Im Sommer 1970 wurde die Berlinale wegen der politischen Sprengkraft eines deutschen Films vorzeitig abgebrochen: Michael Verhoevens "O.K.". Die Internationalen Filmfestspiele steckten in einer Krise. Wovon aber handelt "O.K."? Der 80minütige Schwarzweißfilm erzählt von der Entführung und Vergewaltigung eines vietnamesischen Mädchens durch amerikanische Soldaten. Inspiriert wurde Verhoeven durch einen Zeitungsartikel von David Lang. Die Schilderungen des Films basieren also auf wahren Begebenheiten. Im geteilten Berlin ein US-kritischer Film im Wettbewerb? Die damaligen Reaktionen sind leicht nachvollziehbar, man vergegenwärtige sich wie momentan in den USA mit Leuten umgegangen wird, die sich öffentlich gegen Bushs Kriegspolitik äußern.
19 Jahre später kam ein Film weltweit in die Kinos, der die gleiche Geschichte erzählt. In den Hauptrollen Michael J. Fox und Sean Penn: "Casualties of War" (deutscher Titel: "Die Verdammten des Krieges"). Hinter der Kamera: Brian De Palma. Das Drehbuch schrieb der Vietnam-Veteran David Rabe.
Sean Penn spielt den 20jährigen Sgt. Meserve. Er kämpft für seine Kameraden mit großem Einsatz und glaubt an die Richtigkeit dieses Krieges. Nachdem sein bester Freund durch einen hinterhältigen Angriff des Vietcong stirbt, kidnappt er mit seinem Platoon ein junges Mädchen nachts aus einem kleinen Dorf. Die Männer vergehen sich an ihr und bringen sie schließlich um. Der einzige, der sich gegen diesen Akt der Barbarei auflehnt, ist Erikkson (Michael J. Fox). Als er nach beendeter Mission gegen die Tat Anklage erheben will, versucht das Militär, die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren.
"Casualties of War" bekam aus einem einzigen Grund grünes Licht: Wegen des Erfolgs von Oliver Stones "Platoon". Außerdem traute man De Palma zu diesem Zeitpunkt einiges zu, schließlich hatte er mit "The Untouchables" gerade erst den erfolgreichsten Sommerblockbuster des Jahres 1987 abgeliefert. Man hatte - wie es früher der Fall gewesen war - wegen seiner Person keine Bedenken mehr. Er war mainstreamtauglich geworden.
"Casualties of War" ist jedoch alles andere als ein Mainstreamfilm. Die Misshandlung des jungen Mädchens (beängstigend authentisch: Thuy Thu Le) ist nicht leicht mitanzusehen. Rabe und De Palma wollen im Gegensatz zu Oliver Stones oder Michael Ciminos Filmen kein allgemeingültiges Bild über das Grauen des Krieges, über die Sinnlosigkeit des Vietnamkrieges oder über die fehlgeleitete US-Politik zeichnen. "Casualties of War" ist vielmehr am Individuum interessiert, das in einen Konflikt zwischen Militärhierarchie, dem code of conduct, und ethischen Grundwerten gerät.
ZUR DVD
Das BILD ist hervorragend. Das Breitwandformat kommt mit dem neuen anamorphen Bild richtig zur Geltung. Die Farben sind kräftig, es gibt kein Rotbluten, das Schwarz ist stets sehr tief. Die Bildqualität ist meines Erachtens sogar besser als bei manch aktuellem Film.
Der TON kann nicht so hoch punkten. Zwar schlüsselt der neue englische 5.1-Mix die Junglegeräusche gut auf und vermittelt einem zeitweise das Gefühl selbst inmitten der Flora und Fauna Vietnams gefangen zu sein, aber die Dialoge sind unterschiedlich laut abgemischt. Manchmal musste ich deshalb sogar die Lautstärke neu regulieren. Etwas mehr Bass wäre auch nicht schlecht gewesen. Das beste am Audiotrack ist jedoch Ennio Morricones Score: Seine Panflöte ist sauber über die beiden Frontboxen verteilt und durchfließt den Klangraum gleichmäßig. Den ebenfalls auf der DVD befindlichen englischen 2.0-Mix habe ich nicht auf Herz und Nieren getestet. Ferner befinden sich noch ein französischer, spanischer und portugiesischer 2.0-Track auf der Platte. Untertitel gibt es englische (zusätzlich für Schwerhörige), französische, portugiesische, spanische, chinesische, koreanische und thailändische.
Und wieder einmal kann man Laurent Bouzereau dafür danken, dass er einen De Palma Film, der voraussichtlich äußerst abgespeckt auf DVD erschienen wäre, mit einer ordentlichen Portion SPECIAL FEATURES ausgestattet hat.
In einem etwa 18minütigen Michael J. Fox-Interview mit dem Titel "Erikkson's War", erzählt dieser unter anderem wie er mit dem ganzen Projekt in Berührung kam, wie sich die Zusammenarbeit mit Sean Penn und Brian De Palma gestaltete und was er über die zwiespältige Reaktion der US-Presse denkt.
Eine zusätzliche halbstündige Dokumentation mit dem tollen Titel "The Making of Casualties of War" lässt auch andere Beteiligte zu Wort kommen. Insbesondere Regisseur und Produzent dürfen ihre Gedanken zum Film loswerden. Beide Dokus wurden von Bouzereau extra für diese DVD angefertigt. Es handelt sich hierbei nicht um grässliche Standard Making Ofs wie sie im Nachtprogramm von Vox laufen, sondern um liebevoll gemachte Informationsfilmchen.
Außerdem gibt es noch fünf Deleted Scenes in unbearbeiteter Qualität. Die meisten davon sind Verhörszenen, die am Ende des Films ihren Platz gefunden hätten. Die wohl beste hiervon ist "Erikkson's Interrogation": Hier wird Erikkson von zwei unabhängigen Ermittlern in die Mangel genommen. Die etwa anderthalb minütige Schwarzweiß-Szene wartet mit einer wundervollen Kreis-Kamerafahrt um den auf einem Schemel sitzenden Erikkson auf und hätte meines Erachtens gut in den Film gepasst, während die anderen vier Szenen nichts wirklich neues vermitteln und ihr Wegfall deshalb nicht als tragisch angesehen werden muss.
Hinzu kommen drei Kinotrailer ("Casualties of War", "Birdy", "Bridge on the River Kwai") und Biographien zu Filmemachern und Schauspielern.
FAZIT
Wer diesen Film kennt und mag, der sollte zugreifen, wenn am 5. Februar in Deutschland die DVD erscheinen wird, die die gleichen Ausstattungsmerkmale haben wird wie die von mir rezensierte US-DVD. Wer sich nur noch dunkel an den Film erinnern kann, der sollte einen zweiten Anlauf nehmen. Viele Leute, das konstatiert auch Michael J. Fox im Interview, haben "Casualties of War" beim zweiten Mal mit ganz anderen Augen gesehen.