Lisa Randall hat uns alle mit ihrem ersten Werk VERBORGENE UNIVERSEN sehr positiv überrascht. Hat sie uns doch dort ihr Spezialgebiet der (möglichen) Physik der Extradimensionen anschaulich, mit frischem Stil aber auch fachlich für ein populärwissenschaftliches Buch relativ tiefgehend präsentiert. DIE VERMESSUNG DES UNIVERSUMS richtet sich ganz klar an ein weitaus allgemeineres Lesepublikum und spannt inhaltlich einen zunächst unzusammenhängend wirkenden Bogen von der Front der Elementarteilchenphysik über die Fragen der Kosmologie im Großen bis hin zu der Forschung am LHC (Large Hadron Collider in Genf). Zudem berichtet die Autorin über das Wesen der Naturwissenschaft an sich und die Grenzen der heutigen Forschung. Der deutsche Titel erscheint dabei etwas hergeholt und der engl. Originaltitel KNOCKING ON HEAVEN'S DOOR spannt einen eher unprätentiösen charmant-philosophischen Bezugs-Schirm auf.
Sie bezeichnet das Buch als "Prequel" zu ihrem letzten Buch und greift damit eine höchst aktuelle Darstellungsform der populären Kultur auf. TEIL I stellt die verschiedenen Möglichkeiten von Wissen dar und Randall stellt in nicht erwarteter Klarheit dar, wie sich Religion und Naturwissenschaft konfrontativ gegenüberstehen. In TEIL II wendet sie sich dann dem physikalischen Aufbau der Welt zu. TEIL III widmet sie der Absicht und Interpretationsmöglichkeiten potentieller Ergebnisse des LHC sehr anschaulich und in begeisternder Weise viel Raum. Interessanterweise kommt sie im gesamten Buch immer wieder direkt oder indirekt auf das LHC zurück was mich schon überrascht hat. Im TEIL IV trumpft sie mit ihren Fachkenntnissen auf der Suche nach dem Higgs-Boson auf und vertieft somit die Beschreibung möglicher Forschungsziele des LHC. Diese Kapitel sind für mich mit die besten des Buches. TEIL V wirft den Blick auf das Große im Kontext der beschleunigten Expansion des Universums und der dunklen Materie.
Die Zusammenfassung im TEIL VI spiegelt alle vorher gemachten Erkenntnisse in bezug auf unseren Alltag und versucht Gedankenanstöße zu geben warum Naturwissenschaft wichtiger den je ist. Im Gegensatz zu vielen ähnlichen Büchern vermittelt sich nicht erst einmal sequentiell Grundlagen zu dem jeweiligen Fachgebieten um dann tiefer einzutauchen. Sie setzt entweder schon einiges voraus oder liefert Grundlagen sozusagen "en passant" im laufenden Text was für erfahrene Leser sehr angenehm ist. Wie oft hat man schon als einigermaßen geschulter Leser ähnlicher Bücher relativ gleich gelagerte Einführungen in die Quantentheorie lesen müssen.
Es wäre jetzt ein leichtes das Buch einfach nur weiter zu loben und ihm vorab den Bestseller Status zu gewähren. Das hat das Buch auch verdient. Ich möchte dennoch einige kritische Dinge anmerken auch wenn ich nun ggfs. mit entsprechend ablehnenden Kommentaren konfrontiert werde. Trotz allen genannten guten Punkte hat das Buch auch konzeptionelle Eigenheiten die sicherlich die belesene wissenschafts-puristische Leserschaft ggfs. ein wenig irritieren werden. Da ist zunächst mal der Randall-, äh, Rundumschlag einer Vielzahl von angesprochenen Themen der das Buch schon etwas kalkuliert erscheinen läßt. Sicherlich haben der Verlag oder ihre Berater die Autorin zu dieser sehr allgemeinverständlichen Darstellungsweise angehalten um ohne Risiko in die Richtung eines erneuten populärwissenschaftlichen Bestsellers zu gehen.
Ich fand ihre tiefgehende Abhandlung über die Extradimensionen in ihrem ersten Buch packender und authentischer. Den kommerziell vordergründigen Aspekt ihres neuen Buches sollte man ihr durchaus zugestehen, ist sie doch als ernsthafte Wissenschaftlerin absolut anerkannt in ihrem Fachgebiet auch wenn man das Superlativ der "meistzitierten Wissenschaftlerin der Welt" nicht mehr hören kann. Desweiteren präsentiert sich Lisa Randall schon etwas "geschwätzig" und so ist das Vorwort mal eben 15 Seiten lang und auch im Hauptteil findet man trotz aller guten und verständlichen Textarbeit aufgrund der o.g. Schreibstruktur schon eine Reihe Wiederholungen und einiges verbleibt aufgrund der bewusst gewählten Themenvielfalt an der Oberfläche.
Zudem ist sie sich ihres Status' als "Superstar der Physik" (STERN) wohl etwas zu sehr bewusst, was sich auch in dem ein oder anderen popkulturell geprägten Kapitelnamen der Originalausgabe (z.B. "the next Top-Model of the World" oder "Living in a material world") niederschlägt, was sich in der deutschen Übersetzung erst auf den zweiten Blick erschließt (siehe Kapitelnamen unten). Es gibt leider ein leicht chauvinistisch geprägtes Phänomen um ihre Person als "junge, hübsche und erfolgreiche Wissenschaftlerin an der Front der Forschung" und sie entzieht sich diesem Phänomen nicht wirklich wenn sie im Buch anmerkt wie bei einem Vortrag vor College-Studenten insbesondere EINE Frage die Gruppe quälte.... "Wie alt ist Lisa Randall eigentlich...?"....
Dennoch überzeugt das Buch durch seine klare Sprache und große Anschaulichkeit und wird sicherlich weitere Leser für die Wissenschaft begeistern was wichtiger ist als kleinteilige Kritik an dem wirtschaftlich erfolgreichen Stil der Autorin. Sollte sich dies im nächstem Buch exakt wiederholen könnte man dies ja neu bewerten. Die rund 460 reinen Textseiten gliedern sich in 6 übersichtliche Hauptteile und in etwa 21 gleichgewichtige Kapitel:
TEIL I - DIE VERMESSUNG DER WIRKLICHKEIT
1 - Was für dich so klein ist, ist für mich so groß
2 - Geheimnisse ergründen
3 - Leben in einer materiellen Welt
4 - Die Suche nach Antworten
TEIL II - DIE VERMESSUNG DER MATERIE
5 - Die magische Entdeckungsreise
6 - "Sehen" heißt glauben
7 - Die Grenzen des Universums
TEIL III - MASCHINEN; MESSUNGEN UND WAHRSCHEINLICHKEIT
8 - Ein Ring sie zu knechten
9 - Die Rückkehr des Rings
10 - Schwarze Löcher, die die Welt verschlingen
11 - Riskante Geschäfte
12 - Messungen und Unsicherheit
13 - Die CMS- und ATLAS-Experimente
14 - Die Identifikation von Teilchen
TEIL IV - MODELLIERUNG, VORHERSAGEN UND DIE VORWEGNAHME VON ERGEBNISSEN
15 - Wahrheit, Schönheit und andere naturwissenschaftliche Missverständnisse
16 - Das Higgs-Boson
17 - Das nächste Top-Modell der Welt
18 - Induktiv versus deduktiv
TEIL V - DIE VERMESSUNG DES UNIVERSUMS
19 - Von innen nach außen
20 - Was für dich so groß ist, ist für mich so klein
21 - Besucher von der dunklen Seite
TEIL VI - ZUSAMMENFASSUNG
22 - Global denken, lokal handeln
4,5 von 5 Sternen