Habe gestern Abend - zu dem Zweck spät aufbleibend! - Die Venus im Fenster" zu Ende gelesen. Ich mag es!
Es ist in Struktur und Gedankenführung viel komplexer als das erste Buch (Die Fische von Berlin"), man muss dran bleiben (aufpassen, wann man wo ist und aus wessen Perspektive sich die Erzählung aufrollt), und es mag dieses sein, was teilweise zu abwertenden Besprechungen geführt hat. Es mag dem betreffenden Leser zu anstrengend, ihn/sie zu fordernd (dadurch nicht genug unterhaltend") sein. Das Buch ist sehr genau konstruiert und strukturiert - und man muss dem folgen wollen (m. E. ist die ganze Sache so ansprechend, dass man das gern macht). Ich z. B. mochte die ersten 3 Seiten zunächst nicht, sie waren mir zu abrupt, mir gefiel's ab ca. S. 4. Gestern Abend, als ich es zu Ende gelesen hatte, las ich die ersten drei Seiten noch einmal: Jetzt stimmten sie in Ton und Art; etwas Anderes hätte den Einstieg erleichtert - dem Leser zuliebe, aber dem ganzen Werk gegenüber wäre es artfremd" gewesen.
Was die Autorin alles über Berlin weiß! Und wie ich Dresden, das ich gut kenne, durch sie noch einmal neu erlebt habe! Die Details bedeuten 90% der Leser, die die Städte nicht kennen, wahrscheinlich nichts. Ich finde aber, falls das ein Kritikpunkt sein sollte, dass gerade so etwas dem Buch Glaubwürdigkeit und Echtheit verleiht, dem Leser das Gefühl gibt, mit dabei zu sein. Übrigens - und gleichermaßen - ich habe viel über den Kaukasus gelernt.
Rund herum: Ich finde, es ist ein tolles Buch! Die Person Erika Schmidt ist ganz herrlich gelungen. Sie ist meine absolute Favoritin! Die (Selbst-)gespräche sind herrlich, einfühlsam, z. T. abgeklärt und weise, akzeptierend und dennoch fragend was wäre, wenn?". Das Buch ist also nicht nur hübsch" (s. Seite 156), ich finde es sehr gelungen. So übrigens auch das Ende: Es überfällt" einen quasi. Man stutzt, man geht einige Absätze zurück. Und sagt schließlich: ... ja! (Now I got it!)