In seinem Kriminalroman "Die Vergeltung" beschreibt Bruno Preißendörfer die Schicksale der beiden Hauptfiguren, Michael und Sebastian, deren Leben durch einen lang zurückliegenden Mord auf tragische Weise miteinander verbunden sind. Sebastian, der inzwischen aus der Haft entlassen wurde, geheiratet hat und als Taxifahrer arbeitet, hat bei einem Raubüberfall Michaels Ehefrau getötet. Seither hat Michael nur ein Ziel vor Augen: Er will den Mord an seiner Frau rächen. Besessen von dem tiefen Wunsch nach Vergeltung, der ihn immer mehr in die Isolation und in eine tiefe Depression treibt, sammelt Michael Informationen über Sebastian und plant seine Rache. Als der langersehnte Tag der Vergeltung endlich gekommen ist, macht Michael seinen Schwur jedoch nicht wahr. Im Gegenteil: Er zögert die Vergeltung am Mörder seiner Frau so lange hinaus, bis sich zwischen beiden eine hauptsächlich von Hassliebe geprägte Freundschaft entwickelt und das Schicksal einen ganz neuen Verlauf nimmt. Der Autor beschreibt den inneren Konflikt beider Hauptfiguren mit eindringlicher Wortgewalt und vermag es, dem seelischen Zwiespalt zwischen Rache und Vergebung sprachlichen Ausdruck zu verleihen. Bruno Preißendörfer kleidet Täter und Opfer mit Menschlichkeit. Vergeltung oder Vergebung, Rache oder Mitgefühl verschmelzen zur zentralen Frage des Romans, für die man als Leser keine kompromisslose Antwort findet.