Pressestimmen
Dass diese Edition eine Naumann-Renaissance einleiten wird, kann man nur hoffen. Es wäre an der Zeit.' (Tilman Spreckelsen, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23. August 2009)
Kurzbeschreibung
Ein Werk der Wunder - jetzt mit 80 bislang unveröffentlichten Aquarellen Johann Friedrich Naumann lebte von 1780 bis 1857. Er war und ist der bedeutendste deutsche Ornithologe. Aber mehr noch als seine wissenschaftlichen Leistungen beeindrucken uns heute die natürliche Schönheit seiner Vogelbilder und die erstaunliche Kreativität seiner Sprache. Niemand hat jemals besser über Vögel geschrieben. Über Johann Friedrich Naumanns Werk und seine Vogelbilder sagt Claus Nissen in seinem 1953 erschienenen Buch Die Illustrierten Vogelbücher : »Die sorgfältige Ausmalung macht diese Naturgeschichte der Vögel Deutschlands ... rein äußerlich zum schönsten deutschen Vogelbuch, das unter bibliophilen Gesichtspunkten wohl eine Auferstehung mittels heutiger Reproduktionstechniken verdienen könnte. Es hat immerhin Goethe, der auch auf diesem Gebiet einige Kennerschaft besaß, zu fast begeisterter Anerkennung hingerissen.« Zu Lebzeiten war Johann Friedrich Naumann nicht nur in Deutschland berühmt und hochgeehrt, aber seit dem Zweiten Weltkrieg ist er im Gegensatz zu seinen englischsprachigen Zeitgenossen John Gould und John James Audubon fast vergessen. Dieses Buch soll sowohl die Schönheit und Genauigkeit seiner Vogelbilder als auch den Glanz seiner Sprache in Erinnerung rufen. Johann Friedrich Naumann ist ein vergessenes deutsches Genie.
Über den Autor
Arnulf Conradi, geboren in Kiel, an der Ostsee zum "Birdwatcher" erzogen, ist Verleger in Berlin.
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Groß war in wissenschaftlicher Hinsicht der Genuss, welchen mir meine im Mai und Juni 1819 nach jener interessanten Küste mit ihren für den Ornithologen so wichtigen Inseln unternommene Reise gewährte, von welcher ich schon in Okens Isis, Jahrg. 1820, St. XII Bericht erstattete. Meine Erwartungen wurden auf jener Reise weit übertroffen; denn ich hoffte wohl nordische Vögel dort noch auf dem Zuge in Menge, aber nicht so viele daselbst nistend zu finden, und war daher auf das angenehmste überrascht, manche Art ganz so zu sehen, wie ich es mir nur viel höher nach Norden hinauf hatte denken können. Die Insel Pellworm war damals zu einem längeren Aufenthalt bestimmt und gab reiche Beute; allein das zu sehr bewohnte und bebaute fett Ländchen, ringsum mit hohen Deichen umgeben, hatte nur auf der Nordseite ein großes grünes Vorland, wo es außer unzähligen daselbst nistenden Vögeln auch noch Zugvögel genug gab, manche in unermesslichen Scharen, z. B. Ringelgänse und Myriaden von roten Limosen. Dies einzige für den Ornithologen wichtige Feld der Insel, dieses Hallig, Puphever genannt, musste aber nach einigen Tagen durch das Schiessen und die beständige Störung des daselbst wohnenden zahlreichen Geflügels an Gewinn für mich und meine mich begleitende Freunde bald verlieren. Es wurde deshalb eine Exkursion von dort nach dem eine Meile südlich gelegenen Eilande Süderoog unternommen, welches zwar viel kleiner aber nur von einer einzigen Familie bewohnt war, lauter grünen Rasenboden (bloss zur Viehweide benutzt) und ganz flache Ufer hatte, auch gar nicht eingedeicht war. Niemand störte dort die Vögel als täglich einmal eine Person jener Familie, welche während der Legezeit, etwa zwei Wochen lang, täglich die Eier absuchte, oder zuweilen eine überschwemmende Meeresflut; kein Schuss geschah dort nach ihnen, und lange hatte kein gieriger Sammler dort gewürgt. Als daher die Seichtigkeit des Wassers (es trat eben Ebbe ein) unserem Schiffe Stillstand gebot, wir auf den weiten Watten wohl mehr als tausend Schritt vom Ufer fest lagen, der bestellte Wagen ankam, auf welchem wir vom Bord des Schiffes ohne weiteres hinabgestiegen waren, und so auf dem festen Sande dieser Watten der Insel zufuhren, wurden wir von Tausenden neugieriger Vögel umschwirrt, die uns furchtlos angafften. Da standen kaum zwanzig Schritt vom Wagen die herrlichsten Geschöpfe, z. B. die Silbermöven (Larus argentatus) Paar bei Paar, uns ruhig ansehend; ihr blendend weißes, oben bläuliches Gefieder, mit den samtschwarzen Flügelspitzen, ihr hochgelber Schnabel mit dem korallenroten Fleck, ihr lebhaft gelbes Auge glänzten in der lebendigsten Pracht. So hatte ich sie noch nie gesehen; ich war vor Freude außer mir; aber es sollte noch viel besser kommen. Diese Möven lebten hier größtenteils von kleinen Krebsen (Cancer moenas), wovon ihr Unrat, der durch die Verdauung nie ganz aufgelöster Schalen wegen wie Kalkmörtel aussieht und rosenrot tingiert ist. Ich fand auf dem Eilande ein ganz mit nistenden Vögeln bedecktes grünes Feld, was voll kleiner Hügelchen war, die aussahen, als wären sie sonst durch Maulwürfe oder Ameisen entstanden (was aber dort nicht möglich ist) und nur wie der übrige Boden mit kurzem Gras bedeckt waren. Die Menge der Vögel war da so groß, dass stellenweise sich fast auf jedem Hügelchen ein Nest befand und diese öfters von ihnen verwechselt werden mochten; denn ich sah ein Ei des Austernfischers im Neste und neben den Eiern einer Silbermöve, dann wieder im Neste jenes Vogels ein Ei der arktischen Meerschwalbe. Hier nistete die Silbermöve, Küstenseeschwalbe, Austernfischer, Säbelschnäbler, Rotschenkel und Alpenstrandläufer friedlich und in Menge bei einander und dazwischen trieben sich noch Schwärme von Knults und Steinwälzer herum, wodurch ein außerordentlich buntes Gewirr entstand. Das Wetter änderte sich während meines kurzen Aufenthalts daselbst und eignete sich keineswegs zu anmutigen Spaziergängen; aber das Inselchen hatte zu viel Interessantes für mich, dass ich nicht bis spät am Abend volle Beschäftigung gefunden, und trotz der kalten Regenschauer und des Sturmes den Aufenthalt daselbst möglichst genutzt hätte. Vorzüglich merkwürdig war hier eine eigene Strasse der Brandseeschwalben, die ich entdeckte und natürlich gut benutzte; denn ich erlegte aus einem gewählten Hinterhalt mehr als ein Dutzend dieser schönen Vögel, die sonst außerhalb dieser Strasse viel seltener und nur hochfliegend über dieser Insel gesehen wurden. Das kleine flache Eiland Norderoog, eine Meile von Süderoog im Nordwesten gelegen, war nämlich der Brutplatz einer Kolonie dieser Seeschwalben, vielleicht aus einer Million Vögel bestehend, sodass die Insel in der Entfernung von einer Meile gesehen, wenn die Vögel ruhig waren, einen weißen Streifen im Meere bildete, als wenn sie ganz mit Schnee bedeckt gewesen wäre; wenn die unermessliche Schar aber über derselben schwebte, diese einer weißen wirbelnden Wolke glich und ein ganz eigenes, nicht zu beschreibendes Ansehen hatte. Auf jenem Eilande lagen stellenweise die Eier dieser Vögel so dicht, dass man, ohne welche zu zertreten, kaum dazwischen gehen konnte; die brütenden Vögel berühren sich oft und würden nicht Raum haben, wenn sie nicht, wie fast alle an den Meeresküsten gesellschaftlich brütende Seeschwalben, in einerlei Richtung, Kopf und Vorderleib gegen die Wasserseite gerichtet, über den Eiern säßen. Unmöglich kann hier jeder Vogel seine eigenen Eier wieder herausfinden, er muss sich oft auf die ersten besten legen, um den Forderungen der Natur Genüge leisten zu können; so geschieht es denn an solchen Plätzen oft, dass vier, ja fünf Eier beisammen liegen, da die einzelnen Weibchen aller bekannten Meerschwalben nie mehr als drei Stück legen und darauf brüten. Unbeschreiblich der Lärm an solchen Plätzen, denn dies geschwätzigen Vögel machen selbst über Nacht, wo sie eigentlich ruhig auf und neben den Eiern sitzen und schlafen sollten, ein stetes,oft sehr lebhaftes Geschwätz.