"......bar jeder politischen Nützlichkeit, Moral und höheren Bedeutung, ohne die Notwendigkeit, ihn für irgend etwas in Anspruch zu nehmen, können seine Geschichte und die seiner Zeit erzählt werden wie nie zuvor - als Epos unserer gemeinsamen europäischen Vergangenheit.
(Resümee des Autors auf Seite 356)
Entgegen seinem Titel "Die Varusschlacht" und Untertitel "Rom und die Germanen" hat Ralf-Peter Märtins Sachbuch weitaus mehr zu bieten. Zu Beginn werden zunächst die antiken gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vorgestellt.
Während der Wanderfeldbau der Germanen bei schlechten Böden keine freiwillige Entscheidung für ein Nomadentum war, sondern eine schiere Notwendigkeit, hatte der andauernde Kriegseinsatz die römische Bauernschaft ruiniert. Mit keinem anderen Besitz, außer einer reichen Nachkommenschaft (proles) strömten sie nach Rom, wo sie sich fortan als Proletarier durchschlugen.
Daneben werden dem Leser wichtige historische Fakten vermittelt, wie z. B. die Abrechung mit den Mördern Julius Cäsars bei Philippi, der pannonisch-illyrische Aufstand und die Rolle Marbods, der als Herrscher der Markomannen das erste germanische Königtum schuf. Die sogenannte "Pax Augusta" hatte mit Pazifismus nicht zu tun, setzte sie doch voraus, dass sich die befriedeten Völker der römischen Herrschaft zu unterwerfen hatten (S. 62). Zum römischen "Divide et Impera" gehörte hierbei u. a. die Ungleichbehandlung (Tribute und Privilegien) der unterworfenen Völker und die "Gewährung von Gastfreundschaft" (Geiselhaft) für deren Angehörige. Stämme, Sippen und Familien wurden in Freunde und Feinde des Imperiums Romanum gespalten. So zählten auch Arminius' Bruder Flavius und sein Onkel Segestus zu den "Römlingen". Einen breiten Raum nehmen die Feldzüge des Drusus und des Tiberius ein, die bereits zahlreiche Militäranlagen bis zur Visurgis (Weser) hin errichtet hatten und sogar bis zur Elbe vorgestoßen waren. Asserdem werden die verschiedenen römischen Ämter, wie Quästor, Tribun, Senator, Konsul etc. und die unterschiedlichen Stämme der Germanen, wie Marser, Sugambrer, Brukterer, Chatten usw. vorgestellt.
Den Antagonisten der Schlacht im Jahre 9 - Arminius und Publius Quinctilius Varus - ist jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet. Hierbei wird nicht nur ihr militärischer Werdegang erörtert, sondern auch ihr persönliches Verhältnis und der angebliche Verrat des Arminius diskutiert. Der eigentlichen, drei Tage währenden Schlacht, inklusive der vier Haupttheorien über Örtlichkeiten und Ablauf, ist das zwölfte Kapitel mit seinen 40 Seiten gewidmet. Der Rache Roms durch erneute Feldzüge des Tiberius, folgt der endgültige Verzicht auf "Germania Magna". In diesem Zusammenhang wird die ausgebliebene/verhinderte Romanisierung der Germanen, trotz gleichzeitiger Übernahme römischen Kulturgutes, und ihre Folgen für die Weltgeschichte thematisiert. Von den im ersten nachchristlichen Jahrhundert verfassten Berichten über die Varusschlacht sollte nur jene des Publius Cornelius Tacitus erhalten bleiben.
Die letzten 73 Seiten gehen erneut über die Buchtitel hinaus, da sie sich damit befassen, wie ein abtrünniger römischer Auxiliaroffizier namens Arminus zum deutschen Helden Hermann mutieren konnte. Die Betrachtung zieht sich von Reichsritter Ulrich von Hutten, über Martin Luther, die napoleonischen Befreiungskriege (...weit geöffneter Hemdkragen - den Hals befreit vom knechtischen Tuche!) bis zum Kulturkampf des preußisch-deutschen Kaiserreiches und den rassistischen Missbrauch durch den NS-Staat.
Abschließend runden 100 (!) Seiten mit Anmerkungen/Fussnoten, eine Zeittafel, Stammtafeln der Julier-Claudier und dem cheruskischen Adel, eine erschöpfende Bibliographie und ein Register das Bild einer gelungen wissenschaftlichen Arbeit ab. Eine Vielzahl von Fotos, Abbildungen und historischen Landkarten ermöglicht eine Visualisierung der spannend zu lesenden Abhandlung. Nach seinen ebenso ausgezeichneten Sachbücher über den historischen "Dracula" und "Nanga Parbat. Wahrheit und Wahn des Alpinismus" hat der promovierte Althistoriker und Germanist Ralf-Peter Märten erneut ein Standardwerk vorgelegt, das seinen Platz im Bücherregal des geschichtlich interessierten Leser finden sollte. Die differenzierte und mehrdimensionale Darstellung der Thematik ist mit 5 Amazonsternen zu bewerten.