Es gibt Bücher, die begleiten einen über einen Zeitraum im Leben, und vieles von dem, was man in dieser Zeit erlebt, wird mit dem, was man liest, in Zusammenhang gesetzt. Und das eröffnet einem dann neue Horizonte, man sieht mit anderen Augen, man versteht Dinge, die man sonst nicht verstanden hätte. Meist sind es die großen, berühmten und langen Romane, von Thomas Mann, von Max Frisch, Thomas Pynchon oder auch von John Irving, bei denen das mir so geht. Doch hier, bei "Die Verwandlung der Welt" war es zum ersten Mal ein Sachbuch, das bei mir diesen Effekt hatte.
Dabei liegt der Grund nicht, jedenfalls nicht nur, in der Länge des Buches. Fast drei Monate hat dieses Buch begleitet. Während dieser Zeit haben mich die Themen dieses Buches kaum losgelassen. Das hat viel Zeit gekostet. Und noch schlimmer, es hat mich auch noch ständig zum Querlesen, zum Nachschlagen in anderen Büchern verführt. Dabei scheint das Thema doch eigentlich trocken zu sein. Laut Untertitel wird hier die Geschichte des 19. Jahrhunderts erzählt. Aber schon das ist eigentlich ungenau. Denn erzählt wird auch schon viel über die amerikanische Unabhängigkeit und die französische Revolution, und auch der Kolonialismus nach 1900 und der Weg zum 1. Weltkrieg kommt nicht zu kurz. Offenbar geht es hier also um ein Jahrhundert, welches mindestens 150 Jahre dauert.
Aber vielleicht ist es gar nicht mal so die Vergangenheit, um die es hier geht. Der eigentliche Titel des Buches, "Die Verwandlung der Welt" trifft es hier viel besser. Es geht dem Autor offenbar darum, zu beschreiben und zu begründen, warum unsere heutige Welt so ist, wie wir sie jetzt erleben. Warum sehen unsere Städte so aus, wie sie heute aussehen? Warum sind sie so groß geraten, haben eine so komplexe Infrastruktur, haben eine Funktion im einem eigenen, globalen Netzwerk, das die großen Metropolen untereinander oft mehr zu verbinden scheint, also diese mit dem Land um sie herum verbunden sind? Warum erleben wir ein ungebremstes Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern, dass historisch ohne Beispiel ist, während ein anderer Teil der Welt Probleme mit der Überalterung und fehlendem Nachwuchs hat (was historisch zumindest selten war)? Wie sind die Massenmedien entstanden, so wir wie sie heute kennen? Wie erklärt sich die merkwürdige Verteilung von Armut und Reichtum in dieser Welt, und ist die Ungleichverteilung eine historische Konstante oder gibt es Alternativen zu der heutigen, spätkapitalistischen Welt? Sind Kapitalmärkte eine temporäre, historische Erscheinung oder einfach eine unvermeidliche Notwendigkeit, wie uns viele Politiker in den letzten Jahren weismachen wollten? Und vielleicht der aktuell spannendste Punkt: Was hat es eigentlich auf sich mit der merkwürdigen Hegemonie der Anreinerstaaten des nördlichen Atlantiks über den Rest der Welt? Der Überlegenheit der "Westlichen Zivilisation"? Und wenn wir über deren Voraussetzungen im 19. Jahrhundert sprechen: Dauern diese eigentlich heute noch an?
Ich persönlich habe ein Gefühl, dass mit diesem Buch eine Art von Standardwerk entstanden ist. Nicht so sehr als Nacherzählung der Geschichte des 19. Jahrhunderts, sondern eher als eine Erklärung der Ursprünge unserer eigenen Zeit. Diese zu verstehen, sich damit selbst zu verstehen, das könnte uns bei vielen aktuellen Konflikten wirklich weiter helfen. Meine Befürchtung ist nur, dass leider viel zu wenige Menschen in unserer Gesellschaft sich die Zeit nehmen werden, sich ernsthaft mit diesem Buch und seinen Inhalten auseinander zu setzen.