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Kundenrezensionen

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am 27. März 2009
"Man heiratet, wenn man nichts Wesentliches im Leben vorhat." Wer einen solchen Satz von sich gibt, der muss in der Tat noch einiges vorhaben. Und wer als junger Mann furchtlos bei einer der ersten Ballonfahrten Pilâtre de Roziers dabei ist und gar nicht genug davon haben kann, weil man von oben die Krümmung des Raumes erahnt, dürfte buchstäblich zu Höherem berufen sein. Der Frauenverächter ist Alexander von Humboldt, der Ballonfahrer Carl Friedrich Gauß. Mit seinen Reisen quer über den amerikanischen Kontinent hat Humboldt, der kleine Bruder des Hochschulreformers und Politikers, diese Ankündigung dann auch eindrucksvoll wahr gemacht: vom Orinoko hinauf zu den Anden-Höhen von Pichincha und Chimborazo und schließlich zu den Pyramiden von Teotihuacan bei Mexiko-Stadt. In der Schilderung von Humboldts Südamerika-Expedition hat auch Kehlmanns Roman seine Höhepunkte, etwa wenn der Baron und sein Alter Ego Bonpland auf dem Weg zum Gipfel des Chimborazo (galt damals als der höchste Berg der Welt) oder schon vorher im Dschungel nach der Einnahme von Curare halluzinieren.
Parallel zu Humboldts Biografie schildert der Autor das Leben des genialen Mathematikers, Kartografen und Sternenkundlers Gauß. Der Reiz besteht in der antagonistischen Anlage dieser beiden genial begabten Männer: Enthusiastisch, rastlos, von einer unersättlichen Neugier auf unentdeckte Wissensgebiete getrieben und beseelt von einem geradezu naiven Optimismus und Glauben an die Vernunft des Menschen der eine; häuslich, hypochondrisch, notorisch schlecht gelaunt und tyrannisch der andere. Mit einer Begegnung der ungleichen Helden in Berlin, die im letzten Drittel wieder aufgenommen wird, setzt der Roman ein. Ansonsten folgt er den Lebensläufen Humboldts und Gauß', wie es deren Biografie erforderlich macht, auf getrennten Wegen - und Buchseiten.
Kehlmanns - man möchte fast schon sagen: einzigartige - Leistung ist die Urbarmachung einer oft verschmähten grammatikalischen Form, des Konjunktivs eins, für die schöngeistige Literatur. Denn welches immense Humor- und Ironie-Potenzial die Darstellungsform der indirekten Rede birgt, hat man bis zu Kehlmanns meisterlich durchgeführter Entdeckungsreise kaum für möglich gehalten. Eine Kostprobe: Als Humboldt auf dem Rio Negro mit einheimischen Geistergeschichten-Erzählern zu wetteifern versucht und Goethes "Über allen Gipfeln ist Ruh'" auf Spanisch rezitiert, klingt das so: "Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein. Alle sahen ihn an. Fertig, sagte Humboldt. Ja wie, fragte Bonpland."
Die Art und Weise, wie Kehlmann seine konjunktivisch-distanzierte Erzählweise zum Quell für herrliche Ironie und pointierte Lakonik macht, ist der eigentliche Geniestreich dieses Buches. Es ist demgemäß auch der Humor, der blanke Unterhaltungswert, der den verdienten Erfolg dieses Romanes ausmacht, nicht die Lebendigkeit der Tableaus oder das Fesselnde der Reiseberichte. Man folgt den Lebensläufen seiner beiden Hauptfiguren nicht gebannt, weil der Strudel der Ereignisse und der Sog des Abenteuers einen so mitreißen. Auch die psychologische Entwicklung seiner Protagonisten interessiert nur am Rande. In der einzelnen Szene, in der Verdichtung im referierten Dialog entfaltet der Roman seine Wirkung. Auch tragische Wendungen haben stets eine komische Seite. Etwa das Altern und der ärgerliche Tribut, den der stets jugendlich wirkende Humboldt der Verringerung seiner Vitalität auf seiner Asienreise zollt, wo der Erzähler ihn, die Berühmtheit, zur traurigen Tussaud'schen Wachsfigur im Zarenreich herabgewürdigt sieht, der Humboldts Lebenselixier, die Basisarbeit mit Mineralien und allem Indigenen, verweigert wird. Oder Gauß' Kampf gegen die eigene Sprödheit und Hartherzigkeit, der sich erst im Alter und Moment der endgültigen Trennung eine zaghafte Umarmung für seinen Spross Eugen abringen lässt.
Die zweite große Leistung dieses Buches: Es ist pure Bildung. Kehlmann veranschaulicht diejenige Epoche, in der Deutschland als Nation wurzelt. Fortwährend tauchen am Rande sympathisch karikierte Gestalten von historischer Dimension auf: Immanuel Kant, Goethe, Daguerre, Turnvater Jahn, US-Präsident Thomas Jefferson und natürlich der große Bruder Wilhelm.
Humboldts Pariser Zeit ist dem Buch indes kaum mehr als einen Satz wert. Das liegt in der Natur der Sache. Hier wird die Welt vermessen und nicht die Langsamkeit entdeckt. Kehlmanns Entscheidung für eine distanziert-lakonische Erzählweise zwingt zu Raffungen und zur Selektion, verweigert ihm allerdings auch - und das ist das einzige nennenswerte Manko des Buches - den Lebenswegen seiner Hauptfiguren konsequent bis zum Ende zu folgen. (Beide wurden ja auch ziemlich alt.) Vielleicht war die Befürchtung zu groß, eine humorlose Sache wie der Tod eines Helden eigne sich nicht für ironische Brechungen des bis dahin benutzten Kalibers. Der Autor entschließt sich stattdessen dafür, etwa in der Mitte des Buches eine dritte Hauptfigur aufzubauen, Gauß' Sohn Eugen, und ihm mit dessen Reise nach Amerika die Schlussperspektive des Romans zu überlassen. Sicher, auch das funktioniert, auch ist Eugen ein dankbarer Kristallisationspunkt für das Junge Deutschland, das Kehlmann zu wichtig war, um es als bloße historische Kulisse herhalten zu lassen. Doch es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Kehlmann auch den Abschied der beiden Gelehrten von der von ihnen erforschten Welt in einer Weise komisch und zugleich anrührend hätte gestalten können, die das I-Tüpfelchen auf ein rundum gelungenes Werk gewesen wäre. Dass man als Leser darauf verzichten muss, nachdem man vorher Zeuge werden konnte, wie völlig verschieden das Wissen der beiden Welt-Vermesser um die eigene Endlichkeit sich ausprägte, tut einem am Ende doch ein bisschen Leid.
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am 5. März 2009
Nachdem ich viele der über 300 Rezensionen zu diesem Buch gelesen habe, muss ich feststellen, dass das Buch von vielen Lesern offensichtlich falsch verstanden wurde. Natürlich ist es kein spannendes Buch mit einem klar definierten Plot, der in einem Höhepunkt kumuliert, denn das ist meines Erachtens nach auch nicht der Anspruch dieses Werkes. Vielmehr ist Kehlmanns Roman in erster Linie eine satirische, bisweilen karikierende Darstellung des "Deutschseins", und zwar in zeitlich ungebundenen Kategorien eingebettet. Auch wenn die Handlung bereits vor 200 Jahren stattfand, so sind die meisten Stereotypen doch bis heute erhalten. In zweiter Linie ist es wohl eine philosophische Abhandlung über das Altern, das Kehlmann wie kein Zweiter auf sehr subtile, würdevolle, aber auch lustige Art und Weise betrachtet.

Hervorzuheben ist meiner Meinung nach besonders sein Schreibstil. Als Vielleser von Gegenwartslitaratur (nicht nur deutschsprachiger zwar) war Kehlmanns Roman stilistisch gesehen für mich ein besonderer Genuss. Die oftmals kritisierte, immer anwesende indirekte Rede schafft eine ganz besondere und auch nötige Distanz zu der lange zurückliegenden Handlung, was ich (als Geschichtsstudent) ausschließlich positiv bewerten kann. Historische Romane, in denen die direkte Rede überwiegt, können per se nicht authentisch sein, denn wer will genau wissen können, was wirklich gesagt wurde?!

Über kleinere Ungenauigkeiten bei der biographischen Recherche zu Gauß und Humboldt kann man durchaus hinwegsehen, sie tun der Handlung bzw. vielmehr der Aussage des Buches keinen Abbruch. Auch den Titel des Buches empfinde ich im Gegensatz zu vielen anderen Lesern nicht als störend, da es eben genau die Vermessung der Welt ist, die die Leben der beiden Charaktere miteinander verbindet und im Übrigen auch eine sehr "deutsche" Wesensart darstellt. Auch die Doppeldeutigkeit des Wortes "vermessen" ist hier nicht zu vernachlässigen.

Insgesamt gelingt es Kehlmann also sehr gut, ein leicht zu lesendes, zumeist lustiges, inhaltlich interessantes, wenn auch nicht spannendes, Buch zu verfassen, das durch die Einbettung in die Biographien zweier großer deutscher Wissenschaftler einen hervorragenden Rahmen besitzt.
2020 Kommentare|340 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 13. Februar 2009
Maßlos, überbewertet, Abklatsch - das sind die Kritiken mit einem Stern. Ehrlich gesagt, hatte ich so was Ähnliches auch erwartet bei diesem Buch, das lange auf der Bestsellerliste ganz oben stand. Deswegen hatte ich es nicht gekauft. Und habe es dann geschenkt bekommen und gelesen. Und war angenehm überrascht. Damit habe ich nicht gerechnet. An die 1-2 Sterne-Kritiker: ich kann diese Meinungen verstehen.

Doch mir gefallen dieser Stil und diese Erzählweise, sie setzen sich angenehm ab von vielen anderen.Indirekte Rede statt direkter, Phantasie ersetzt Wirklichkeit bzw. ergänzt sie, so dass man nicht weiß, was momentan zutrifft. Dieses Nichtwissen, war's jetzt so oder doch nicht, macht die Erzählung interessant. Ein sehr gutes Stilmittel.

Kurze Sätze, manchmal ironisch gefärbt, manchmal witzig, für Humboldt schien es für Kehlmann einfacher gewesen zu sein, diesen Ton zu treffen, der den Leser schmunzeln lässt. Hier haben wir zwei Genies, die unterschiedlicher kaum sein können, die beide jedoch in ihrem eigenbrötlerischen Gehabe sehr schwierige Typen sind; denen es zu einem großen Maß an Sozialkompetenz fehlt, die jedoch absolut zielgerichtet ihrer Bestimmung folgen und der Welt brillante Erkenntnisse vermitteln.

Ich denke, man sollte das Buch mit dem gebotenen Respekt, aber nicht mit zu viel Ernst lesen. Wer mehr über Gauß und Humboldt wissen und lernen möchte - und diese Erzählung stiftet geradezu an - der kann sich entsprechend informieren und trockene Biografien lesen.
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am 26. Dezember 2012
Ich habe diesen Roman mit Freude gelesen, obwohl ich auf das Thema lange keine Lust hatte, weil ich befürchtete, das Buch könne dröge sein. Das Gegenteil ist der Fall: Die Episoden um die drei Forscher sind knapp und lebendig erzählt, mit wenigen Strichen schafft Kehlmann Bilder von Humboldt (Alexander & Wilhelm) und Gauß. Der Humor ist entgegen der Verlagsbeschreibung mitunter sogar deutlich ausgeprägt, und es entsteht auch ein guter Eindruck von den Beschwernissen der damaligen Lebensverhältnisse.

Womit wir bei einem generellen Problem wären, das über eine Kritik an diesem Buch hinausreicht: Es handelt sich trotz allem um einen Roman, und mir fällt es schwer, das biografisch Verbürgte von der Fiktion zu trennen. Was ist wahr, was ausgedacht? Schwer zu sagen. Dieser Roman ist so dicht, dass ich geneigt bin, alles zu glauben.
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VINE-PRODUKTTESTERam 2. April 2008
Ein Buch, welches sich in vielerlei Hinsicht von anderen Büchern abhebt. Als erstes ist mir natürlich der Erzählstil aufgefallen, der in indirekter Rede gehalten wurde. Das gefiel mir richtig gut, war zwar ungewöhnlich, aber nicht schwer zu lesen. Diese außergewöhnliche Sprache passte einfach zu der Geschichte, zu den Personen und zu der Zeit sowieso, nämlich das ausgehende 18.Jahrhundert, Anfang des 19.Jahrhunderts.

Dann ist da noch die Geschichte, in der es um den Naturforscher und Entdecker Alexander von Humboldt und den Mathematiker, Astronom, Geodät und Physiker Carl Friedrich Gauß geht. Hier handelt es sich um eine Doppelbiografie, die das Leben dieser beiden Genies zwar nur oberflächlich, dafür aber witzig und geistreich darstellt. Trotzdem schafft es der Autor, die Geschichte interessant und informativ zu gestalten. Wenn man auch nicht das Meiste über das Leben dieser beiden Männer erfährt, da Kehlmann viel mehr Stoff gehabt hätte, um ausführlicher auf das Geschehen hätte eingehen können, bekommt man doch einen Einblick, was Humboldt und Gauß in jener Zeit bewirken konnten. Es wäre für mich zwar schön gewesen, mehr zu erfahren, aber so musste ich mich mit den wenigen Informationen in diesem Buch zufrieden geben. Dass die Gestaltung der Personen auch nur oberflächlich bleibt, fand ich hier nicht so schlimm, da es einfach zum Erzählstil passte.

Zuletzt begeistert vor allem die Ironie und der Witz, was uns durchs ganze Buch begleitet. Versteckte Philosophie und viel Wissenswertes über die Natur waren bei mir die Beweggründe, welche die Spannung aufrecht erhalten haben. Und das bisschen, was über die beiden Genies zu erfahren war, war sehr interessant. Da nur wenig Historisches in die Geschichte eingebaut wurde und der größte Teil fiktiv ist, hat mir ein Anhang gefehlt, indem man dies hätte nachlesen können. So musste ich mich selbst ein wenig schlau machen, wobei ich noch mehr Hintergrundwissen erfahren habe. Wer dies auch machen möchte, den kann ich Wikipedia empfehlen, da hier ausführlich über die beiden Männer berichtet wird. Ich kann das Buch jedenfalls weiter empfehlen und möchte nicht missen es gelesen zu haben. Ich finde zwar nicht unbedingt, dass man dieses Buch so hochloben muss, seinen Platz auf den Bestsellerlisten hat es aber auf jeden Fall verdient.
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TOP 1000 REZENSENTam 25. September 2011
"Die Vermessung der Welt" stellt eine Doppelbiografie des Mathematikers Gauß und des Naturforschers Humboldt dar. Erzählt wird deren beider Leben, unterteilt in jeweils einem aussetzenden Kapitel. Der Roman ist durch und durch von Ironie gestreift, die oftmals ganz urplötzlich eintritt und den Leser zum Schmunzeln bringen kann. Da Kehlmann im Konjunktiv schreibt, bewahrt er eine kritische Distanz zu den beiden Hauptfiguren und lässt dadurch auch seinen beabsichtigten Humor durchdringen, der nicht verfehlt auf den Leser wirkt. Das Leben beider Figuren wird von Kindesbeinen bis zum hohen Alter von Kehlmann beschrieben und obwohl die Handlungsstränge größtenteils fiktiv sind, scheinen sie sehr überzeugend, vor allem konzentriert sich Kehlmann darauf die beiden Karrieren dieser Figuren darzustellen und sie mit ihren mathematischen bzw. naturwissenschaftlichen Arbeiten auszuweisen. Diese Beschreibungen sind jedoch keinesfalls nüchtern, sondern durch den zu erwartenden Humor ganz drollig, dies macht das Buch auch so unterhaltsam beim Lesen, denn man weiß schon, dass wieder bald eine lustige Bemerkung eingeworfen wird oder ein Dialog sich so gestaltet. Kehlmanns Beschreibungen von Humboldts Reisen erinnern zu guter Letzt auch an Percy Fawcetts Reisen Geheimnisse im brasilianischen Urwald - aus der Reihe: Aufbruch ins Unbekannte, der ganz den Geschichten Humboldts Richtung Amazonas ähnelt. Kehlmann ist einer der wenigen modernen und allgegenwärtigen Autoren (neben Safier und Precht) , die wissen wovon sie schreiben und auch wissen, wie sie es dem Leser am Besten vermitteln sollen. Insofern ein abenteuerreiches, humoristisch geschriebenes und sehr lehrreiches Buch über zwei historische Figuren, die man unbedingt kennenlernen sollte.

~Bücher-Liebhaberin~
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am 14. März 2008
Recht witzig und amüsant geschrieben, begleitet es zwei der exzellentesten Forscher des ausgehenden 18. Jahrhunderts durch ihr völlig verschiedenes Leben: Alexander von Humboldt, der im nördlichen Südamerika forscht, den Orinoko befährt, auf Vulkane klettert, in Höhlen kriecht und die Kopfläuse der Eingeborenen zählt. Der alles mißt und kostet und katalogisiert, was ihm unterkommt. Beinahe sein ganzes Leben auf Reisen verbringt. Und Friedrich Gauß, der geniale Mathematiker, Astronom, zuletzt auch Physiker, der kaum glaubhafte Erkenntnisse en passant gewinnt, ein Eigenbrötler ist, ein Frauenliebhaber, zuletzt im Alter ein Grantscherm wird. Gewiss ist das Buch gut zu lesen, auch informativ, bietet einige Facetten aus Wissenschaft und Politik der Zeit, läßt den Schluß zu, dass Gauß das wirkliche Genie war, Humboldt eher ein verbohrter, penetranter Pedant, beide sozial wenig gebildet, rücksichtslos, eigensinnig, stur. Was fehlt, ist der Rote Faden in dem Buch: es ist eine Geschichte ohne lebendige, sich aufbauende Handlung, ohne Spannung (wenn auch spannend erzählt) aus sich heraus, ohne Anfang und Ende. Der Erzählfluss plätschert locker dahin, doch es fehlt die Quelle und der große Strom, der ins Meer fließt. Die Begleitgeschichten (z.B. von Herrn Bonpland) muss man recherchieren, es geht nicht hervor, was Geschichte ist und was Fiktion. Alles in Allem ein angenehm zu lesendes Werk, bringt etwas Licht in das Leben der beiden Gestalten, aber mit der überschwenglichen Beweihräucherung der Klappentexte (wo, bitte sind die "fabelhaften Dialoge"?) bin ich nicht einverstanden.
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am 21. September 2015
Gleich vorweg: Ich liebe "Die Vermessung der Welt". Fast schon ein klassischer Abenteuerroman, voller witziger kultureller und philosophischer Anspielungen. Da ich das Buch schon kannte, hatte ich mir nun auch noch das Hörbuch der Deutschen Grammophon besorgt. Der Vortrag von Ulrich Matthes hat mir gut gefallen. Durch seine leicht distanzierte Sprechweise vermittelt er die eigenwilligen Dialoge sehr gut. Ein Sprecher kann nicht jedermanns Sache sein, ebenso kann ein Text nicht jedermanns Geschmack treffen. Die Synthese Kehlmann-Matthes ist aber aus meiner Sicht zu 100% gelungen. Leider ist dieses als "ungekürzte Lesung" beworbene Hörbuch in Wirklichkeit alles andere als ungekürzt. Wenn man das Buch parallel mitliest, fallen immer wieder ganze Passagen oder sogar Seiten auf, die für die Lesung weggelassen worden sind. Das ist etwas schade und ich denke, darauf hätte man in jedem Fall hinweisen müssen. Wer also auf ungekürzte Texte Wert legt, der könnte mit diesem Hörbuch eine Enttäuschung erleben. Für das Buch klare 5 Sterne, für die Kürzung leider 1 Stern Abzug.
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am 27. November 2005
Was macht das Buch des 30-jährigen Daniel Kehlmann über die Vermessung der Welt eigentlich so ungemein charmant? Schließlich ist die Geschichte selber alles andere als spannend. Es handelt sich um eine Erzählung über das parallele Leben zweier Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts, die sich im Habitus nicht fremder hätten sein können, denen es aber in der Sache um dasselbe ging: die Vermessung der Welt. Alexander von Humboldt, der unermüdliche Entdeckungsreisende, und Carl Friedrich Gauß, die klassische couch potato, sind vom Temperament her wie Feuer und Wasser und nur einmal im Roman sollen sie sich begegnen. Das Treffen verläuft, wie zu erwarten war, nicht besonders gut. Die beiden haben sich recht wenig zu sagen.
Sind die beiden Hauptcharaktere aber auch höchst unterschiedlich, so atmet der Ton des Romans doch immer denselben Geist und hierin liegt auch der Charme des Buches. Jeder einzelne Satz dieses Romans ist von einer heiteren Ironie durchzogen. Kehlmann ist es gelungen, ein überaus humor- und liebevolles Buch über – ja, über was eigentlich? – zu schreiben. Es geht wohl im Kern des Buches um das Portrait eines außergewöhnlichen Moments der Menschheitsgeschichte – beschrieben aus der zeitlichen Distanz von 200 Jahren. Es ist der einzigartige Augenblick, an dem die Menschheit erkennt, aber noch nicht weiß; wo ihr bewusst wird, dass hinter allen Phänomenen Gesetze liegen, die nicht göttlich sind, diese Gesetze aber noch nicht kennt. Es ist also insofern der Augenblick, an dem die Menschheitsgeschichte aus den Kinderschuhen der Erkenntnis tritt, sich umsieht und erneut zu staunen beginnt über die Möglichkeiten, die vor ihr liegen – eine ironische Archäologie in die Jugend des menschlichen Wissens. Eine Adoleszenz-Geschichte also. Wir Leser schauen Humboldt und Gauß zu, wie sie im Angesicht der geöffneten Denkhorizonte fast platzen möchten, hören aber zugleich den abgeklärten Ton der Erwachsenen, die sich über diese Ambitioniertheit amüsieren. Dies ist der Ton, von dem das Buch lebt. Ein durch und durch ironischer wie auch wohl wollender Ton.
So lässt beispielsweise Kehlmann seinem Humboldt das bekannteste deutsche Gedicht überhaupt, Goethes „Wanderers Nachtlied“, frei ins Spanische übertragen und das hört sich dann so an: „Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.“ Eine unpoetischere Sprache ist nicht leicht zu kreieren. Der Witz geht einem natürlich nur auf, wenn man mit dem Goetheschen Original vertraut ist, auf den sich Kehlmanns Text als Subtext bezieht.
Von der Ausbeutung solcher Subtexte lebt „Die Vermessung der Welt“ über weite Strecken. Alle Erfindungen, Entdeckungen und Ereignisse werden aus dem Licht unseres heutigen Wissens dargestellt. Das gesamte Panorama unsere Zeit ist der Subtext dieses Romans. Wenn beispielsweise Kehlmann seinen Humboldt eine Unterredung mit dem amerikanischen Präsidenten Jefferson in dessen elliptisch geformten Arbeitszimmer haben lässt, so stellt unser Bewusstsein sofort vielfältige Bezüge her, in denen das Oval Office nach unseren Erkenntnissen steht. Freilich liefert Kehlmann zugleich auch einen Meta-fiktionalen Kommentar über solche Arbeit mit kollektiven Subtexten, wenn er Gauß gleich zu Beginn des Romans sagen lässt: „Seltsam sei es, dass man in einer bestimmte Zeit geboren sei. Es verschaffe einem einen unziemlichen Vorteil vor der Vergangenheit und mache einen zum Clown der Zukunft. Jeder Dummkopf könne sich in 200 Jahren über ihn lustig machen und absurden Unsinn über seine Person erfinden.“ Hiermit ist natürlich Kehlmanns eigenes Projekt gemeint. Im Grunde handelt es sich also um einen Gegenwartsroman. Ein Gegenwartsroman, der zufälligerweise vor 200 Jahren spielt. Ein Kommentar über unsere Zeit. Sehr amüsant und sehr lehrreich.
Thomas Reuter
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am 17. August 2015
Eine Rezension ist recht schwierig, da es ein Buch ist, das nicht wirklich eine Geschichte enthält.
Erzählt werden die Lebensgeschichten von Gauß und Humboldt, allerdings nicht als Biographien, sondern als Roman. Demnach hat der Autor einiges hinzugedichtet. Was ich gut fand war, dass der Autor die Erlebnisse von Gauß und Humboldt abwechselnd geschrieben hat. So konnte sich Spannung aufbauen. Was mich allerdings verwirrte war, dass irgendwann zum Ende hin sich Gauß und Humboldt „plötzlich“ kannten. Ich dachte zunächst, dass ich irgendetwas verpasst hatte und blätterte zurück. Doch dem war nicht so.

Alles in allem war es ein intensiver Roman. Der Schreibstil war gut, leider zog sich die Geschichte im Mittelteil etwas. Dennoch war es ein interessantes Buch. Leider kann ich trotzdem nur 3 Sterne vergeben, eben wegen der Länge im Mittelteil und weil es nicht wirklich eine Geschichte mit durchgängig rotem Faden war.
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