In Buchhandlungen nach dem Titel Die Vogelwelt von Auschwitz" zu fragen, erwies sich zu meiner Überraschung als ein Erlebnis besonderer Art.
Es ist schon etwas provokant, die allgemein als friedlich und anmutig eingeschätzte Vogelwelt so selbstverständlich mit dem Schreckensymbol Auschwitz in Verbindung zu bringen. Entsprechend irritiert und manchmal sogar aggressiv fielen die Reaktionen der Buchhändler aus, soweit ihnen der Titel kurz nach seinem Erscheinen noch nicht so geläufig war. Vor allem aber von zufällig mithörenden Kunden erntete ich mehrfach scharfe Bemerkungen, befremdliche Blicke, bestenfalls ungläubiges Staunen über so ein seltsames Ansinnen. Einige hielten es für ein Sachbuch verschrobener, weltfremder Ornithologen, deren Geschichtsbewusstsein man dringend etwas aufpolieren musste...
Aus reiner Neugier habe ich immer wieder (und immer lauter) in verschiedenen Geschäften nach dem Buch gefragt, obwohl ich es längst besaß und schon mehrfach gelesen hatte ...
Schon diese vier Worte gefährden offensichtlich die Vorstellungen (Oder die bequem eingerichtete Vergangenheitsbewältigung?) manches Zeitgenossen so sehr, dass sofort eine Art Verteidigungsmechanismus" in Gang gesetzt wird...
Dabei ist der Titel gar keine Erfindung des Autors. Es gab den SS-Mann von Auschwitz, der angesichts des alltäglichen Sterbens einfach nur die dortige Vogelwelt erforscht und darüber eine Studie veröffentlicht hat, wirklich! Sein in einer wissenschaftlichen Zeitschrift in Wien erschienener Artikel hieß Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz".
Die Geschichte ist schnell erzählt: Der Pole Marek Rogalski, Kunststudent aus Krakau, wird zum Skizzenmaler und unverzichtbaren Gehilfen des SS-Wachmanns Hans Grote, seinerseits Vogelkundler, Forscher und stolzer Familienvater, der sich durch einen selbst gestellten und vielleicht nicht uneigennützig begründeten Forschungsauftrag" den brutalen Aufgaben im KZ entzieht. Beide sind eigentlich völlig normale, unauffällige Menschen. Eher naiv und unpolitisch, denken sie an ihre Lieben zu Hause, träumen ihre Zukunftspläne, mögen die Natur. Unter anderen Umständen hätten sie vielleicht sogar Freunde werden können. Die ungleichen und doch so ähnlichen Protagonisten genießen in lebensbedrohlich engen Grenzen ein Stückchen Freiheit. Sie durchstreifen das Lager und seine Umgebung, beobachten, katalogisieren, präparieren und zeichnen: Stare und Rotkehlchen, Fliegenschnäpper, Graureiher, Schwarzstörche und Kraniche... Zwangsläufig wird dabei jedoch auch der Aufbau des riesigen Vernichtungslagers Birkenau zum Beobachtungsgegenstand, ebenso wie die grausame Ermordung von Häftlingen.
Grote begeht die brutalen Verbrechen nicht persönlich, aber er würde auch niemals etwas dagegen unternehmen. Er ist kein Held, sondern nur ein ganz gewöhnlicher Mensch. Und was ihn als Mensch eigentlich nicht mehr gleichgültig lassen kann, rechtfertigt er notfalls mit dem Hinweis auf Befehle und auf übergeordnete Reichsinteressen. Grotesk, aber charakteristisch: Er erreicht beim Lagerkommandanten eine Verschärfung des Verbots, auf Vögel zu schießen...
Marek genießt durch seine Tätigkeit kleine Privilegien, Flucht- und Mordgedanken hat er zum Unverständnis seiner Mitgefangenen allenfalls theoretisch. Vielleicht ist es Feigheit, auf jeden Fall menschlich: Im Grunde hat er sich in seiner Situation eingerichtet und hofft auf das Wunder einer Entlassung.
Nur soviel - entgegen meiner Erwartung geht die Geschichte für beide gut" aus. Das ist in Ordnung. Und tröstlich, denn irgendwann musste ich mir erschrocken eingestehen, dass ich die Figuren trotz aller Kritik beide mag... Es gibt vermutlich Millionen ähnlicher Biographien, auch wenn nicht alle solch direkte Berührung mit so symbolischen Orten unserer Geschichte haben. Wer kann heute behaupten, dass er sich ganz bestimmt anders verhalten hätte?
Surminski erzählt die Geschichte ohne Effekthascherei, mit fast schon provozierender Sachlichkeit. Manchmal scheint es, als hätte er den Stoff für einen ganzen tragischen Roman in einem kurzen Absatz verdichtet. Freilich, bisweilen folgt einer Szene eine Erklärung, die gar nicht notwendig wäre - als wollte er sicher gehen, dass der Leser wirklich verstanden hat.
Andererseits gibt es Sätze wie Außer den Krähen ist Birkenau vogelfrei.", die in ihrer Bildhaftigkeit und Mehrdeutigkeit einfach genial sind. Kein Aufschrei, keine hochdramatische Darstellung, die Verbrechen geschehen scheinbar nebenbei und ganz gewöhnlich. Der ganz alltägliche Wahnsinn eben... Aber genau das ist beeindruckend, verstörend und schmerzhaft, weil es unserem gewöhnlichen Alltag plötzlich so gefährlich nah zu sein scheint.
Das Buch hat Aufmerksamkeit verdient. Ich würde es in Schulen zur Pflichtlektüre erklären!