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Die Verachtung der Massen: Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft (edition suhrkamp)
 
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Die Verachtung der Massen: Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft (edition suhrkamp) [Taschenbuch]

Peter Sloterdijk
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)
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Aus der Amazon.de-Redaktion

Eine gernzitierte Parole von Marx umspielend, schreibt Peter Sloterdijk in seinem Essay: "Die Philosophen haben den Gesellschaften nur verschieden geschmeichelt; es kommt darauf an, sie zu provozieren". Seine Provokation sieht er darin, die Kulturkämpfe in modernen Gesellschaften nicht als religiösen oder sozialen Konflikt zu deuten. Vielmehr liegt dem neuzeitlichen Konfliktgeschehen die tieferliegende, von der "Schmeichelsoziologie" verschleierte Problematik zugrunde, wie Unterschiede zwischen Menschen zu deuten und zu legitimieren sind.

Herkömmlichen Sozialphilosophien sei es noch nicht einmal gelungen, diese Frage zu formulieren: Wie auf egalitaristischen Prämissen fundierte Gesellschaften Differenzen integrieren können, nachdem im Verlauf ihrer Geschichte alle gefundenen zu gemachten Unterschieden umgewertet und damit eingeebnet wurden. Ist das wirklich ein Problem der modernen Gesellschaft oder nicht vielmehr die Dauerobsession konservativer Kulturkritiker?

Die Provokation erweist sich jedenfalls als pointenlos. Denn im letzten Abschnitt legt der Autor ohne den für ihn typischen Stilisierungswillen offen, was ihn wirklich umtreibt: Die bildungsbürgerliche Sorge über die moderne Vermassung. Sein Essay fällt daher letztlich dem Paradox aller konservativen Kulturkritik zum Opfer. Wie der empörte Studienrat, der Eliten fordert und doch selbst, griffen die von ihm herbeigeschwatzten Selektionsmechanismen, gnadenlos ausrangiert würde, so sind Kulturkritiker nur selten die Ausnahme, für die sie sich halten. Auch wenn Sloterdijk vorgibt, "durch Maßnehmen am Bewundernswerten nicht ganz die Höhe zu verlieren", sind ihm die Maßstäbe nüchterner Selbsteinschätzung längst abhanden gekommen. Er wiederholt das Elend einer Kulturkritik, die nur selten mehr als die nichtigen Produkte jener Einheitskultur hervorbringt, über die sie sich erhaben dünkt.

Die Mischung aus Distinktionsbedürfnis und selbstquälerischer Lust an der eigenen Subalternität, also aus Kälte und Sentimentalität ("freiwilliges Leiden an den Werken, die wir selbst nicht hervorzubringen vermöchten"), kennzeichnet, wie wir seit Nietzsche wissen, einen pathologischen Grundzug des Bildungsphilisters und seines sterilen Verhältnisses zu dem, was er als das "Außerordentliche" zu verherrlichen pflegt. Peter Sloterdijk, der das psychologisierende Aperçu schätzt, sollte daran erinnert werden. --Jens Kertscher

Kurzbeschreibung

Das Phänomen Kulturkampf als solches ist der Streit, in dem über die Legitimität und Herkunft von Unterschieden überhaupt gerungen wird. Wie die religiöse Metaphysik von der Frage beunruhigt wurde, woher das Böse stamme, so die säkulare Gesellschaft von der Frage, woher sie ihre Unterschiede nehmen soll.Das Phänomen Kulturkampf als solches ist der Streit, in dem über die Legitimität und Herkunft von Unterschieden überhaupt gerungen wird. Wie die religiöse Metaphysik von der Frage beunruhigt wurde, woher das Böse stamme, so die säkulare Gesellschaft von der Frage, woher sie ihre Unterschiede nehmen soll.
Der Essay geht auf einen Vortrag zurück, den Sloterdijk als Gast der Bayerischen Akademie der Schönen Künste am 1. Juli 1999 in München gehalten hat.

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53 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Wieder eine nett-chaotische Gedankensammlung, 16. Januar 2005
Von 
Dichtung&Kritik "Varush" (Mannheim) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Verachtung der Massen: Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft (edition suhrkamp) (Taschenbuch)
Sloterdijk ist feuilletonistischer Philosoph. Seine Ideen sind nicht radikal oder groß oder einem Ziel entgegengerichtet; vielmehr lässt er seine Gedanken wandern und verstreut sich über Kultur und Soziologie, nimmt Themen zum Anlass, sich ganz und gar in alle angrenzenden Winkel mit versuchter Sprachgewalt, aber auch mit mancher nachdenklicher Einsicht auszubreiten. Dabei entstehen mancherorts sehr nette Gedanken, die es sich zu lesen lohnt.
Und genau so ist dieses Buch auch wieder zu verstehen.

Diesmal greift Sloterdijk ein Zitat auf, bei dem es sinngemäß heisst "Sie sind von irgendwo gekommen, erst waren es zwei oder drei, plötzlich aber ist der Platz schwarz von Menschen."
Schwarz von Menschen - diese Begrifflichkeit, die uns zum Nichts in einer Masse Ununterscheidbarer degradiert, nimmt Sloterdijk zum Anlass, daran die Idee von der "Masse als organisiertes Ganzes" zu knüpfen, die in unserer postmodernen Gesellschaft zunehmend an Machtpotential einbüßt. Wo früher rufende Massen noch politische Bewegungen zusatnde bringen konnten, befindet sich heute nur eine Programmgesellschaft, bei der viele Einzelne vor ihren isolierten Bildschirmen sitzen und an einem gemeinsamen Programm teilnehmen, somit also Masse sind, aber Masse ohne Sprachpotential.
Ferner entwickelt Sloterdijk in diesem Buch als zweiten Hauptgedanken, dass die Nivellierung der französischen Revolution dazu führte, dass gottgegebene Unterschiede in der Gesellschaft zunehmend abgebaut und "verachtet" wurden. Diese Einebnung der Unterschiede, die den Adel und die Stände abschaffte, führt heute zu einer Einebnung der Intelligenzen. Sogenannte "Genies", oder auch: herausragende Andersartigkeiten, werden abgelehnt, eine Mittelmäßigkeit in Fernsehen, Kultur und Leben verehrt von einer Masse, die die Mittelmäßigkeit einzelner aufwertet, um sich selbst, die sich nur wenig von den Idolen unterscheidet, damit aufzuwerten.

Sloterdijk trägt zusammen, bietet keine Auswege, keine Lösungskonzepte. Aber die Vielfältigkeit seiner Gedanken, unterstützt von Zitaten Nietzsches, Hobbes und vieler weiterer bekannter Philosophen und Denker, macht dieses kleine Werk wieder einmal lesenswert - es ist eine kleine Fundgrube für allerlei herrliche Gedanken: von denen man nicht immer erhoffen darf, dass sie zuende geführt werden oder auch nur wirklich problematisch ausgebreitet. Aber angerissene Gedanken führen beim interessierten Leser zu problematisierenden Fragen und eigenen neuen Gedanken. Und an wieder anderen Stellen wird der kritische Leser herausgefordert, sich von Standpunkten, mit denen er sich gar nicht vereinen kann, abzustoßen, um in der begründeten Negation eigene Argumente zu finden. Dieses Anstoßen zum eigenen Denken gelingt dem kleinen Buch wieder einmal ausgezeichnet, und in diesem Zusammenhang empfehle ich es an dieser Stelle, für einige vergnügliche, anregende Lesestunden.

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22 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Gedankenwelt, 5. September 2005
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Verachtung der Massen: Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft (edition suhrkamp) (Taschenbuch)
Nimmt man ein Teeglas mit einigen Partikeln Tee, rührt den Tee und wartet. Die Bodenmitte wird schwarz von Tee. Dieser Sog zur Mitte und zur Tiefe hat Canetti bewogen, die Masse zu beschreiben: „Plötzlich ist alles schwarz von Menschen" und Sloterdijk greift dieses auf in seinem Essay und mäandert dieses mal durch die Windungen seines Gehirns und gebiert ein Fülle von Gedanken, anlässlich eines Vortrages in der bayerischen Akademie. Plötzlich schwarz assoziiert ein schwarzes Loch, was immer mehr Menschen anzieht und dann verschlingt zur Gleichheit oder Ununterscheidbarkeit. Wird nun Masse Subjekt nach Anlehnung an Hegel (Substanz und Subjekt) bleibt etymologisch erst recht die Unterordnung, (sub ...). Diese Unterordnung geschieht im Massen-Auflauf durch Reduzierung der Ich-Abstände und in den Entladungen werden Trennungen abgeworfen, also in der Tendenz Gleichheit geschaffen.
Gleichzeitig gewinnt die Masse an Dynamik und Einfluss, ja sogar Stärke, da sie geballt auftritt. Die postmoderne Form der Masse jedoch verspielt diese Stärke, da sie nicht mehr geballt auftritt. Sie verkümmert, da singulär, virtuell und sprachlos der einzelne sich durch Träge-Routinen Orts stabil verhält und sich in die „organisierte Verlassenheit" (Arendt) begibt.

Die französische Revolution setzte das Prinzip Gleichheit über alles. Dem Abschaffen von Ständen entspricht heute die Einebnung unterschiedlicher Intelligenzen zu einer verheerenden Reduzierung von Genies. Mittelmäßigkeit wird zum Kult, zur Kultur und unterstützt durch Imagetransfer die sich selbst zugeschriebenen aber nicht erbrachten Leistungen. Schmeichelei als Habitus beschreibt er als invertierte Verachtung. Denn die Öffentlichkeit wie jeder einzelne strebt nach Annerkennung. Verachtung als Affekt dagegen kann nur abgeschafft werden, wenn er nicht nur für die Minderwertigen gilt, die es ja im Sinne der Gleichheit auch schon nicht mehr geben kann. Verachtung setzt Ungleichheit voraus.

Aufgehen in der Masse hat die Grenze, wo Selbsterhalt eine Rolle spielt. Damit dieser Gedanke nicht der sein wird, der den einzelnen von der Masse entfremdet, muss es ein Mehr geben, welches den Selbsterhalt torpediert, die Furcht vor dem Tod. Damit gewinnen nach Hobbes Feindschaften an Bedeutung, die durch Gleichheit an Fähigkeiten und Gleichheit an Hoffnungen entstehen. In der Modernen müssen daher Gleichgewichte der Bedrohung herhalten, die die möglichen Sterbespiele aus sicher Entfernung vor dem Tod zulassen. Letztendlich braucht diese Gesellschaft Menschen in der Masse, auf deren selbstsüchtige Motive Verlass ist. Begierden und Vorstellungen laut Spinoza sind Hemmnisse auf dem Weg zu einer Demokratisierung (Selbstregierung) der Masse.

Auf dem Wege Sloterdijkschen Denkens begegnen uns weiter Marx, Nietzsche, Jaspers, Heidegger, Mann, und später Pascal (Gleichheit hat ihren Grund vor dem Zufall) und E.M. Cioran, der in der Bewunderung ein freiwilliges Leiden am nicht selbst geschafften vermutet. Sie ist die unverfügbar aber größte Differenz.

Sloterdijk verzichtet nahezu auf Perspektive. Er gibt Denkmodelle, Ideen. Er animiert zum nachdenken, vielleicht mit der Absicht, doch Ungleichheiten zu erzeugen zwischen den Entschiedenen und Unentschiedenen, einer Kultur, wo die Masse sich gegen sich entscheidet mit dem Willen zur Differenz zum Besseren.

Conclusio: ein Essay, dass sich lohnt zu lesen.

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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Eine Aufstachelung, 6. September 2011
Von 
Franz Miklautz (Klagenfurt) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Die Verachtung der Massen: Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft (edition suhrkamp) (Taschenbuch)
Auch wenn, wie hier beschrieben, Canetti die Menschenschwärze anders erfunden hat (das weiss ich nicht), fand ich Sloterdijk's Buch gerade in dieser, unserer Zeit impulsiv zu lesen. Ich muss sagen, dass es sogar aufwiegelnd ist. Ja radikalisierend. Und das wahr wohl auch das Ziel. Wenn es auch mit Dichtung zu tun hat: Warum denn nicht. Tolle Wortspiele und -kreationen. Hat mir sehr gut gefallen. In der "Name der Rose" eines der "verbotenen" Bücher.
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