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Das heutige Wien: Der Historiker Viktor Abravanel, geboren 1955, besucht 25 Jahre nach Schulabschluss ein Klassentreffen und provoziert bereits beim Aperitif einen Eklat, als er die anwesenden Lehrkräfte beschuldigt, ehemalige NSDAP-Mitglieder zu sein. Nachdem sich die Gesellschaft fluchtartig aufgelöst hat, lässt Viktor im Gespräch mit seiner Jugendliebe Hildegund die überwiegend tragikomischen Ereignisse seiner Schüler- und Studentenzeit wiederaufleben.
Fast vier Jahrhunderte liegen zwischen diesen beiden Biografien. Im Roman bilden sie zwei so eng ineinander gewobene Handlungsstränge, dass die Übergänge fließend zu sein scheinen. Immer wieder zeigen sich deutliche Parallelen: Samuels Familie entkam nur knapp der Inquisition, Viktors jüdischer Vater musste vor den Nazis nach England flüchten. Aber auch alltägliche Zwänge und Grausamkeiten in Familie, Ausbildung und Beziehungsleben scheinen als das immer Gleiche wiederzukehren, als private Höllen, die wir immer erst rückblickend erkennen: nachdem wir aus ihnen vertrieben wurden.
Robert Menasse hat mit Die Vertreibung aus der Hölle bereits seinen vierten Roman vorgelegt. Wie schon in der Trilogie der Entgeisterung zeichnet er, nun vor historischem Hintergrund, ein düsteres Bild unserer Zeit -- ohne Larmoyanz, aber mit viel Sarkasmus, Wortwitz und Sinn für Groteskes. Die autobiografischen Züge an der Figur Viktors werden durch die Namensgleichheit mit ihrem geschichtlichen Alter Ego noch pointiert. (Ein von Rembrandt gemaltes "Portrait des Rabbi Menasse" ziert auch das Buchcover.)
Die historischen Passagen versteht Robert Menasse mit viel Fantasie und Einfühlungsvermögen packend zu schildern: die von religiösem Fanatismus aufgeheizte Stimmung auf den Straßen Lissabons, das mörderische Spektakel eines Autodafés, die Angst der Verfolgten, ihre Flucht in die Freiheit und die nie endende Qual der Erinnerung. Die narrative Engführung mit der letztendlich als Farce erscheinenden Lebensgeschichte Viktors geht dabei aber nicht ganz auf. Der groß angelegte Roman verliert durch den Anschein, primär eine vergleichende Fallstudie zu sein, ein wenig an innerer Kraft. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich die Geschichte insofern wiederholt, als wir uns selbst in ihr wiedererkennen: unsere ratlosen Gesichter, unsere verzerrten Fratzen. --Mathis Zojer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Robert Menasse verliert sich in einem doppelten Bildungsroman
Von Andreas Breitenstein
Allzu gelassen dürfte Robert Menasse der Veröffentlichung seines neuen Romans, «Die Vertreibung aus der Hölle», nicht entgegengesehen haben. Spätestens seit seinem für österreichische Verhältnisse spektakulären Verlagswechsel von Residenz zu Suhrkamp 1996 steht er unter Zugzwang. Zwar hat Menasse seither in den publizistischen Schlachten um die politische Wende in Österreich mit essayistischen Interventionen brilliert sowie mit exzentrischen Aktionen (wie einem Aufruf zur Steuerflucht österreichischer Künstler) Aufsehen erregt, zwar hat ihm das Frankfurter Haus manchen Liebesbeweis gezeigt (darunter eine Art Kinderbuch für Erwachsene über die «letzte Märchenprinzessin» Lady Diana), auch hat der Autor über die Jahre hinweg grosszügig Schlüssellochblicke auf das entstehende Werk gewährt und so seinen Kurs an der Gerüchtebörse nach oben getrieben. Nun aber sind die Vorschusslorbeeren dürr geworden, und es schlägt die Stunde der Wahrheit: Vermag Robert Menasse den intellektuellen Glanz und publizistischen Glamour, den er um sich verbreitet, auch literarisch zu beglaubigen?
Eine Phalanx von sieben vorangestellten Zitaten nährt zunächst eine alte Skepsis dass der Theoretiker Menasse dem Erzähler Menasse im Weg steht. Wenn man dem mittlerweile 47-jährigen Romancier bisher eines vorhalten konnte, so einen Hang zu gedanklicher Überfrachtung und philosophischer Konstruiertheit. Bei aller Originalität verschwanden die Thesen nicht immer gänzlich in Bild und Handlung, nicht immer emanzipierten sich die Figuren völlig vom Skript. Drei gleichperspektivisch auktoriale Erzählstränge ineinander flechtend, kommt das neue Buch formal eher anspruchslos daher, wobei sich eine historische Ebene (das Portugal der Inquisition, das Holland der religiösen Emanzipation) und eine zeitgeschichtliche Ebene (das Österreich der Wirtschaftswunderjahre), verbunden durch zahlreiche Koinzidenzen in der Biographie der jüdischen Protagonisten, des Amsterdamer Rabbiners Samuel Manasseh ben Israel und des Wiener Neuzeithistorikers Viktor Abravanel, gegenüberstehen. Eine dritte, stark dialogisch ausgerichtete Ebene (eine Klassenzusammenkunft in Wien mit ihren Bekenntnisfolgen) stellt den unmittelbaren Gegenwartsbezug her, befragt die beiden historischen Teile und versucht gleichzeitig, deren epischen Ernst ironisch zu brechen. Dies geht nicht ab ohne Friktion in der Figurenkonzeption, denn Viktor hat in einer Doppelrolle seinen Auftritt. Wird der Jugendliche als tragischer Melancholiker gezeichnet, erscheint der Erwachsene als Biedermann von anzüglichem Gehabe und eher flacher Gedanklichkeit.
Ein Wurf ist ohne Zweifel der aufwendig recherchierte historische Teil des Romans. Kristallisationspunkt war für den Autor ein Rembrandt-Gemälde von 1637, das den Amsterdamer Rabbiner Manasseh zeigt, einen Menschen, der die frühe Neuzeit in ihren Abgründen und Höhen durchlebt hat. Wie grosses Kino zoomt der Text zu Beginn mitten hinein ins Geschehen: In einem Hass- und Trauerzug, wie ihn das portugiesische Landstädtchen noch nie gesehen hat, wird in Vila dos Começos von fanatisierten Christen eine zu Gott erklärte Katze zu Grabe getragen und in diesem Akt (selbstzerstörerischen) kollektiven Wahns offenbart sich nicht nur die religiöse Hysterie der Epoche, es vollzieht sich auch die Rache der jüdischen Geschwister Mané (Manoel) und Esther (Estrela), die vor ihrer Verstossung eine Katzenauferstehung inszeniert hatten. Es ist dies nur eine Episode in einer epischen Geschichte von (Selbst-)Entfremdung und (Selbst-)Ent deckung, von Verrat und Verfolgung, Mimikry und Flucht. Als Kind eines Marranen (d. h. eines getauften Kyptojuden) ist Mané über seine wahre religiöse Zugehörigkeit im Unklaren und zugleich Teilhaber eines Geheimnisses, das er nicht versteht: So muss er täglich vor Sonnenuntergang zu Hause sein damit die Einhaltung der Sabbatregel freitags nicht auffällt. «Immer sein Blick auf den Stand der Sonne, die Nervosität, weil die Schatten lang wurden und das Licht rötlich oder grau.» Über der Kindheit wird Manasseh stets der Abend leuchten.
UNIVERSALER VERDACHT
Der Name Manoel steht für Anpassung und Widerstand, «Vernichtung und erhoffte Erlösung», denn was dem portugiesischen König, einem Judenhetzer, die Reverenz erweist, referiert zugleich auf den Seher und Propheten Samuel Zusammenhänge, die der Autor in einem quasi fortlaufenden Kommentar umfänglich ausdeutet. Manés Arglosigkeit und sein Wunsch nach Anerkennung gehen so weit, bei «Schweinejagden» der Dorfjugend gegen vermeintlich Andersgläubige mitzumachen und häretische Scheinchristen ans Messer liefern zu wollen. Was er nicht weiss, ist, dass er im Grunde sich selber jagt. So macht der universale Verdacht auch vor der Idylle nicht Halt, in die sich der Vater aus Lissabon geflüchtet hat. Zuerst ist da nur die Auffälligkeit dessen, der bei allem wirtschaftlichen Erfolg als Eisenwarenhändler «besonders peinlich darauf bedacht ist, nicht aufzufallen», doch dann stehen die Häscher der Inquisition vor der Tür. Mit der Verschleppung des Vaters kippt Manés Traum, zu sein wie die anderen, ins Trauma des Andersseins. Das Grauen wird ihn fortan begleiten, im Kerker des eigenen Hauses, auf der Jesuitenschule, auf der Flucht (im Sarg, zusammen mit den freigekauften Eltern) durch Spanien nach Holland, wo er nach vielen Niederlagen als Schriftsteller und Intellektueller, als Rabbiner und Diplomat berühmt werden wird.
Es ist ein opulentes Historiengemälde, das Robert Menasse hier entwirft mit fast allem, was an Dramatik dazugehört. Da gibt es Massen in nächtlichem Blutrausch (Mané kommt zur Welt, als die Scheiterhaufen brennen), da gibt es ebenso intime wie dramatische Familienszenen, da gibt es Rangkämpfe zwischen Kindern und Schülern, Geistlichen und Philosophen (der redlich-fleissige Manasseh gegen seinen skrupellos-sophistischen Kontrahenten Aboab, Spinoza gegen Descartes), da gibt es bildstarke Schauplätze, facettenreiche Milieus und sprechende Details. All dies ist durchwirkt von oft glänzender historischer Interpretation, filigraner Psychologie und philosophischer Analyse. Kräftig, wenn auch zum Schmelz neigend, der sprachliche Zugriff (wobei immer wieder Unsicherheiten auffallen: Pantheon statt Parthenon, «leistbare Genüsse»). Bewegend die Stellen, wo der Autor erdet, was leichthin im ästhetischen Vorstellungsraum schwebt mit Zitaten aus dem Familiendossier im Inquisitionsarchiv von Lissabon.
JÜDISCHE LEBENSWELTEN
Menasse gelingt es, eine Schlüsselepoche europäischen Judentums zur lebendigen Anschauung zu bringen. Wenn es um die «Exkommunikation» eines Freigeistes oder um die messianische Unrast der Zeit geht, scheinen die Vielfalt und die Widersprüchlichkeit jüdischer Lebenswelten auf. Breiter Platz eingeräumt wird Manassehs Anpassungsschwierigkeiten im liberalen «Menschenzoo» Holland, seiner Lebensangst und Unfähigkeit zur inneren Verhärtung (im Kontrast zu seinem ungeborenen Bruder, der als Steinfötus im Bauch der toten Mutter entdeckt wird) sowie seiner Naivität und intellektuellen Befangenheit in der Tradition. Mit seinen Schriften erregt Manasseh Aufsehen, sein Husarenstück ist die Rückkehr der seit 1290 verbannten Juden nach England. Daneben ist er der erste Lehrer des «Wunderkindes» Spinoza. Der Verweltlichung des Religionsbegriffes, die dieser vollziehen wird, lässt der Autor die Schwester Esther weit vorauseilen. Mit ihrem Sinn fürs Praktische, ihrer Absage an die Buchstabenreligion, ihrem Bekenntnis zum innerweltlichen Glück und zur Ironie stellt sie eine allerdings etwas gar losgelöste Botschafterin aus der postmodernen Zukunft dar.
Wenn die nächtlichen Schreie der gefolterten iberischen Juden durch Amsterdam gellen, ist auch der Holocaust mitgemeint, der über die Kinderverschickung von Viktors Vater nach England den dunklen Hintergrund zum Wiener Erzählstrang abgibt. Menasse schildert hier genau die Mechanismen des kommunikativen Beschweigens, denn um 1960 trägt man keine Trauer. Alles wird neu, alles lacht, und alles gehört photographiert. «Das blitzte. Und alle Farben waren so zart und frisch, die Fotos schwarzweiss, aber Viktor wusste, damals war alles pastellfarben.» Es ist die Scheidung der Eltern, die ihm das Reich der Kindheit verdüstert, und schliesslich der Gang ins Internat, wo ihm mit der Zucht auch die Gewalt aufgedrängt wird. Fortan wird Viktor die Welt nicht mehr durch die «Milchglasscheibe» der Naivität, sondern durch das Russglas des unglücklichen Bewusstseins betrachten.
Auch Viktor wird zunächst die jüdische Herkunft unterschlagen. Erst als der Mitläufer in seinem Drang nach Respekt den kleinen Mitschüler Feldstein mit «Saujude» beschimpft und verprügelt, fällt das Tabu. Von seinem Religionslehrer, einem gescheiterten Priester, erfährt Viktor auf einer Klassenfahrt nach Rom in den Vatikanischen Geheimarchiven, dass er den Namen einer der bedeutendsten (geheim)jüdischen Familien der frühen Neuzeit trägt. Die Familienakte Abravanel erweist sich als das Dokument eines einzigen Martyriums. «Ich sah Spitzelakten und Folterprotokolle. Da wurden Menschen zerbrochen und Seelen neu zusammengesetzt. Eine fast industriemässige Produktion von Seelen. (. . .) Hölle und die Vertreibung aus der Hölle.» Der Rabbi Manasseh heiratet in Amsterdam eine Abravanel, aus deren Geschlecht der Messias stammen soll, Viktor dagegen wird als Mann unfruchtbar bleiben.
Der Wiener Erzählstrang bietet ein turbulentes Familienpanorama sowie ein luzides Sittenbild der sechziger und siebziger Jahre. Mit sichtlicher Fabulierlust porträtiert Menasse eine Zeit, in der sich die Menschen für die Entbehrungen des Krieges wild entschlossen entschädigen. Die Mutter träumt von Bidet und Parfum (das sie dann gleich literweise vom Kaufhaus anschleppt); der Vater übt sich als Schürzenjäger; die resolute Oma erlebt, nachdem sie ungefragt aus der Provinz nach Wien zur Tochter gezogen ist, einen zweiten Frühling als Masseuse; der Onkel bringt ihr Vermögen als Generalvertreter von notorisch Unverkäuflichem durch, bevor er als Nachtportier und als jiddelnder Clown in einem Stundenhotel zu Vermögen, aber auch zu Tode kommt. Nur die Grosseltern väterlicherseits verharren in der Kaffeehauswelt von gestern als ein Hort der Verschrobenheit, aber auch der Stabilität. Und inmitten der neuen «Wollust, Ich zu sagen» steht Viktor, herum- und abgeschoben, allein mit seinen Fragen und ängstlich vor der Welt, verdammt zu Mutters Mief und Vaters Samstagnachmittagen. Auch ein Sommeraufenthalt in Oxford führt nicht zum Ausbruch, sondern im Gegenteil zum Einbruch der Melancholie als Lebensgefühl: Wo die anderen «Born to be wild» in die (auch sexuelle) Praxis überführen, vermag Viktor nur laut mitzusingen.
Es ist das Jahr 1968, in dessen Folge Viktor seinen Weltschmerz objektiviert sieht. Das Ende der Schule erweist sich nicht als «Beginn der Freiheit, sondern etwas viel Komplizierteres; der Beginn des Bewusstseins der Unfreiheit». Über die Wirklichkeit legen sich die Schatten des Negativismus, die Welt erscheint im Zeichen von Marx und Reich als universeller Entfremdungs- und Ausbeutungszusammenhang. Wo aber die Apokalypse ist, blühn die linken Befreiungs- und Grössenphantasien auch in WGs und in Lesegruppen, in militanten Splitterparteien und auf Strassendemonstrationen. Als Mann ohne Eigenschaften agiert Viktor im Zeichen der Überanpassung. Von seinen in ihrer Verweigerung und Besserwisserei von Menasse glänzend karikierten Wohngenossen eignet er sich die Attitüden von Dogmatismus, Zynismus und Ironie an, ohne verhindern zu können, dass die Unsicherheit und die Liebessehnsucht «aus jedem seiner bemüht abgebrühten Sätze hervorblinkten». Gerade weil sich ihm die lebendige (soziale wie sexuelle) Erfahrung verschliesst, flüchtet Viktor sich ins theoriegeschützte Ganze. Einzelheiten «unerheblich. Es genügte vollauf, wenn man bloss dies wusste: alles.» Erst als er, mittlerweile trotzkistischer Aktivist, wegen einer behaupteten Schwängerung selber in die Mühlen des Gesinnungsterrors gerät und einen Schauprozess über sich ergehen lassen muss, wacht Viktor auf. Vereinsamt in der Wohnung seiner Grosseltern, wird er sich aufs Lernen besinnen um es schliesslich zum Dozenten in Geschichte der Neuzeit zu bringen.
KAUM SYNERGIEN
Es sind zwei ausgedehnte, nahezu vollständig durchgeführte und orchestrierte Bildungsromane, die Robert Menasse auf fast 500 Seiten entwirft und beide könnten sie in ihrer Wucht und Komplexität, Tiefe und Dramatik für sich allein stehen. Dass der Autor die beiden Stoffe auf eine geschichtsphilosophische Ebene stemmen möchte, macht die grundsätzliche Crux seines Projektes aus, lassen sich Synergien doch weder mit biographischen Analogien noch mit einer simplen Spiegelkonstruktion herstellen. Auch sperrt sich das spezifische Gewicht der Themen gegen ihre Verquickung hier die säkulare Katastrophe des Glaubenszeitalters, da eine nicht ganz unbehütete Wiener Kindheit nach 1955, hier das Authentische, da das Fiktive. Es irritiert, solches unter der vagen These einer individuellen und kollektiven Wiederholung von Geschichte gleichgeschaltet zu sehen. So sehr klaffen die erzählten Zeiten auseinander, dass die Bezüge bestenfalls auf der banalen Handlungsebene oder dann im vom Autor fortlaufend selber extrapolierten Abstrakten funktionieren. Wo die Not übergross wird, zögert Menasse auch nicht, auf den Zauber starker, aber leerer Symbole zu setzen. So muss Viktor anlässlich der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages 1955 in der jubelnden Menge zur Welt kommen, ohne dass sich sein Leben später als besonders exemplarisch für die Zweite Republik herausstellte.
Als missglückt muss man den dritten, intermittierenden Erzählstrang bezeichnen. Was Menasse in den beiden Biographien an Glaubwürdigkeit aufbaut, verspielt er hier ohne Not. Eine Klassenzusammenkunft zum 25-Jahre-Maturajubiläum nutzt Viktor zu einer Abrechnung mit den Lehrern, indem er deren NS-Mitgliednummern verliest, worauf sich die Versammlung im Skandal auflöst. Zurück bleiben Viktor und Hildegund, eine alte Flamme, bei der er jedoch nie reüssierte. Nach dem Abendessen lassen sich die beiden im Taxi ziellos durch Wien chauffieren. Nicht nur wirkt Viktors Rache reichlich unmotiviert (wie sich herausstellt, hat er mit Teilen seiner Enthüllung nur geblufft), auch die Beziehung zu Hildegund hat zu wenig Substanz, als dass sich auf der aufgekratzten Hass- und Liebesfahrt mehr als intellektuelles und emotionales Geplänkel ergäbe. Gestelzte Dialoge, dümmliche Wortspiele, anzügliche Witze alles mobilisiert der Autor, um diese Ebene launig zu halten. Zur Verzahnung der beiden Erzählströme trägt sie indes nur punktuell bei, und auch das geschichtsphilosophische Erkenntnisinteresse vermag sie nicht wirklich lebendig zu halten. Die späte Bemerkung Viktors, er gedenke auf einer Tagung einen Vortrag über Spinozas Lehrer zu halten, offenbart vollends, welche Chance Menasse vertan hat, die beiden Teile über eine Autorschaft Viktors perspektivisch zu verzahnen. Rabbi Manasseh als Entwurf des Historikers das hätte dem Buch eine Geschichts-, Erzähl- und Sprachskepsis eingeschrieben, wie sie aus einem historischen Roman, der sich als zeitgemäss begreift (erinnert sei an Per Olov Enquists «Der Besuch des Leibarztes»), schlicht nicht wegzudenken ist.
So droht denn am Ende alles zu zerfallen, und die vielen geglückten Einzelmomente vermögen das Fehlen einer stringenten Form nicht aufzuwiegen. Robert Menasse, so scheint es, hat sich zu sehr in die Materie versenkt und dabei zu wenig in Betracht gezogen, dass das Ästhetische dem Inhaltlichen keineswegs äusserlich ist. Im Detail bewegt er sich durchaus auf der Höhe seiner Möglichkeiten etwa als Entmythologisierer der bleiernen Zeit nach 1968. Trefflich seine Analyse, dass die neue Freiheit sehr viele zwanghafte Züge hatte, dass der linken Utopie «rostiger Sinn» innewohnte, «der abblätterte vom Besinnungslosen, mit dem die Welt vor Zeiten lackiert worden war». Wie wirklichkeitsfern die Religionskritik, der Passepartout marxistischer Argumentation, damals war, führt Viktors Familie vor Augen, in der sich die religiösen Gefühle bis ins Groteske verwirren: Die jüdische Grossmutter will christlich bestattet sein, der jüdische Grossvater wünscht sich eine Kremation, während dem antisemitischen Onkel ein schwarzafrikanisch-christlich-jüdisches Begräbnis zuteil wird.
Den Nerv der Zeit trifft auch Menasses Frage nach dem Sinn des Erinnerns. Mit dessen moralischer Eindeutigkeit ist es nicht mehr so weit her, seit das Gedenken zur «Erinnerungspolitik» verkommen ist und geschäftsmässige Züge angenommen hat. Das könnte durchaus Thema eines Romans sein (und war es etwa in Norbert Gstreins «Die englischen Jahre»), ausgerechnet der Dialektiker Robert Menasse aber zeigt sich den Verschlingungen in dieser Sache nicht gewachsen. Ab wann Geschichte Geschichte ist, ob sie dem Leben nützt oder schadet, ob Geschichte unter dem Gesetz des Wiederholungszwangs steht, ob sich in ihr Gott offenbart inwiefern das Buch auf solche Fragen, die es selber diffus aufwirft, eine Antwort darstellt, bleibt unklar. Umgekehrt will der Autor der erste und oberste Interpret seiner Figuren sein ein Vorwitz, der geeignet ist, die Literarizität des Textes zu untergraben. Von ebendieser Hypertrophie kündet auch der Titel in seiner platten Paradoxie, die sich auf dem Umschlag obendrein mit einem Aphorismus erläutert findet, der im Roman selber nicht zu entdecken ist.
So ist man denn versucht, den phänomenologisch dicht beschriebenen und zweifellos auch autobiographisch begründeten jüdischen Existenzialismus als eigentlichen Wahrheitsgehalt des Buches zu begreifen. Jude sein, das war über Jahrhunderte hinweg der Zwang zu Verbergung und Anpassung, die Verweigerung der «Anerkennung dessen, was [man] war und wie [man] war» und gleichzeitig der Drang zur «Absolution durch die Gesellschaft». Wie sich unter Masken und hinter Rollen die jüdische Identität bewahren konnte, wie die erzwungene Doppelbödigkeit des Daseins über die Notwendigkeit, wachsam zu sein gegenüber möglichen Mördern die frei schwebende jüdische Intelligenz hervorbrachte und immer noch -bringt, davon erzählt «Die Vertreibung aus der Hölle» in exemplarischer Weise. Auch wenn es den «geheimen Juden» heute kaum mehr gibt: Sein Erbe, die Angst vor Verfolgung, ist nicht aus der Welt verschwunden und auch nicht das «Vibrieren der Seele». Auch bei Robert Menasse ist es zu spüren, jenes Oszillieren zwischen Abstand und Nähe, Abstraktion und Konkretion, Ironie und Engagement. An seinem genuinen Erzähltalent kann es keinen Zweifel geben. Es ist alles da nur die rechte Mischung, die den Meister ausmacht, hat er immer noch nicht gefunden. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Die Parallelhandlung erzählt von Máne, einem jüdischen Kind im Portugal des 17. Jahrhunderts. Seine Eltern werden von der Inquisition verfolgt, Máne soll als Jesuit aufwachsen, doch nach vielen Mühen gelingt ihnen die Flucht nach Amsterdam, wo Juden eine Bleibensberechtigung haben. Máne geht in die Rabbinerschule und soll schon bald der Lehrer Spinozas werden.
Was auf den ersten Blick nicht zusammen gehen kann, weil die Zeit zu weit auseinander ist und die Gesellschaften sich in nichts ähneln, wird bald zu einem Vexierspiegel indem man Viktor und Máne wiederfindet. Menasses erzählerischer Stil schafft es eine spannende Geschichte zu formen, die das Aufwachsen zweier Männer erzählt und deren Handlungen und Erlebnisse sich trotz der wenigen Gemeinsamkeiten, die sie haben, immer mehr verstricken und bald ist die Jugendgeschichte Mánes ein Vorläufer der von Viktor. Sachen, die im 17. Jahrhundert den sicheren Tod bedeutet hätte, werden im 20. zu Peinlichkeiten und genauso umgekehrt.
Immer deutlicher kommt aber der Machtwahn des Menschen heraus. Máne und Viktor sind Mitläufer, Ausgegrenzte, die nur zu gerne dazugehören wollten. Ihr gesellschaftliches Manko versuchen sie mit Fleiß wegzumachen, doch müssen sie immer wieder einsehen, dass der größte Fleiß und willenloseste Anpassung nichts nützen, wenn die Gesellschaft nicht will, dass sie dazugehören.
Ein sehr erschreckender Roman, der jedoch leicht und locker erzählt wird, das macht die großen Qualitäten Menasses aus.
Sie werden es nicht bereuen, im Gegenteil, sie werden es nochmals lesen.... Lesen Sie weiter...
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