Nach diversen kirchenpolitischen Querelen, in deren Verlauf der emeritierte Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger der verfassten evangelischen Kirche endgültig den Rücken gekehrt hat, ist "der knorrigste Theologe des Landes" ("DIE ZEIT" (1: Nordhofen, Eckard: Das Wort ist Fleisch geworden. Klaus Berger, sein "Jesus"-Buch und das Wunder von Weihnachten, DIE ZEIT, 22. Dezember 2004, Nr. 53, http://www.zeit.de/2004/53/St-Jesus?page=all (11. August 2008).)) nun zurück auf dem Buchmarkt. Gewiefte Kritiker werden die gut 350 Seiten starke Veröffentlichung "Die Urchristen" primär als zeitnah verfasste Apologie der katholischen Kirche werten. Doch dieses Urteil ist voreilig: Das vorliegende Buch thematisiert durchgehend Inhalte, die bereits Bergers Lehrtätigkeit entscheidend bestimmt haben.
Schon rein äußerlich, nicht zuletzt durch den verwendeten Schriftsatz, der - ein böses Omen? - durch seine markanten Fragezeichen auffällt, präsentiert sich die Veröffentlichung als nahtlose Fortsetzung des "Jesus"-Bestsellers von 2004 (2: Berger, Klaus: Jesus, München 2004.). Die inhaltliche Begründung liefert Berger auf den ersten Seiten nach: Mit den "Gründerjahren" des Christentums - d.h. dem Zeitraum von 50 Jahren bis zum Tod der ersten Generation nach Jesus - "ging das Abenteuer erst richtig los. Aus einer Lokalveranstaltung unter Fischern und Bauern im letzten Winkel der Antike wurde in Windeseile eine Weltreligion. Wenn das kein Stoff ist!" (12) Die auffällige Zurückhaltung seitens der üblichen neutestamentlichen Forschung erklärt Berger mit einem populären "Lukas-Bashing" (13): Der Verfasser der Apostelgeschichte werde üblicherweise als "frühkatholischer" Verräter der Offenbarung charakterisiert, der die Zeit Jesu zur "Mitte der Zeit" (Hans Conzelmann) zwischen Altem Testament und Kirchengeschichte degradiert habe. Diese Tendenz finde sich innerhalb "[v]erschiedene[r] Modelle der Gesamtentwicklung" (16-19) - z.B. unter Vertretern des Dekadenzschemas mit seiner generell negativen Sicht von "Kirche".
An die Stelle alter Überzeugungen - "Vom Kindergarten bis zur Beschäftigung mit der Heiligen Schrift durfte nichts unhinterfragt bleiben - bei Strafe der intellektuellen Exkommunikation" (19) - sei jedoch mittlerweile eine neue "Hermeneutik des Vertrauens" (ebd.) getreten, die den biblischen Berichten nicht mehr a priori betrügerische Absichten unterstelle. Diese Behauptung macht Sinn - ebenso wie Bergers Hinweis auf die im selben Kontext wachsende Bedeutung archäologischer Erkenntnisse. Dass dagegen die neue Forschungssituation allgemein dazu nötige, den Herrenbruder Jakobus als entscheidenden "Mann an der Weiche" zu begreifen (25-27), der zusammen mit Johannes dem Täufer und Jesus das Triumvirat der "drei Nasiräer" gebildet habe (27f), widerspricht den (bisherigen) Beobachtungen des Rezensenten. Schon zuvor stößt der Leser auf zahlreiche Spezifika Bergerscher Theologie: Das Jahr 70 bedeutete keinen wesentlichen Einschnitt für die frühe Christenheit (13). Die Apostelgeschichte ist bereits im Zeitraum 68 - 75 n.Chr. entstanden (14) - und urteilt relativ einseitig, weswegen der gesamte urchristliche Büchertisch zu berücksichtigen ist (15). Es sind gerade solche im Kontext universitär-neutestamentlicher Forschung ungewohnten Gedanken, die die Lektüre von Anfang an erfrischend machen.
Einer dieser markanten Gedanken bestimmt den Verlauf des zweiten Kapitels (29-57): Berger geht es um die Suche nach "Brücken zwischen der Jesuszeit und den Gründerjahren" (29), um vergessene Kontinuitäten. Ein "exegetische[][r] Darwinismus", der nur mit fein säuberlich getrennten Entwicklungsschritten zurechtkomme (30f), sei ebenso abzulehnen wie die Annahme einer durch und durch von "Naherwartung" geprägter Reich-Gottes-Predigt, die mit dem Tod Jesu jäh in Vergessenheit geraten sei und der theologisch modifizierten Parusieverzögerung Platz gemacht habe (36-47). Immer wieder werden dabei detaillierte exegetische Kenntnisse deutlich - z.B. bei der Abwehr des "Wissenschaftsmärchen[s] [...], von Kirche und Gemeinde sei zu Zeiten Jesu kein Reden und Drandenken gewesen" (51f).
Das dritte Kapitel räumt mit der populären Idee auf, Jesus habe eine Karriere "[v]om gescheiterten Rabbi zum Erlöser der Welt" (58-102) durchlaufen. Entscheidend sei vielmehr das Sein des Gottessohnes, der - als Teil des Kampfes zwischen guten und bösen Geistern (68-70) - auch seine titularen Ehrentitel von Anfang an besessen habe (67f). "Die These vom Ostergraben hat mit kritischer Forschung nichts zu tun; sie ist das Wechselgeld pseudobiblisch fundierter Kirchenkritik" (65). Wenn aber auch das trinitarische Bekenntnis schon zu Jesu Lebzeiten formuliert wurde (77f), dann müssen wir "mit einer Schockwelle der Befremdung rechnen. Vielleicht ließen die sich am wenigsten auf die Fremdheit dieser Welt ein, die am meisten von Hermeneutik und Horizontverschmelzung redeten [...] Eine von Dämonen und Exorzismen purgierte Bibel mag manchen noch als konsumables 'Produkt' erscheinen, aber es ist Wein, dem man die originären Geschmacksstoffe entzogen hat" (78). Für Kontinuität sorge insbesondere der Heilige Geist (79-102). Berger wird hier zum Vollblut-Ökumeniker, der zwar vom "Problem von Einheit und Vielfalt" (94) anspricht, aber andererseits anmerkt, zumindest der Epheserbrief habe "[d]ie beliebte ökumenische Formel von der gottgewollten, versöhnten Verschiedenheit [...] jedenfalls nicht erfunden" (89). Die integrative "Politik" des Heiligen Geistes (86-90) ermögliche nicht zuletzt einen heilsamen Monotheismus. (3: "Wenn einer nur der Herr und Gott ist, hat das zur Folge, dass das Gewaltmonopol bei diesem einen liegt und dass alle anderen Brüder und Schwestern sind" (88). Vgl. zur selben Thematik Hempelmann, Heinzpeter: "Monotheismus - "Vielleicht die grösste Gefahr der bisherigen Menschheit" (F. Nietzsche). Zur neueren Diskussion um das Konflikt- und Gewaltpotenzial monotheistischer Religionen, Ichthys 46 (2008), 3-29, bes. 24-28.)
Bereits an dieser Stelle kann auch diese knappe Darstellung nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bergers Gedankengänge mitunter sehr vielschichtig, wenn nicht gar assoziativ wirken. Eine klare Verteilung einzelner Themen auf die unterschiedlichen Kapitel, die zudem in Länge und Zahl der Nummerierungsebenen stark variieren, ist oft nicht erkennbar. Hinzu kommen mitunter komplizierte Zusammenstellungen - z.B. in Abschnitt 52f, der die grundsätzlich zusammengehörigen Größen Reich Gottes und Kirche/Gemeinde in Hinblick auf ihre Art der "Offenbarung", die Rolle der "Besitzverhältnisse", die Art der "Grenze", die "Bedeutung des gemeinsamen Mahles", den Charakter der "Beziehung zu Gott" sowie die "Aspekt[e] des Leidens und des Geldes" voneinander unterscheidet. Anders als das Neue Testament hätte Berger auf das "Gegenmodell einer relativ zeitunabhängigen Fülle" (31) wohl besser verzichten sollen. Auch die mitunter etwas holprigen Sätze (vgl. z.B. 24f) führen dazu, dass die Ausführungen Bergers zwar stets unterhaltsam und meist erbaulich, aber auch wenig einprägsam sind - eine Feststellung, die sich mit Erfahrungen des Rezensenten aus Vorlesungen des streitbaren Neutestamentlers deckt.
Nichtsdestotrotz vorhandene Brüche sieht Berger zunächst im schmerzhaften Übergang zum Heidenchristentum, den der vierte Hauptabschnitt in seinen unterschiedlichen Phasen beleuchtet (103-128). Interessant ist die Unterscheidung zwischen "zentripetaler", an der (Orts-)Gemeinde orientierter und "zentrifugaler" Mission (120f). Für "Entfaltungen in Kontinuität", so das fünfte Kapitel (129-183), hat nach Berger nicht zuletzt Jesus selbst gesorgt, der sowohl die (jüdische) Taufe (129-137) als auch das (jüdische) Mahl (137-153) aufgegriffen und durch seine eigene Person modifiziert habe. Nur so habe es zu einer einzigartigen "Religion des Namens Jesu" kommen können (153-167) - und aus demselben Grund sei "[d]er Gottesdienst der Urkirche" (168-183) mitnichten "ein freundschaftlicher Essenstreff, ein Clubabend mit Parlando und wohl auch Gebeten, eher alltäglich vom Ambiente her, eine Art höherer Snack unter verständigen Menschen" und schon gar nicht ein "Vorläufer von Rotary" (168) gewesen.
Die meisten Seiten entfallen auf das sechste Kapitel (184-256), welches, so zumindest die Mutmaßung Bergers, "[v]iele geneigte Leserinnen und Leser [...] zuerst aufschlagen, um sich über den Stand der inneren Konfessionalisierung des Autors zu informieren" (184). Nach Berger wird die innere Verbundenheit der Größen "Reich Gottes" und "Kirche" vor allem in eschatologischen Passagen aus Johannesoffenbarung und Didache deutlich. Nicht nur die Entstehung der Kirche (184-188), auch das unter liberalen Protestanten nicht minder unbeliebte Amt mit seinem Gegenüber von Boten und Hörern des Gotteswortes sei von Beginn an Jesu Wille gewesen (188-192), aber eben nur "im Sinne der Teilhabe am Werk Jesu Christi" (191). Nach einem kurzen Blick auf "[d]ie Apostel und das Apostolat" (192-201) - Berger schließt sich hier der Forschungsmehrheit an, indem er deutlich zwischen dem Kreis der "Zwölf" und "den Aposteln" unterscheidet (192f) - geht der vielschichtige "Versuch eines Portraits" des Paulus (202-217) gegen die beliebte These vor, mit dem "13. Apostel" aus Tarsus "habe die Verfälschung der Lehre Jesu und der sukzessive Aufbau einer kirchlichen Institution begonnen" (202).
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