Aus der Amazon.de-Redaktion
In guter bürokratischer Tradition stand am Beginn des Vernichtungsprozesses die amtliche Definition dessen, was vernichtet werden sollte: das Judentum. Nachdem das Reichsinnenministerium dieses Problem zufrieden stellend gelöst hatte, konnte die systematische Entrechtung und Enteignung der Juden beginnen. Weitere Stufen folgten: die Konzentration der Juden in Ghettos, die Operationen der mobilen Tötungseinheiten, die Deportationen aus den besetzten Gebieten und schließlich die Errichtung spezieller Vernichtungszentren. Hinter dieser höchst effizienten Maschinerie verbarg sich ein ganzes Heer von Namenlosen, deren funktionale Hingabe diesen Genozid erst möglich gemacht haben. Es waren "gewöhnliche" Bürokraten, Reichsbahner, Polizisten und Soldaten, die diese Maschinerie in Gang hielten, und ihre Befehle kamen von subalternen Vorgesetzten, die den "Führerwillen" gewissenhaft vollstreckten.
"Töten ist nicht mehr so schwer wie in früheren Zeiten." -- Es ist dieser Satz Raul Hilbergs, der sich ins Gedächtnis eingräbt. Er ist Fazit und Mahnung zugleich. Der technische Fortschritt machte den Holocaust erst möglich, und es ist dieser Fortschritt, der das Vernichtungspotenzial seitdem immer weiter perfektioniert und ausgebaut hat. Der Verwaltungsbeamte früherer Tage hatte nicht die Werkzeuge, eine ganzes Volks auszulöschen. Der Bürokrat von morgen wird diese Probleme nicht haben, er ist bereits heute besser ausgerüstet als die Nazis jemals waren. --Stephan Fingerle
Kurzbeschreibung
Das Thema dieses Werkes sind die Täter, der Plan, das Tatschema, die Tat selbst, ihre Vorbereitung und Durchführung. Mit "Kühle und Präzision, die den großen Chronisten auszeichnen" (SZ), weist Hilberg die Verwicklung und Beteiligung der Führungseliten in Staatsverwaltung, Industrie und Wehrmacht bei der Judenvernichtung nach. Nachgewiesen wird auch die funktionale Hingabe des durchschnittlichen Bürokraten, Reichsbahners, Polizisten und Soldaten an das Ausrottungswerk. Und es kommt ein Tätertypus zum Vorschein (der auch namentlich genannt wird), der nach 1945 nie einem Richter begegnet ist: der preußische General, der national-konservative Ministerialbeamte, der Diplomat, Jurist, Industrielle, Chemiker und Arzt.
Hilberg hat das Material für sein Buch sein Leben lang gesammelt und ergänzt. Er gilt als der wohl beste Kenner der Quellen, die zum größten Teil von den Tätern stammen. Sie haben - gründlich, wie sie waren - die Beweise ihres Mordhandwerks hunderttausendfach abgeheftet - mit Briefkopf und Dienstsiegel.
Die vorliegende Gesamtgeschichte des Holocaust ist "... Quelle für den Spezialisten, Analyse für den Theoretiker und Geschichtsbuch ohnegleichen für das allgemeine Publikum" (Sunday Times).
Über den Autor
Raul Hilberg hat das Standardwerk über den Holocaust geschrieben, das in drei Bänden im Fischer Taschenbuch Verlag unter dem Titel »Die Vernichtung der europäischen Juden« vorliegt. Er veröffentlichte im S. Fischer Verlag das Buch »Täter, Opfer, Zuschauer« und seine Autobiographie »Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaust-Forschers«. 2002 hat er seit neuestes Buch bei S. Fischer vorgelegt: "Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren".
Träger zahlreicher internationaler Preise. 1999 erhielt er in Deutschland für sein Lebenswerk den Marion-Samuel-Preis der »Stiftung Erinnerung«. Für sein Buch »Die Quellen des Holocaust« wurde ihm der Geschwister-Scholl-Preis 2002 verliehen. Seit 2002 Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes.
Raul Hilberg lebt in Burlington/Vermont.
»Es ist durchaus nicht übertrieben, wenn man feststellt, daß es auf der ganzen Welt niemanden mehr geben wird, der sich unterstehen würde, über den Mord an den europäischen Juden zu schreiben, ohne 'den Hilberg' zu berücksichtigen.« Reinhard Rürup in seiner Laudatio bei der Verleihung des Marion-Samuel-Preises an Raul Hilberg am 19. April 1999 in Berlin