1. Generelles
Alessandro Manzoni schickt in diesem grossen Roman, der in der Mitte des 19.Jahrhunderts erschienen ist, seine Protagonisten Lucia und Renzo durch eine feudal-ungerechte Gesellschaft, unter der die beiden bescheidenen Leute aussergewöhnlichen Leiden ausgesetzt sind, vertrieben und lange getrennt werden, um sie nach der Katharsis einer Pestepidemie in einem Happy-End zusammenzuführen.
2. Personenzeichnung
Manzonis schildert sein erkleckliches Personal äusserst plastisch und konsistent: Der Peiniger Rodrigo, der defätistisch-negative und furchtsame Dorfpfarrer Don Abbondio und seine clevere Köchin Perpetua, Lucias Mutter und Verbündete Agnes, die adlige Klosterfrau Gertrude, die Lucia und Agnes im Kloster vor der Verfolgung schützt und Lucia dennoch verrät, die vorübergehenden Gasteltern von Lucia mit der giftig gezeichneten Donna Prassede und dem gelehrten Don Ferrante, der senkrechte, grosse Kardinal Federigo Borromeo, der den Pfarrer einmal in den Senkel stellt (S.589 ff.) und sich als hilfreicher Verbündeter aus der hohen Politik erweist, Renzos Vetter Bortolo, der im nach der Flucht hilft, der Namenlose Untäter und seine Bekehrung, und last but not least, der Kapuzinerpater Christopherus, der gute Geist für unsere beiden Protagonisten. Das sind die wichtigsten, aber bei weitem nicht die Einzigen.
3. Eigenart alter Romane
Manzoni ist gut zu lesen, wenn es auch, wie in allen alten Romanen, vieles gibt, das man getrost überblättern kann. Ein Indiz für grosszügiges Überblättern ist das Ausblenden des Personals, wie zum Beispiel bei der Geschichte der Hungersnot, die in einem Sturm auf die Bäckereien kulminiert, ebenso die Schilderung der Pest, die im Zusammenhang mit dem Personal genügend zur Sprache kommt und dann mit der Geschichte verknüpft ist. Auf S. 777 entschuldigt sich Manzoni für die ausschweifende Schilderung der Pest in Mailand, in dem schreibt: Aber nur keine Angst, ich habe keine Absicht, auch ihren dortigen Verlauf zu schildern (im Bergamaskischen)."
4. Spezialität hochemotionaler Momente
Ein Spezialität Manzonis ist die Schilderung hochemotionaler Momente wie z.B. die pestbefallene Mutter, die ihr schon totes Kind auf den Karren der Pestpfleger legt und darum bittet, zusammen mit dem anderen Kind am Abend auch abgeholt zu werden oder Lucias Nacht in der Hand des Übeltäters, die auch die Nacht seiner Bekehrung wird. Aber auch andere positive Momente glänzen, wie das Wiedersehen nach langer Trennung und Hilfe von unerwarteter Seite.
5. Illustrierte Weltgeschichte
Meine Ausgabe (Winkler) ist mit zahlreichen Illustrationen versehen, die für die ursprüngliche Ausgabe gezeichnet wurden. Das verstärkt das historische Ambiente, in dem der Roman spielt, in reizvoller Weise. Und sie führen uns zur letzten Bemerkung vor dem Fazit.
6. Drehbuchautor Manzoni
Hätte Manzoni später gelebt, er wäre Drehbuchautor geworden: Er ist ein narratorisch-dramaturgisches Genie, wie dieser Roman belegt. Er ist voller einzelner, begrenzter spannender Elemente, wie z.B. ob Rodrigos Emissäre die beiden Frauen im Kloster finden werden, die Suche Renzos nach seiner Lucia in Mailand, seine Flucht aus Mailand oder die Frage, ob er Agnes lebend findet, und weist einen grossen Spannungsbogen auf mit der Frage, ob aus den titelgebenden Verlobten Verheiratete werden oder doch nicht, z.B. weil einer der beiden an der Pest stirbt.
Selbst in Hollywood wäre Manzoni erfolgreich geworden, denn beim Happy End trägt er ziemlich dick auf: Lucia trifft im Lazarett auf eine steinreiche Wohltäterin, der neue Herr auf der Burg kauft ihnen ihre Häuschen zum doppelten Preis ab und Renzo kann eine Seidenspinnerei kaufen, die Geschäfte laufen gut und zuhause wächst die Kinderschar, umsorgt von Lucia und Agnes, die auch überlebt hat. Man sieht also, es ist weit mehr als ein scheues Küsschen vor dem grossen ENDE.
Die vielen Zeichnungen liefern ein weiteres Indiz für den Drehbuchautor, denn wir müssen annehmen, dass Manzoni diese Illustrationen wollte und bestellt hat. Sie geben quasi die Szenenfolge vor für den Film.
Und die zahlreichen direkten Bemerkungen des Autors, über seine erzählerischen Pläne und Notwendigkeiten z.B. kämen als Stimme aus dem Off.
7. Fazit
Wer weise überblättert findet in diesem Roman ein reiches Panoptikum einer historischen Gesellschaft in einer spannenden und anrührenden Geschichte.