
"Die Tage schrumpfen, Äpfel auf dem Schrank,
die Freiheit fror, jetzt brennt sie in den Öfen,
kocht Kindern Brei und malt die Knöchel rot."
Ist Grass ein guter Lyriker? Ein eindeutiges Ja. Schreibt er gute Gedichte? Ein zweideutiges Ja.
Denn ist ein gutes Gedicht ein Gedicht voller Kontraste, voller Bilder- und Wortschöpfungen, jedoch auch voller Blendwerk und Hermetik? Wenn ja, dann schreibt Grass fast nur hervorragende Gedichte. Sollte die Definition von einem guten Gedicht allerdings ein halbwegs verständliches und trotzdem tiefsinniges/stimmiges/philosophisches Gedicht bedeuten, dann gelingt ihm ein solches nur ca. jedes 5mal.
Bei vielen Texten wirken die Zeilen wie einzelne, lyrische Windstöße:
"Versuche mit Tinte,
Niederschriften mit Rauch
halb erwacht
im Dickicht süßer Gardinen.
Die Straße, den Notverband wieder aufgerollt,
weil die Wunde juckt,
weil die Erinnerung sich stückeln lässt und längen,
so eine Katze unterm Streicheln."
Was ja nicht schlecht ist, und auch nicht frei von poetischem entzücken. Und natürlich ist auch nicht jedes Gedicht so lyrisch-schwirrend. Aber die Texte dieser Art überwiegen doch.
"Kinder, noch nicht, oder schon, oder fast, wenn nicht zuvor
- viele werden gezeugt, ein Teil geboren,
können nicht mehr zurück, es sei denn,
sie finden das Streichholz oder ein einsilbig Messer. -
Anna, Anna, Anna, eben trankst du noch Milch,
jetzt fließt du rot und davon."
Es gibt hier ein paar gute Gedichte, es gibt ein paar perfekte Zeilen. Mehr können die meisten Dichter nicht liefern und mehr sollte man auch wohl nicht von ihnen verlangen. Sprachlich ist Grass immer noch, und war es schon zu Anfang, ein eigenwilliger Virtuose. Wer diese Virtuosität in der Lyrik schätzt, wird sich reich beschenkt sehen.
"Wir warten den Regen ab,
obgleich wir uns daran gewöhnt haben,
hinter der Gardine zu stehen, unsichtbar zu sein."
P.S.: Natürlich ist dieser Band komplett in
Sämtliche Gedichte enthalten.
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