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Unsere Familien und unsere Gesellschaft sind durch verwöhnende Umgangsformen geprägt und geschädigt zugleich. Statt positive Zuwendung zu leisten tappen wir allzu leicht in die Verwöhnungsfalle und gönnen uns ein Ziel gerichtetes Handeln zur Erlangung von Vorteilen zu Lasten Dritter. Verwöhnung orientiert sich an den Absichten und Bedürfnissen des Verwöhners, verschleiert das eigentliche Tun. "Verwöhnen statt fordern", damit ist die klassische Formel einer emanzipierenden Erziehung, "Fordern statt Verwöhnen" (Felix von Cube), auf den Kopf gestellt. Das süße Gift der Verwöhnung lullt ein wie eine Droge, hält in Abhängigkeit und lässt nicht mehr wirklich darüber nachdenken, warum dieser Zustand nicht Problem lösend, sondern Problem stabilisierend wirkt. Verwöhnen und Gewöhnen werden schnell zu einem unzertrennlichen Paar, das zu jeder eigenen Aktivität oder Anstrengung die Motivation nimmt. Wer gelernt hat, wie wohlig es sich an der Pipeline des familiären oder staatlichen Versorgtwerdens leben lässt, der zieht höchstens noch um vom "Hotel Mama" in die "Villa Sozialamt."
Albert Wunsch, Doktor der Erziehungswissenschaft, Leiter des Katholischen Jugendamtes im Stadtdekanat Neuss, hatte im Oktober 1998 in der "ZEIT" seine Gedanken zum Nicht-Gefordertsein und zum Minimieren der Leistungsbereitschaft publiziert und dabei aufgezeigt, wie in Familie und Gesellschaft systematisch Eigenverantwortlichkeit ausgebremst und verhindert, wie Veränderung gelähmt, Abhängigkeit gefördert, Menschenwürde torpediert wird. Statt problemlösender Therapie leistet sich unsere Gesellschaft verwöhnende Strukturen, die Grundprobleme betonieren, die das genaue Gegenteil von sozialer Hilfe sind und so den postmodernen Asozialen kreieren, der in der Masse das System, das ihn geschaffen hat, zerstört. Verwöhnung ist heute "Verwahrlosung im Glitzerlook", sagt der Autor.
Wunsch ist sich darüber im Klaren, dass eine moderne Gesellschaft für alle Fälle soziale Netze braucht. Ihm geht es nicht um die Wiedereinführung eines Sozial-Darwinismus, nicht um die Popularisierung von Härte und Sieg der Überlegenen. Er will aufmerksam machen auf die "mentale Depression" im Lande, auf den vielfältig anzutreffenden "homo schlaraffiensis", der jeder Belastung ausweicht, jedes Risiko meidet, der zwar alle Kraft zum privaten Genuss aufwendet, aber nie gelernt hat, seine Schwierigkeiten zu analysieren und zu lösen. Wie die Made lebt er im Speck dieser Gesellschaft, die er schädigen und zerstören muss, will er seinen Lebensstil nicht ändern. Und warum sollte er auch? In diesem Buch beschreibt Albert Wunsch nun detailliert und formulierungsstark seine einleuchtende Entdeckung, fragt nach der Rolle von Erziehung, beleuchtet das Massenphänomen "Verwöhnung", legt das Messer an zu einer "Pathologie der Verwöhnung", zeigt den Preis der Verwöhnung auf und legt Köder aus zur "Verwöhn-Entwöhnung", fordert und fördert Einsicht zur Ver-Änderung.
Nicht schwer ist übrigens der Problem-Transfer von der Familie zu Wert-Gemeinschaften wie der Kirche. Versöhner als Verwöhner? Na klar, überall da, wo - ohne eigens Zutun - kirchliche Dienstleistung abgefordert wird: Sakramentale Rundum-Versorgung, liturgische Inszenierung in jeder gewünschten Form, feierliche Begleitung bei allen Lebenswenden: Der Kirchensteuerzahler hat Anspruch auf pastorale Zuwendung - eigener Glauben, Glaubenspraxis scheinen nicht mehr Voraussetzung zu sein. Wer bezahlt, hat Anspruch auf Verwöhnung, auch in der Kirche. Dass keine Wertegemeinschaft überlebt, wenn jedes Mitglied nur den eigenen Vorteil sucht, bleibt in egomanischen Gesellschaften eine unentdeckte Erkenntnis.
Diesem Buch ist eine weite Verbreitung und seinen Thesen eine heftige Diskussion mit Folgen zu wünschen. Es zeigt als Menetekel ein grundsätzliches Problemfeld unserer Gesellschaft an, das jeden angeht. (PEK/MBH)
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