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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Welt ereignet sich. Es kommt, wie es kommt., 14. März 2007
Der Autor schreibt vornehmlich gegen den "Eurozentrismus", den er als Ideologie darin verankert sieht, dass besondere einzigartige Eigenschaften/Verhaltensweisen der Europäer den Aufschwung der "westlichen Welt" bewirkt hätten. In sehr kompakter Form legt er dar, dass eine Reihe historischer Gegebenheiten (der gesamten Welt) in einer "Konjuktur" zusammen standen, um die Entwicklung hervorzubringen, wie sie heute ist: Die Welt wird immer "westlicher". Weite Bereiche der Weltgeschichte, wie sie in den Geschichtsbüchern deutscher Schulen ohnehin kaum erwähnt sind, werden - wenn auch sehr knapp - dargestellt. Im Vordergrund stehen dabei aber immer wirtschaftliche Gegebenheiten, insbesondere der Fernhandel; eigentlich schreibt der Autor eine Wirtschaftsgeschichte. Mit Recht wird hervorgehoben, dass Globalisierung, wie sie heute beobachtet wird, kein absolut neues Phänomen des 19./21. Jahrhunderts ist. Schon immer gab es insbesondere Beziehungen zwischen "dem Westen" (=Europa + später USA) und dem "Osten"(=China, Indien, Japan).
Zentral für die Überlegungen des Autors ist die Darstellung der Ursprünge und der Entwicklung der "Industriellen Revolution", die aus verschiedenen Gründen ihren Ausgangspunkt in bestimmten Teilen Englands um 1750 nimmt. Kurz gesagt - und das klingt etwas banal - sind das Vorhandensein zunächst leicht abbaubarer Kohleflöze im Norden Englands zur Versorgung der Hauptstadt London mit Brennstoffen für Heizung und Kochen - nach Abholzung des größten Teils aller britischen Wälder bis dahin - , die Notwendigkeit immer mehr Grundwasser aus den Gruben zu pumpen zu müssen und die Idee, die deswegen immer weiter verbesserte Dampfmaschiene bei Durham einmal auf Räder zu montieren, die Beschreibung der Ausgangslage. Punkt ist dann die sich auf Dauer ergebende immer umfangreicher werdende Nutzung des fossilen Energieträgers zum Betrieb dieser Maschienen und Geräte und deren weitere Verwendung (z.B. als Eisenbahn), zunächst vor allem aber im Textilsektor, der seine Rohstoffe u.a. von den amerikanischen Besitzungen (Kolonien) der Engländer aus billiger Sklavenarbeit bezieht. Unter (Dampf-)Maschineneinsatz kommt es mit dem Faktor 1:100 zu einer ungeheuren Effizienzsteigerung gegenüber den herkömmlichen Herstelltechniken (Z.B. mit Wasser getriebene Geräte). Diese Waren konnten deswegen u.a. im Export gegen die örtliche Konkurrenz in China und Indien durchgesetzt werden, die früher so kostengünstig arbeitete, dass man in England Schutzzölle erheben musste. Nirgendwo auf der Erde kamen damals in dieser Form und mit solchen Wirkungen fossile Energieträger zum Einsatz und ersetzten insbes. Holzkohle. Deren Herstellung war nur begrenzt möglich, denn sie erforderte große Waldflächen, die ihrerseits als Flächen dann für die Landwirtschaft verloren gingen, was bei einem bestimmten Stand der Bevölkerung deren Ernährung beeinträchtigen würde, weil keine wirtschaftlich bebaubare Flächen mehr vorhanden waren. Hinzu kommen noch spezifische Rivalitäten unter den europäischen "Nationalstaaten", die sich gerade herausbildeten, und die England für sich positiv gestalten kann, vor allem in Übersee (Indien, Amerika)
Der Autor führt diese und viele weitere Beziehungen im historischen Verlauf präzise aus und legt m.E. einen schlüssigen Zusammenhang dar, der auch noch aus anderen Gründen sehr lesenswert ist (z.B. hinsichtlich des Opiumhandels und kriegerischen Verhaltens).
Recht knapp geraten jedoch Ausführungen zu den bisherigen Erklärungsansätzen, insbesondere zu Überlegungen, wie die von Max Weber, und überhaupt zu Einstellungen und Verhaltensweise im damaligen Europa. Zutreffend dürfte sicherlich sein, dass es keinen Faktor gibt, der allein in Europa gegeben ist, sondern dass zufällig ("kontingent") bestimmte Gegebenheiten zusammen kamen.
Wichtig ist mir noch der Hinweis, dass sich das Buch lediglich auf den Zeitraum bis zum Jahr 1900 erstreckt (ab um 1400), mithin also eine besondere Rolle der abendländischen Wissenschaften (griechischen Ursprungs) nicht feststellt, allerdings auch zu knapp hierauf eingeht. Der Autor hält die Techniker von damals eher für Tüftler und Handwerker denn für systematisch-methodologisch vorgehende Wissenschaftler .
Mit Blick auf Deutschland (dass dank der bekannten industriellen Verspätung insoweit nur eine sehr periphere Rolle spielt) wird darauf hingewiesen, dass die Deutschen die ersten waren, die "auch ihre Universitäten mit der industriellen Forschung verbanden, was zur Entstehung völlig neuer chemischer und elektrischer Industriezweige führte"(Seite 155).
Insgesamt eine sehr anregende Lektüre mit Thesen, die nachdenklich machen und im Prinzip überzeugend erscheinen. Der Untertitel greift allerdings etwas zu hoch aus. Man wünscht sich eine weiter ausgearbeitete Fassung, die sicher auch 100 Seiten mehr haben darf.
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