William James hat in seiner umfangreichen Studie über die religiösen Erfahrungen einzelner Menschen etwas geschafft, was nicht sehr oft passiert: Er hat mir aus dem Herzen gesprochen, so das ich hier frei und offen bekennen kann, dass ich dieses Buch liebe.
Der Psychologe und Philosoph des Pragmatismus hielt Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Harvard Universität 20 Vorlesungen, in denen sich alles um das Thema Religion und religiöse Erfahrungen dreht. Dabei nimmt er das umfangreiche Material und die Zeugnisse von Menschen, die religiöse Erfahrungen erlebt und gemacht haben ernst, statt sie ein einfach "wegzuerklären" oder in diffamierender Weise als Phantasieprodukte von Spinnern und Scharlatanen zu bezeichnen. Um die religiösen Erfahrungen von Menschen zu untersuchen und darzustellen, unterscheidet William James jedoch zwischen zwei Formen von Religion: Auf der einen Seite steht die institutionalisierte Religion, deren wesentliche Merkmale Gottesdienste, Opferhandlungen, Theologie, Zeremonie und kirchliche Organisation sind. "Würden wir unsere Betrachtung auf sie beschränken, so müßten wir Religion als eine Kunstfertigkeit definieren, als die Kunst, die Gunst der Götter zu gewinnen." Auf der anderen Seite steht die persönliche Religion, in deren Bereich die "geistigen Dispositionen des Menschen im Zentrum des Interesses, sein Gewissen, seine Verdienste, seine Hilflosigkeit, seine Unvollkommenheit" stehen. "Und obwohl die verlorene oder gewonnene Gunst des Gottes auch in der persönlichen Geschichte ein wesentliches Element darstellt, und die Theologie darin eine entscheidende Rolle spielt, so sind die Handlungen, zu denen diese Art Religion motiviert, persönliche und nicht rituelle Handlungen; das Individuum vollzieht seine Geschäfte selbstständig und allein für sich selbst, und die kirchliche Organisation mit ihren Priestern, Sakramenten und anderen Vermittlungsinstanzen tritt vollkommen in den Hintergrund. Die Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer verläuft direkt von Herz zu Herz, von Seele zu Seele." Sind diese Sätze nicht herrlich? Deshalb wendet sich William James in seiner wissenschaftlichen Untersuchung in erster Linie den Leuten zu, die zu einem bestimmten Zeitpunkt religiöse Erfahrungen gemacht haben, also den Bekehrten, den Mystikern, den Heiligen, den Menschen des gesunden Geistes und der kranken Seele. Dabei bedient er sich nicht nur mit Beispielen aus der Vergangenheit, sondern nimmt auch aktuelle religiösen Erscheinungen des 19. Jahrhunderts in Betracht. William James führte nämlich seine Vorlesungen zu einem Zeitpunkt, als in Amerika eine religiöse Welle aufkam, in der sich neue christliche Bewegungen formierten, wie zum Beispiel die Heilungsbewegung, die Mind-cure-Bewegung, die Neugeist-Bewegung, die Mormonen, die christliche Wissenschaft und so weiter. Und diese Leute haben zumeist jenseits von Kirche eigene Erfahrungen im religiösen Bereich gemacht. William James ist deshalb der Ansicht, dass es verhängnisvoll wäre, wollte man Religion auf einen Kirchenapparat reduzieren und Religion oder religiöses Empfinden nur dort suchen, wo sie aus Gewohnheit und Tradition mit staatlicher Sanktion überliefert und vermittelt wird. Denn dabei vergisst man den höheren Wert und die Authenzität der ursprünglichen Erfahrung religiöser Menschen: "Zumindest in einer Hinsicht wird sich die persönliche Religion als grundlegender erweisen als die Theologie oder die Kirche. Hat sich eine Kirche erst einmal etabliert, so lebt sie aus zweiter Hand auf dem Boden ihrer Überlieferung; alle Gründer einer Kirche jedoch verdanken ihre Kraft ursprünglich der direkten persönlichen Gemeinschaft mit dem Göttlichen. Nicht nur die übermenschlichen Gründer, wie Christus, Buddha oder Mohammed, sondern alle Gründer christlicher Sekten sind in dieser Situation gewesen - daher sollte die persönliche Religion immer noch als das Ursprüngliche angesehen werden, selbst von denen, die dabei bleiben, sie für unvollständig zu halten."
Da William James ein Philosoph des Pragmatismus ist, fragt er zunächst einmal in seiner Untersuchung nicht nach der Wahrheit der Religion, nicht nach der Wahrheitsfrage der Theologie, sondern nach den Früchten der Religion, die er nach den praktischen Maßstäben des gesunden Menschenverstandes und der empirischen Methode überprüft.
Dennoch übergeht er diese Problematik der Wahrheit nicht. In seiner achtzehnten Vorlesung fragt er ob die Philosophie das menschliche Göttlichkeitsempfinden mit dem Stempel der Wahrheit versehen kann. Dort gibt James zu, dass das Gefühl die tiefere Quelle der Religion ist und dass philosophische und theologische Formeln sekundäre Produkte sind. Übersetzungen eines Textes in eine andere Sprache vergleichbar. Trotz diesem Negativurteil fügt er hinzu, was die Philosophie für die Religion tun kann: "Wenn sie nämlich die Metaphysik und die Deduktion zugunsten der Kritik und der Induktion aufgibt und wenn sie sich aus einer Theologie in eine "Religionswissenschaft" umwandelt, kann sie sich sehr nützlich machen. Der natürliche Verstand des Menschen definiert das Göttliche, das er empfindet, immer in Abstimmung mit seinen jeweiligen Vorurteilen . Die Philosophie kann auf dem Wege des Vergleichs das Lokale und Akzidentelle aus diesen Definitionen eliminieren. Sie kann das Dogmatische und das Kultische von seinen historischen Verkrustungen befreien. Indem sie die natürlichen religiösen Konstrukte den Ergebnissen der Naturwissenschaft gegenüberstellt, kann sie sich auch von Lehren trennen, die sich als wissenschaftlich absurd oder unstimmig herausstellen. Nach dem Aussieben wertloser Formulierungen bleibt ein Grundbestand von Konzepten übrig, die zumindest denkbar sind. Diese kann die Philosophie als Hypothesen behandeln... ."
Das Buch ist deshalb nicht nur eine Fundgrube für Religionspsychologen sondern auch für Religionswissenschaftler und Philosophen.