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Die Verwaltung des Nichts: Aufsätze
 
 
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Die Verwaltung des Nichts: Aufsätze [Gebundene Ausgabe]

Martin Walser
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
  • Verlag: rowohlt; Auflage: 1 (24. September 2004)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498073540
  • ISBN-13: 978-3498073541
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13,4 x 2,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.118.597 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Martin Walser
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

"Was auch immer ich zur Sprache bringe, es ist eine Entblößung. Ohne die wäre nichts. Die Sprache ist die andauernde Hochzeit von natur und Geschichte. Sie bietet die Wegzehrung für jede noch so dürftige Strecke. In den Wörtern ist immer alles enthalten, was uns fehlen kann. Wir brauchen die Sprache notwendig. Sie ist die Bewegung schlechthin ... Wenn ich mit Sprache zu tun habe, bin ich beschäftigt mit der Verwaltung des Nichts. Meine Arbeit: Etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist." In siebzehn thematisch eng verknüpften Essays resümiert Martin Walser seine Position als Schriftsteller heute: eine philosophische, künstlerische und gesellschaftliche Standortbestimmung, die in ihrer Erkenntnisschärfe, ihrer unbestechlichen Wahrnehmung und stilistischen Schönheit ihresgleichen sucht.

Über den Autor

geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Außerdem wurde er mit dem Orden «Pour le Mérite» ausgezeichnet und zum «Officier de l’Ordre des Arts et des Lettres» ernannt.

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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von J. Knorr
Format:Gebundene Ausgabe
Die Deutschen haben eine wunderliche Art, mit ihren Dichtern umzugehen. Wer nicht von allein an Deutschland irre wird, den erklären sie für oder machen ihn irre, um ihn nach seinem Ableben sogleich zu den Nationalheroen deutscher Geistesgeschichte zu stellen. Was aber, wenn die Hölderlin-Masche einmal nicht recht ziehen will, zumal sich der Alte vom Bodensee schlau zu entziehen weiß? Der hat seinen Hölderlin gelesen, der hat die Erbschaft, die Goethe, Schiller und Hölderlin gestiftet haben, nicht verschlampt und der setzt seine Erfahrung gegen erfahrungslose Begrifflichkeiten, Sprache gegen Vokabular. Sprache wird immer dann zum Vokabular, wenn sie positiv werden soll.

Dann wird Sprache als Vokabular gelesen und durch Vokabular ersetzt. Dann wird Literatur erkennungsdienstlich behandelt, ihr Verfasser sowieso. Dann wird der Redner beim Wort genommen, das der gar nicht gesagt oder geschrieben hat, und ihm vorgeworfen, gerade besonders raffiniert provozieren zu wollen, indem er nicht sagt oder schreibt, sondern verschweigt, wovon er genau wisse, daß er gesellschaftlich geächtet würde, wenn er es denn sagte oder schriebe. Da wird die Auschwitzkeule ausgerechnet gegen den geschwungen, der eindringlich vor einer Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken warnt. Da wird zur Hatz auf ein Stück Literatur geblasen, auf ein Buch, das dann in der Tat  mit den Worten Ulrich Greiners  der Roman zur Debatte wird, die es ausgelöst hat. Da folgt eine politische Rufmordkampagne der nächsten, geben Lesungen Anlaß für antifaschistische Spaziergänge und für Boykottaufrufe gegen Bibliotheken und Buchhandlungen. Wer ist denn hier der Jude?, fragt Nathan in auswegloser Lage. Die Kampagnen nämlich gegen den Verfasser von Paulskirchen-Rede und Tod eines Kritikers speisen sich aus eben den antisemitischen Reflexen, die aufzudecken sie losgetreten wurden. Ein Netzwerk von Intellektuellen gegen den Intellektuellenhaß von Flachlandintellektuellen scheint überfällig!

Der Schriftsteller Martin Walser hat sich weder irre noch kirre machen lassen; er geht weiter seiner Profession nach, der Verwaltung des Nichts.  Meine Arbeit: Etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist. Gegen Bessersein und Besserwissen macht Walser Empfindungen geltend: historisch geschulte Empfindungen, einem Geschichtsgefühl vertrauend, das ihn über die ganzen Jahre des geteilten Deutschland, das vielen, ja, den meisten, schon Gewohnheit geworden war, nicht getrogen hat. Er hat den ungeheuern Riß in der Welt, die er hatte nutzen wollen, in seinem Geschichtsgefühl nicht unterbringen können. Ein Dichter darf es auch gar nicht! Das haben ihm jene Zeitgeistdiensthabenden und Gewissenspfleger der Nation nicht verziehen, die bis heute die deutsche Einheit in ihrem Geschichtsgefühl nicht haben unterbringen können. Denn auch wenn die Vereinigung de facto als Beitritt  das Grundwort trifft die Sache  über die Bühne ging, so verhieß sie ja nicht nur das Ende der DDR, sondern auch das der alten BRD. Ein 9. November als Glückstag, von der tonangebenden bundesdeutschen Historiographie gar nicht mehr vorgesehen, erzwingt selbstverständlich keine Revision der deutschen Geschichte, die man nicht revidieren kann, aber allen Denkens über deutsche Geschichte. Doch anstatt eigene Auffassungen zu prüfen und zu revidieren, wird Walser Geschichtsklitterung unterstellt, was überhaupt nur möglich ist, wenn Walsers Bekenntnisse zurechtgeklittert werden, wie es gerade paßt.

Geschichte ist nicht nur das, was gewesen ist, sondern auch das, was nicht sein konnte, mit allen verworfenen und vergebenen Möglichkeiten. Nur wenn das Nichtgewesene im Gewesenen bedacht wird, können Lehren aus der Geschichte, der deutschen zumal, gezogen werden, immer wieder neue und andere und keine ein für allemal. Das Selbstbewußtsein (...) kann sich bilden durch das Erlebnis der Zugehörigkeit zu einem noch größeren Ganzen: zu Europa. Europa ist überhaupt die Lösung der deutschen Frage, die es ernsthaft seit dem 9. 11. 89 schon nicht mehr gibt. Nationen wird es geben, so lange es nationale Aufgaben gibt. Als allererste nationale Aufgabe nennt Walser die Heilung der Teilungsschäden, die Solidarität mit denen, die immer noch die Folgen dieser Teilung zu tragen haben; neoliberalistischem Köhlerglauben setzt Walser sein Geschichtsgefühl entgegen, das in diesem Fall auch ein Geschichtsmitgefühl ist.

Es ist natürlich ein Unglück, recht haben zu müssen, das weiß ich auch. Ein selbstverschuldetes dazu. Walser nimmt sein Unglück gelassen, zumindest äußerlich, und beharrt störrisch auf seinem Recht, sich in öffentliche, also eigene Angelegenheiten einzumischen. Ohnehin zöge ein Rückzug aus der Welt der Diskurse nur den Vorwurf der Regression und des Autismus nach sich.

Die literarische Qualität von Walsers Aufsätzen ermißt sich allein schon daran, daß sie die Konzentration des Lesers, der sich freundlich angenommen fühlt, von den unwürdigen Vorgängen um die Person des Autors abziehen und geduldig auf die verhandelten Gegenstände lenken. Diese Vorgänge einfach zu vergessen, gibt es keinen Grund, weder für den Leser, noch für den Autor. Dem gelingt denn auch das Meisterstück, sie in seine Überlegungen einzubeziehen, zu objektivieren, an ihnen den herrschenden Zeitgeist kenntlich zu machen und also: überwindbar.

Ob Walser die Frauenstimmen in den Opern Richard Strauss zu fassen sucht, und selbstverständlich entgleiten sie jeder Sprache, denn es sind ja Frauenstimmen, ob er mit Hubert Giersch Abschied von der Nationalökonomie nimmt, mit Spinoza und Goethe vom Montotheismus, ob er über Bücher oder wahlverwandte Dichter schreibt oder vom Schwimmen, wie so viele Dichter, und gleich darauf von der Zärtlichkeit, wie so viele Dichter  stets bleibt er seinen Vorsätzen treu, immer aus Erfahrung zu reagieren und niemals gegen etwas zu schreiben.

Mehr denn je ist Walser zu einer Person der Öffentlichkeit geworden, und er nimmt sie auf seine Art in sein Lebenskunstwerk hinein. Die Pose des Zauberers steht im weniger. Er vertraut Jean Paul. Der hätte an den deutschen Doppelwörtern seines formulierungswütigen Verehrers, all den Sprachenergie und Geistesglanz und Existenzintensivität und Gedankenwirbel und Geschichtsmächtigkeit und Verantwortungsernst und Verachtungspotenz undund undund, gewiß seine helle Freude.

Er wäre schon zufrieden, schreibt Walser, wenn ich durch das Lesen und Wiederlesen dieser Briefe mir das fast absolute Geltenlassen des Anderen als erlernbar vorstellen könnte. Vorstellen nicht als Schwundstufe des Vitalen, sondern Geltenlassen als Lieben. Es geht dabei um den vielhundertseitigen Briefwechsel zwischen Rudolf Borchardt und Rudolf Alexander Schröder, einen Briefroman, Freundschaftsroman, den Walser emphatisch bespricht. Anspruch auf Geltung haben Dichter und Vermittler, Virtuose der Selbstdarstellung und Freundschaftsbegabung, Don Quixote und Sancho Pansa. Wenn Freundschaft zwischen zwei so Grundverschiedenen wie Borchardt und Schröder möglich war, dann, schreibt Walser, ist Freundschaft überhaupt möglich.

Am Ende des Buchs steht die Totenklage um den Freund, den Verleger Siegfried Unseld, und der Abschiedsbrief, den ein  und das Wort ist hier mit Bedacht gesetzt:  zutiefst getroffener Martin Walser an die Mitarbeiter des Suhrkamp-Verlags richtet, nicht aber an die Leitung des Hauses. Noch scheint es unmöglich, auch diese Texte als literarische zu lesen. Aber sie sind es. Sie dürften vor der Zeit bestehen. All die verdeckten und offenen Ermittler in Sachen Antisemitismus, Neuheidentum und Neu-Nationalismus dürfen sich der Nennung ihrer Namen in Fußnoten und Kommentaren insoweit sicher sein, als künftigen Lesern die wunderlichen Verhältnisse gewiß erst erläutert werden müssen, in die Martin Walsers Aufsätze eingegriffen haben. Das ist doch wenigstens was.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von kpoac TOP 500 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe|Von Amazon bestätigter Kauf
Wittgenstein zitierend läßt sich sagen, dass "das Denken nicht den Sprachgebrauch bestimmt, sondern der Sprachgebrauch das Denken." Walser empfindet in der Verwaltung des Nichts durch Sprache nahezu die Euphorie des geschriebenen Wortes, wie ein Fisch, der dreimal zu Beginn in Zitaten in der Verbindung zur Sprache, zum Schreiben an sich symbolhaft das Ausmass der Gefühle beschreibt. So wie in sachlicher und naturwissenschaftlich erprobter Praxis nichts als Fakten den Erstehungsprozess des Menschen beschreiben, hat der Mensch sein Herkommen um die bildhafte Beschreibung erweitert. Schöpfungsmythen der wunderbarsten Art haben Bibel und Dichtung angehalten, auf die Möglichkeiten des Zur-Welt-Kommen zu reagieren. So wie das Hölderlinsche Aufsteigen in das Höchste Nichts ist, ohne Artikel wird NICHTS bei Hölderlin zum Inbegriff des Alles. So wie das Leben, zur Welt kommen wie Nichts erscheint, so hat Adorno Obdachlosigkeit enden lassen, das es "kein richtiges Leben im falschen gibt". Eigentlich jedoch, um aus dem beschädigten Leben sich erlösen zu können, in dem man den Standpunkt der Verzweifelung neu und verantwortungsbewußt vom Standpunkt der Erlösung betrachtet.
Wie geht man mit Sprache um? Welches Nichts wird erst durch Sprache schön, entsteht erst durch Sprache und wird durch die Liebe zum Wort entbunden, wenn nicht sogar geboren.
Am Anfang was das Wort (Joh 1,1) mag für Walser der Inbegriff der Schreibkunst sein, der Weg, fehlende Geschichte durch Romane zu ersetzen, Sehen und Gefühl zu vereinen durch wunderbare Lyrik, die Gedankenfülle in präziser Enge zu einem Hochgefühl führt, wie wir es bei Hölderlin (vgl. seinen Gedichtband) im feierlichen Ton kennen.

Walser geht durch die Welt des geschriebenen Wortes, er sucht und findet seine Stellen, die ihm ein neues Hochgefühl geben, ein Hochgefühl, durch Sprache in eine Welt zu kommen, die das tatsächlich Nichts bildhaft schön und phantasiereich in eine Sphäre des geistigen Wohlbefindens rückt.

Wer Lust der Sprache, des Wortes spürt, wird hier die Entzückung mit Walser teilen. Nämlich "etwas so schön sagen, wie es nicht ist."
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