ich finde, judith merkle riley hat einen besonderen schreibstil, der mir persönlich sehr gut gefällt. ich habe mehrere bücher von ihr gelesen und jedesmal fand ich die persönlichkeiten sehr gut beschrieben. man gewinnt beim lesen sehr schnell einen eindruck von der hauptperson: durchweg frauen im 12., 13., 14. jahrhundert. auch in "der vision" hat der hauptcharakter margaret einen starken drang, aus der von männer beherrschten welt auszubrechen. diesen lebt sie aber nicht in revolution aus, sondern sie versucht vor allem, ihren töchtern freiräume zu erhalten. sie beugt sich der männlichen macht in gestalt ihres schwiegervaters, weil sie weiss, dass sie keine andere möglichkeit hat. wo sie aber eine möglichkeit sieht, sich durchzusetzen, tut sie es.
wie in den anderen romanen von merkle riley spielt auch in "die vision" das magische eine rolle. für margaret ist es aber etwas natürliches, das zu ihrem leben gehört. die "stimme" antwortet ihr im gebet und margaret wird dann von einem strahlen umgeben. margaret fragt die "stimme" allerlei dinge, die sie nicht versteht, und bittet sie um alltägliches (in "die zauberquelle" bezeichnet "die stimme" margaret als eine ihrer 6 geschwätzigsten bittstellerinnen). ausserdem kann margaret durch handauflegen heilen, wird dadurch selbst aber geschwächt. so meint sie denn, dass gott ein ziemlicher spaßmacher sei: daß er mit ihr spreche, verrate er durch das leuchten und setze sie so der verfolgung aus. hier zeigt sich, dass bei merkle riley vieles nicht einfach eindimensional ist: situationen oder dinge werden unterschiedlich bewertet (z.b. die "vision" als gottesgeschenk, das aber auch zu verfolgung führt) und charaktere haben, auch wenn sie stark zu einer bestimmten art neigen, auch ab und an davon abweichende züge oder handeln nicht ausschließlich, wie man es erwarten würde (z.b. der gewaltätige, herrische schwiegervater, der margarets leistungen trotzdem anerkennt).
während "die stimme" margarets aufwachsen, ihre erste und zweite ehe und ihre ausbildung zur hebamme beschreibt und mit margarets zwangsehe mit gilbert de vilers endet, beschreibt "die vision" margarets leben und das ihrer töchter im haushalt ihres schwiegervaters. dieser hat sie in sein haus entführt, um sich ihren reichtum anzueignen. dazu verheiratete er margaret mit seinen jüngeren sohn gilbert, welchen er leidenschaftlich hasst und gilbert tut alles, um seinen vater zu reizen. so bringt der krieg, der ihr den inzwischen liebgewonnenen ehemann in die fremde ruft, zumindest auch erleichterung von schwiegervater und schwager. ihr ehemann gilt bald als tot und margaret wird durch die pläne ihres schwagers bedroht, der die güter der vermeintlichen witwe nun an sich bringen möchte. margaret kann mit ihren kindern fliehen und zieht bis nach frankreich, wo sie ihren ehemann aus dem kerker befreien kann.
neben der geschichte, die verschiedene spannungsgipfel durch schicksal und bedrohnung enthält, beschreibt der roman die lebensweise und das denken im mittelalter, hat man den eindruck, genau und vermittelt kenntnisse über diese zeit.