Auch einprägsame Zitate zeichnen ein gutes Buch aus ...
Haben Sie schon einmal von Detlef Linkes Theorie zum Zusammenhang von Neurobiologie, Schrift und Monotheismus gehört? Wussten Sie wie gut "Out-of-body-Erfahrungen" schon erforscht sind oder welchen Einfluss Zeitdruck auf unsere Hilfsbreitschaft hat? Hätten Sie gedacht, dass Richard Dawkins sich tatsächlich Dr. Persingers Motorradhelm aufgesetzt hat und natürlich ... dabei gespürt hat? Und haben Sie eine Ahnung davon, welche Bedeutung eine blaue Vase erhalten kann, wenn man diese nur lange und konzentriert genug ansieht? Sind Sie sich dessen bewusst, dass es passieren kann, dass Sie ein Erleuchtungsdünkel noch egozentrischer werden lässt und dass Ihnen Meditation unter Umständen auch den Weg in die Psychiatrie ebnen kann? Nein? Dann sind Sie bei Ulrich Schnabels "Die Vermessung des Glaubens" richtig. Ganz gleich, ob man sich zu den Gläubigen zählt oder sich für einen Agnostiker oder Atheisten hält, die Lektüre dieses Buches kann für jeden eine Bereicherung sein. Überraschende Einsichten werden versprochen und dieses Versprechen wird gehalten, zumindest für diejenigen Leser, die sich bisher nicht oder nur wenig mit dieser Materie befasst haben. Und für jeden gibt es auch so manch bittere Pille zu schlucken. Besonders aber für die Anhänger eines dogmatischen oder verklärten Glaubens ebenso wie für Zeitgenossen, die Glauben und Gläubige für infantil halten. Schnabel macht auch vor unangenehmen Erkenntnissen nicht halt, die für so manchen sogar erschreckend sein mögen (zum Beispiel der Ausgang des "Guten-Samariter-Experimentes"). Wer sich die Illusion erhalten will, dass Glaube und Religiösität per se zu einem moralischeren Handeln führen, sollte dieses Buch besser nicht aufschlagen.
Schnabels Werk ist jedem zu empfehlen, der sich vorurteilsfrei über dieses komplexe Thema informieren will. Dem Autor ist ein umfassender, jedoch nie ausschweifender, fachübergreifender Streifzug durch ein faszinierendes Forschungsfeld gelungen. Dass man dieser Forschungsreise, bei der u.a. auch die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen von Hirnforschung und Neurotheologie aufgezeigt werden, auch als interessierter Laie folgen kann, spricht eindeutig für dieses Buch. Trotz der Länge von fast 600 Seiten kommt keine Langeweile auf, was nicht zuletzt Schnabels spannendem und anschaulichem Schreibstil zu verdanken ist.
Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass bei der Erforschung von Glaube und Religiösität, deren Entstehung, deren (positiven und negativen) Auswirkungen, deren Nutzen und mit ihnen verbundenen Gefahren viele Frage offen und Kontroversen bestehen bleiben. Vieles ist und bleibt eben letztendlich doch "Glaubenssache" und damit eine Frage der inneren Einstellung und der Vorprägung. Auch das ist ein Ergebnis der Forschung. Meines Erachtens ist dies sogar die Quintessenz der "Vermessung des Glaubens". Wer damit nicht zufrieden ist und vielleicht sogar abschließende Antworten auf die Frage nach einer hinter dem Glauben bzw. den Religionen stehenden "Wahrhaftigkeit" (zum Beispiel der Existenz eines Gottes) sucht, muss enttäuscht werden. Das ist nicht Schnabels Antritt. Dass er sich auf dieses Glatteis erst gar nicht begibt, empfinde ich zumindest als äußerst wohltuend. Das erfrischende Unterkapitel "Und Gott?" könnte Wasser auf die Mühlen aller sein, die sich um eine Verständigung zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen bemühen.
Dass der Mensch zumindest temporär dazu in der Lage ist, einen erweiterten Bewusstseinszustand zu erleben, in welchem er neue, spirituell-religiöse "Realitäten" wahrnimmt, ist auch eine Aussage dieses Buches, welche letztendlich jeder für sich pro oder contra Glauben und Religion werten kann (Hochinteressant und durchaus ambivalent sind zum Beispiel die Ausführungen zur Wirkung bestimmter Drogen in diesem Zusammenhang.)
Selbstverständlich kann man "Die Vermessung des Glaubens" auch als Einführung in dieses Wissensgebiet betrachten, von der aus man sich eben dieses, vielleicht durch auf einzelnen Gebieten bzw. bezogen auf bestimmte Religionen, noch tiefer gehende Literatur (Ja, Herr Dr. Gruhn, auch von Küng und Drewermann) erschließen kann.
"Darf über Religion gelacht werden?" fragt Schnabel im Epilog. Seine Antwort könnte man mit einem "Schön wär's." zusammenfassen. Schön war es in jedem Fall, dieses Buch zu lesen.
Alles in allem also ein bemerkenswertes Buch von einem erfolgreich um Neutralität und Unvoreingenommenheit bemühten Autor, der dankenswerter Weise von Anfang an keinen Hehl aus seiner Zen-buddhistischen Neigung und seiner christlichen Prägung macht und der es an keiner Stelle nötig hat, polemisch zu werden, was in Zeiten einer meist aufgeregt geführten Diskussion um "Alten Glauben" und "Neuen Atheismus" oder den "Unfreien Willen" gut tut.