Bereits mit ihrem ersten Roman "Erst grau dann weiß dann blau" (1993) hat die niederländische Autorin Margriet de Moor eine literarische Visitenkarten abgegeben, die vom Feinsten war. Und sie hat alle die Leser, die ihr auch weiterhin große Literatur zugetraut haben, nicht enttäuscht. Beleg dafür ist auch der Roman "Die Verabredung", ein kunstvoll konstruierte Text mit einer tiefenpsychologische interessanten Dimension und einer außergewöhnlichen Story.
Vincent, erfolgreicher Tierarzt, findet bei einem spätabendlichen Spaziergang einen Taschenkalender einer ihm unbekannten Frau, in dem auch sein Name notiert ist. Gemma, so heißt die Unbekannte, plant einen Praxisbesuch mit ihrer Katze. Vincent, mit seiner Frau Noor und seiner Tochter in geordneten häuslichen Verhältnissen lebend, gerät plötzlich in einen "Zustand der Betörung", von dem er eigentlich nichts weiß, geschweige denn wissen will. Zwar gilt zwischen ihm und Noor ein ungeschriebenes Gesetz, dass er sie nie betrügen wird. Dennoch beginnt er, ohne dass er die Unbekannte überhaupt erst einmal kennen gelernt hat, ein ungewöhnliches Liebensverhältnis. "Kannst du dir vorstellen, dass man von einer Frau besessen ist, die man noch nie gesehen hat, deren täglichem Tun und Treiben man aber durch einen Zufall auf die Spur gekommen ist?", fragt Vincent sich und andere.
Spätestens nach dem Praxisbesuch der Blumenzüchterin Gemma und nach der ersten Verabredung ist die Frage mit einem klaren Ja beantwortet. "Die beiden haben ein Liebesverhältnis. Fast acht Monate lang studieren sie sich gegenseitig mit viel Phantasie, aber wenig Text. Lebensgeschichten beginnen zusammenzufließen. Wer hat - in den Atempausen gewisser Umarmungen - nicht einmal gemerkt, dass ein paar sehr weit auseinanderliegender Punkte doch zusammen gekommen sind? Wie über eine Hängebrücke?" So weiß Gemma, die schon mit siebzehn Jahren unter tragischen Umständen ihre ganze Familie verlor, nicht, was sie zu diesem Mann zieht. Und Vincent, der so gut wie nichts von ihrer Vergangenheit weiß, rätselt vergeblich, was ihn dazu bringt, sie bei Nacht und Nebel und in aller Heimlichkeit über eine gefährliche Straße (die in diesem Buch einen sehr symbolträchtigen Charakter hat) zwischen Dorf und Meer zu erreichen; auf eine Straße, auf der schon so sehr viele tödliche Unfälle passiert sind.
Margriet de Moor deutet die rätselhaften psychologischen Vorgänge nur an und überlässt es geschickt dem Leser, die Fäden selbst zu entwirren. Das gilt auch für die andere Seite des Dreiecksverhältnisses, in das sie die drei Protagonisten gestellt hat. Denn auch in Vincents Familie, bei seiner Frau Noor, bleibt das zwanghafte Verhalten Vincents nicht ohne Wirkung. Denn sein Versuch, sich der unbekannten Anderen zu nähern, verletzt das Prinzip seiner Ehe, ist Täuschung und Sinnestäuschung gleichermaßen. Aber auch Noor verliert vielleicht (?) ihre "Unschuld" hinsichtlich möglicher, angedeuteter Verfehlungen mit Laurens. Und wieder ist es die Straße zwischen Dorf und Meer, die als Metapher für Weg und Ziel, für Anfang und Ende eine wichtige Rolle in diesem verwirrenden und rätselhaften Spiel spielt.
Margriet de Moor kann und will nicht alles erklären, was sich in dieser schicksalhaften Geschichte ereignet, die äußeren Dinge nicht und nicht die inneren. Stattdessen führt sie den Leser geschickt durch ein Labyrinth von Andeutungen und Verweisen. Dafür stehen rein formal die achtundvierzig "Kapitel" dieses kleinen Romans, die eher Text-Collagen sind, Vexierbilder, die sich am Ende, so sich der Leser darauf einlässt, zu einer sehr feinsinnigen, Liebesgeschichte zusammenfügen. Die stilistische Raffinesse und die sprachliche Disziplin der Autorin und der fesselnde Erzählduktus sind zudem ausdrücklich hervorzuheben.