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Die Unwissenheit: Roman
 
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Die Unwissenheit: Roman [Gebundene Ausgabe]

Milan Kundera , Uli Aumüller
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (12 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Nicht erst seit seinem Bestseller über Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (1984) erfüllen die Bücher Milan Kunderas einen Doppelzweck. Zum Einen befriedigen sie das Leserinteresse nach guter, meisterhaft komponierter Belletristik, zum Anderen vermitteln sie nach der Lektüre das Gefühl, auch etwas über das Leben (und natürlich die Liebe) gelernt zu haben. Bei Die Unwissenheit ist das nicht anders: Erzählt wird die schicksalhafte Geschichte der tschechischen Emigranten Irena und Josef, die nach "dem Verschwinden des Kommunismus" und persönlichen Odysseen aufgrund ihrer zufälligen Wiederbegegnung in Paris in den neunziger Jahren versuchen, an ihre während des Prager Frühlings und dessen Niederschlagung untergegangene Beziehung anzuknüpfen. Dabei müssen beide erkennen, dass ihr Leben bisher ohne jegliche Gewissheit vonstatten ging -- und ohne Gewissheit, ohne alte oder neue Heimat weitergehen muss.

Hinterlegt wird das erzählerische Gesellschafts- und Beziehungspanorama in der für Kundera typischen Art mit allerlei essayistischen Einschüben, die -- nicht ohne autobiografischen Hintergrund -- von der Schwierigkeit des Lebens in der (Pariser) Fremde und einer -- vielleicht doch noch möglichen -- "großen Rückkehr" in die (Prager) Heimat handeln. Ein bezaubernder Roman über Heimweh und Sehnsucht, Emigration und Neuanfang, Sprachverlust und -neufindung, Vergessenwerden und Wiedererinnern, aber auch über die Unwägbarkeiten der Liebe und die (immer auch erotisch-flüchtige) Leichtigkeit des Seins. Die Unwissenheit ist ein kleines Meisterwerk, das derjenige nicht ohne Gewinn aus den Händen legen wird, der philosophisch angehauchte und gut geschriebene Romane zu schätzen weiß. Und etwas über das Leben und die Liebe in der Fremde lernen kann man auch. --Thomas Köster

Audiobook-Rezensionen

Es geht in diesem Hörbuch um die "Große Rückkehr", dargestellt an den beiden Emigrantenschicksalen von Irena und Josef. Sonderbarerweise wollen alle ihre französischen Freunde, dass Irena nach 1989 in ihre Heimatstadt Prag zurückkehrt. Sie selbst jedoch sieht sich nicht als Emigrantin. Genauso geht es Josef, der wie sie vor 20 Jahren nach Dänemark ausgewandert ist. Zurück in Prag fühlt sie sich um ihre Vergangenheit "amputiert", denn niemand, keine ihrer alten Freundinnen möchte wirklich wissen, wie es ihr all die Jahre ergangen ist. Am Flughafen von Paris treffen die Lebenswege von Irena und Josef wieder aufeinander. Sie erinnert sich an ihn, er erinnert sich nicht! Dieses Zusammenkommen in "völliger Übereinstimmung" führt zu einem Nachmittag der Liebe in Josefs Hotelzimmer und endet dort in vollkommener Einsamkeit.

Ohne jegliche musikalische Unterstützung liest Rufus Beck, selbst ein großer Kundera-Fan, diesen Roman. Er interpretiert den Wechsel zwischen den Rollen der Protagonisten und den philosophischen Passagen perfekt. Becks frische und klare Stimme lässt einem selbst bei den in der Buchvorlage manchmal etwas lange anmutenden Überlegungen über die Macht der Nostalgie - leitmotivisch dargestellt durch Odysseus oder Arnold Schönberg - , über das Desinteresse der anderen oder über die Un-Freiheit, sein Leben selbst zu bestimmen, keine Minute los. Vollständige Lesung, Spieldauer: ca. 248 Minuten, 3 MC.

-- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Rückkehr ohne Liebe

Milan Kunderas Roman «Die Unwissenheit»

Als Stendhal die Liebe zu erkunden suchte und nicht ohne Verdruss ihren vielen Geheimnissen nachsann, war er ein Verletzter. Er wusste, dass es ihm niemals gelingen würde, die eigenen Wunden zu übersehen oder gar zu vergessen, um dafür vorzustossen ins Reich der reinen Analyse. «De l'amour», der grosse, nach manchen Themen auswuchernde Essay, lieferte ein Bild innerer Zerfahrenheit, und das Ergebnis konnte es nur noch einmal bestätigen: hier die Stimme der Vernunft – wir begreifen schon, warum wir leiden; dort aber ein Flüstern und Flehen, ein Raunen bis zum Dröhnen – am Ende obsiegt die Passion, der Trieb. – Oder eher eine unermessliche und alltägliche Müdigkeit?

Zwei Emigranten. Die beiden stammen aus der Tschechoslowakei. Sie, Irena, hat sich an ihr Leben in Frankreich gewöhnt; auch er, Martin, scheint ein besonnener Mensch. Und dennoch wird das Paar von furchtbaren Träumen verfolgt, von den quälenden Nachtgesichten der Rückkehr in die Heimat. Nach Martins Tod wird für Irena alles noch schwieriger – nun droht ihr das Schicksal einer einsamen, abhängigen und unzufriedenen Frau: denn weder findet sie bei Gustav, ihrem neuen Partner, die richtigen Gefühle, noch ist sie mit ihrer Biographie der Umwege und Verzögerungen irgendwie zu Rande gekommen. Schliesslich interessiert sich keine der Pariser Freundinnen für diese Odyssee, die freilich jetzt, nach der Revolution von 1989, zum Abschluss gelangen könnte. Eine Reise nach Prag? Wieder eintauchen in die Geschichte?

Ein glänzender Erzähler ist Milan Kundera, weil es ihm gelingt, seine Figuren wie beiläufig zu führen. Entfremdung und Verlust, Resignation und Humor, die Vernunft und die Leidenschaft – das wäre allerdings sein Leben. Aber dieser gewandte Schriftsteller seiner eigenen Unsichtbarkeit legt Distanz um sich und gefällt sich in der Rolle des Regisseurs. Arme Irena; wir bewundern sie, ihre Krankheit ist das Leid der Epoche. Wir betrauern sie, die Hilflose – denn nagt in ihrer Seele nicht jenes süsse und gefährliche Gift, die Nostalgie? Kennen wir nicht die verborgenen Tage, ein halb verdecktes, halb verdrängtes Damals? Und auch das ist Kunderas Thema, dass die Sehnsucht auf eigentümliche Weise gegen das Gedächtnis läuft, dass jede Nostalgie – doch besonders jene der Emigration – sich vom Vergessen nährt.

Schon Odysseus hätte es erfahren können. Sein wahres Leben, List und Triumph und Abenteuer, und für glückliche Jahre das Bett mit Calypso. Dagegen verblasste, einem Schemen gleich, das heimische Ithaka, verschwand mit Weib und Herd im fernen Ungefähr. Aber die Nostalgie ist das Ungefähr, seltsam sammelt sie Bruchstücke und Residuen, «Falsches» und Undurchschautes, zuletzt vielleicht eine zum Traum erweiterte Kindheit, die niemals wirklich war und umso mehr zum Ersehnten wird. – Warum muss Odysseus, der Rückkehrer, Geschichten erzählen? Weil ihm endlich aufgegangen ist, dass seine Biographie jenseits von «Ithaka» stattgefunden hat. Der Ort wäre wahrhaftig in Anführungsstriche zu setzen, auf die Landkarte kommt es nicht an.

Ithaka – oder Prag. Irena reist in die Stadt ihrer Jugend, im Grund ist ihr alles fremd, fast alles hat sich verschoben, verdreht. An der Oberfläche ziehen die Turbulenzen von Konsum und Genuss, in der Tiefe herrscht das eigentliche Missverstehen – nicht als böser Wille, sondern als Gleichgültigkeit. Wir sehen Gustav, den Gefährten; den tüchtigen Schweden, der in Prag seine Geschäfte betreibt und Irenas Kummer – Scheu?, Abstand? – kaum begreift. Wir sehen Irenas Mutter; die die Tochter noch immer deren Unterlegenheit spüren lässt. Wir sehen die alten Freundinnen. Eine grandiose Szene: ein Essen im Restaurant, Irena hat Wein besorgt, die Freundinnen trinken Bier, viel Bier, Schleppen und Winden des Gesprächs, Peinliches, Dünste von einst, am Schluss, womöglich, das eine oder andere Einverständnis, wer weiss.

Ein Meister der Architektur ist Kundera auch, denn es gelingt ihm, solche und ähnliche Geschichten so subtil zu fügen, dass die Moral von der Geschicht' bloss durchscheint. Das Elend der Historie ist eines; für die tschechische Nation bedeutete das zwanzigste Jahrhundert vor allem Enttäuschung und Schmach, woraus Trauer und Apathie folgten. Wie sagte es der Lyriker Jan Skacel? Aus der Traurigkeit wolle er sich ein Haus errichten, darin dreihundert Jahre lang wohnen und niemandem die Türe öffnen. Das Elend des Lebens ist das andere; es hat die Menschen – hüben wie drüben – ihrer Freiheit, dann ihres Selbstbewusstseins, dann ihrer Sinne beraubt. Nicht als verantwortlich frei kann sich Irena fühlen, immer musste sie dankbar sein, zuerst gegenüber Martin, später dem geschäftigen Gustav.

Und nun? Auf einem Pariser Flughafen lernt sie Josef kennen, und wenn sie ihr Gedächtnis nicht täuscht, kannte sie diesen Josef schon einmal in Prag, zur Zeit ihrer Jugend. Damals, flüchtige Blicke, eine verpasste Affäre. Jetzt: die Chance zur Wiederholung, wer weiss, denn beide reisen nach Prag, Josef scheint darüber erfreut, Irena gefällt ihm. – Ja, Josef. Auch er, ein wenig, Odysseus. Lebt in Dänemark, wo seine Frau vor kurzem gestorben ist, fährt zurück in die Heimat, zu seinem Bruder und zum Grab der Mutter in Böhmen – ein Nachdenklicher, ein Sensibler, etwas müde und enttäuscht. Und was geschieht? Fast nichts. Wieder krümmt sich die Geschichte nach innen, in Erinnerung und Eingedenken, doch rasch wird offenbar, dass der Mann Josef, anders als Irena, eigentlich ein Immuner ist. Keine starken Gefühle weckt ihm das Vaterland. Als er den Bruder trifft, regt sich nichts.

Es gäbe also Menschen, denen es irgendwie gelungen wäre, ihre Vergangenheit abzustreifen. Wohin sie zurückkehren, sie empfinden nur Fremde. «Er hatte den Eindruck, dass die Welt für ihn war wie für einen Toten, der nach zwanzig Jahren aus seinem Grab steigt: er berührt die Erde mit einem zaghaften, des Gehens entwöhnten Fuss; er erkennt die Welt, in der er gelebt hat, kaum wieder, stolpert aber unentwegt über die Reste seines Lebens: er sieht seine Hose, seinen Schlips am Körper der Überlebenden, die sie ganz selbstverständlich unter sich verteilt haben; er sieht alles und fordert nichts: Tote sind schüchtern.» – Gleichwohl ist Josef ein wissender Toter.

Wie sein Autor weiss er, dass es das nicht gibt – die Amnesie, die Amnestie, das Verlöschen, die vollkommene Immunität. Nein, er leidet nicht an Irenas Krankheit, der Nostalgie, aber immer wieder ist der Ungehaltene gezwungen, das ihm Begegnende abzuwehren. Der Bruder gibt Josef ein Paket mit Dingen aus seiner Kindheit, Josef wirft das meiste weg; doch die Tagebücher behält er. Und Kundera, hier nun mächtig der Erzählergott über dieser Odyssee, stört ihn noch weiter – Josef blättert in den Notizen und liest von seiner frühesten Liebesgeschichte: er, schon damals, eher kühl; sie, schön und scheu, zum Sterben bereit. – Das darf den Heimkehrer nicht mehr erschüttern, schnell zerreisst er die Seiten in kleine Stücke.

Ein Psychologe der Geschichte ist Kundera zuletzt. Was ist die Nostalgie? Eine Form der Unwissenheit. Ein Schatten verlorener Liebe, ein Gespenst der unbefriedeten und unbefriedigten Kreatur. Und grausam ist die Geschichte, weil sie das Leben wie die Liebe erfüllt und entleert, bindet und fragmentiert. Die naive Irena, der immune Josef – sie finden für eine Nacht zueinander; am Morgen ist's vorbei. – Weiter: wie viel «Leben» bleibt im Gedächtnis? Oder, wie viel «Welt» bleibt noch unberührt vom Rasen der Zeit? – Kundera, ein später Schüler von Proust, hat es schon erkannt: dass erst der Erzähler vielleicht etwas herstellt, wovon dieses Leben niemals wissen kann, ein zitterndes Ganzes. Dafür, Bewunderung und Lob.

Martin Meyer

Pressestimmen

"Kundera hält die Fäden in der Hand und führt Regie. Daraus folgt naturgemäß, dass er seine Figuren immer auch instrumentaliesiert: Er nutzt sie, um Erfahrungen zu machen, um Erkenntnisse zu gewinnen. ... Kundera hat mit diesem Roman nach einem langen Weg seinen Ausgangspunkt wieder erreicht. Er ist von der Heimat in die Fremde gegangen und zurück in die Heimat, um doch nur endgültig in der Fremde anzukommen." Martin Lüdke, Die Zeit, 15. 02.01. "'Die Unwissenheit', Kunderas dritter auf Französisch geschriebener Roman, zeigt auf knapp 180 Seiten seine gesamte Kunst: die aller Überflüssigkeiten entkleidete, klare Sprache, die souveräne Entwicklung einer Geschichte und den klugen Blick in das Innenleben seiner Figuren." Julia Kospach, Profil, 26.02.01 »Ein großes Buch über den Verlust von Heimat und den Schmerz gegenseitiger Ignoranz ... weise und mit Kunderas ganz besonderer Fähigkeit, das Leichteste mit dem Schwerwiegendsten zu verknüpfen, erzählt.« Brigitte, 07.03.01 "Ein glänzender Erzähler ist Milan Kundera, weil es ihm gelingt, seine Figuren wie beiläufig zu führen. ... Ein Meister der Architektur ist Kundera auch, denn es gelingt ihm (...) Geschichten so subtil zu fügen, dass die Moral von der Geschicht` bloß durchscheint. ... Kundera, ein später Schüler von Proust, hat es schon erkannt: dass erst der Erzähler vielleicht etwas herstellt, wovon dieses Leben niemals wissen kann, ein zitterndes Ganzes. Dafür, Bewunderung und Lob." Martin Meyer, Neue Zürcher Zeitung, 15.02.01 "Kaum ein Schriftsteller nimmt seinen Leser so ernst wie Kundera, kaum einer bietet ihm so viel und fordert zugleich doch nur: Mitgehen und Mitdenken. Schlackenlos ist diese Prosa, gänzlich frei von epischen Aufschäumungen, wie sie die routinierten Romanmaschinerien vieler Kollegen fast zwanghaft hervorbringen. ... Sein neuer Roman ist traurig, melancholisch und überaus tröstlich." Martin Ebel, Berliner Zeitung, 3./4.03.01

"Der Altmeister der Missverständnisse und wunderbaren Illusionslosigkeit hat ein sehr reifes und sehr weises Werk vorgelegt - den perfekten Roman über Heimat und Heimatlosigkeit." Rainer Schmitz, Focus, 12.2.01 "Milan Kundera hat einen brisant aktuellen politischen Roman geschrieben, intelligent und passioniert, komplex und schlank. Dieses Buch setzt Maßstäbe." Gunhild Kübler, Weltwoche, 8.2.01 "Ein kluges Buch voller denkwürdiger Betrachtungen über das Gedächtnis, die Musik und die Zerrissenheit des Menschen." Frankfurter Rundschau Magazin, 10.2.01 "Milan Kundera schreibt in der Unwissenheit seinen Roman von der Unerträglichen Leichtigkeit des Seins weiter... Die Unwissenheit ist ein eindringliches Liebes-Buch über Menschen, die ausziehen müssen und das Fürchten lernen. Zurückkehren können sie nicht." Verena Auffermann, Süddeutsche Zeitung, 17./18.02.01 "Irene und Josef, diese beiden seelenverwandten Leidensgenossen, finden und verzehren sich für einen kurzen Moment. Aber die Möglichkeit ihres gemeinsamen Glücks beruht nur auf einer Lüge, ihr Nähe schlägt abrupt um in Fremdheit. Und so flüchten sie denn, geschickt geführt von einem Reflexionen und Beschreibungen, Erdachten und Erlebtes genial verknüpfenden Autor, aus ihrer alten, verlorenen abermals in ihre neue, fremde Heimat. Zurück bleibt ein von der Erzählkraft Kunderas ebenso verzauberter wie betäubter, von der unaufhebbaren Fremdheit und ausweglosen Heimatlosigkeit der Figuren ebenso angerührter wie erschütterter Leser." Frank Dietschreit, RADIOkultur (SFB/ORB), 01.04.01 "Man muß den Roman wohl zweimal lesen, um ihn ganz zu begreifen. Bei der ersten Lektüre ist man geblendet von der Perfektion. Bei der zweiten ahnt man deren raffinierte Dialektik. (...) ein aufregender Roman, eine literarische Nachbildung des menschlichen Gedächtnisses mit seinen Fäden und Lücken..." Ursula März, Literatur und Kritik (Radio Bremen Zwei), 11.03.01

Kurzbeschreibung

Irena lebt seit zwanzig Jahren in Paris. Sie hat ihre Heimatstadt Prag nach der russischen Besetzung 1968 verlassen. Doch für die Franzosen ist sie immer die Emigrantin geblieben. Nach dem Umsturz 1989 wird sie von ihrer Freundin Sylvie gedrängt, wieder nach Prag zurückzukehren. Und als sie nun zum ersten Mal ihre Heimat wieder besucht, merkt sie, dass sie auch dort nicht mehr hingehört.
Wie so oft in ihrem Leben hat Irena das Gefühl, dass die anderen ihr die Entscheidungen aus der Hand nehmen.Milan Kundera wurde 1929 in Brünn / Tschechoslowakei geboren. Er studierte zunächst Musik, Filmwissenschaften und Literatur in Prag. 1953 veröffentlichte er sein erstes Buch und trat Mitte der fünfziger Jahre auch als Übersetzer, Essayist und Theaterautor an die Öffentlichkeit. 1975 ging er ins Exil nach Paris, wo er heute noch lebt. REASON: review already exists -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Klappentext

Irena lebt seit zwanzig Jahren in Paris, sie hat Prag nach der russischen Besetzung 1968 verlassen. Doch für die Franzosen ist sie immer die Emigrantin geblieben. "Wieso bist du noch hier?", fragt ihre Freundin Sylvie nach dem Umsturz von 1989. Hat es die vergangenen Jahre überhaupt gegeben? Will niemand begreifen, daß die Jahre in Paris Irenas wirkliches Leben sind und nicht nur die verlorene Heimat? Und als sie nun zum ersten Mal Prag wieder besucht, merkt sie, daß sie auch dort nur die "Heimkehrerin" ist. Wie so oft in ihrem Leben hat Irena das Gefühl, dass die anderen ihr die Entscheidungen aus der Hand nehmen: Das Prag, das sie wiederfindet, ist nicht mehr ihre Heimat, das Paris, in dem sie lebt, will ihre Heimat nicht sein. Doch da trifft Irena einen Mann, den sie zu kennen glaubt. War er es nicht, mit dem damals, vor vielen Jahren, eine Liebesgeschichte begann? Josef ist auch Emigrant, ihn hat es nach Skandinavien verschlagen, und plötzlich scheint es möglich, die Erfahrungen, die Erinnerungen mitei n ander zu teilen und ein neues, eigenes Leben zu beginnen. Doch kann man zwanzig Jahre überspringen, ja, ist im Leben etwas wie eine "Rückkehr" überhaupt möglich? Milan Kundera erzählt von dem großen Thema der Heimat und Heima tlosigkeit. Und er erzählt davon, wie wenig man weiß von dem, was der andere erfahren und erlebt hat, wonach seine Sehnsucht, sein Heimweh eigentlich sucht.

Autorenportrait

Milan Kundera wurde 1929 in Brünn / Tschechoslowakei geboren. Er studierte zunächst Musik, Filmwissenschaften und Literatur in Prag. 1953 veröffentlichte er sein erstes Buch und trat Mitte der fünfziger Jahre auch als Übersetzer, Essayist und Theaterautor an die Öffentlichkeit. 1975 ging er ins Exil nach Paris, wo er heute noch lebt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

"Wieso bist du noch hier?" Ihre Stimme klang nicht böse, aber auch nicht freundlich; Sylvie war verärgert. "Wo sollte ich denn sein?" fragte Irena. "Zu Hause!" "Willst du damit sagen, daß ich hier nicht mehr zu Hause bin?" Natürlich wollte Sylvie sie weder aus Frankreich vertreiben noch ihr zu verstehen geben, sie sei eine unerwünschte Ausländerin: "Du weißt schon, was ich meine!" "Ja, weiß ich, aber hast du vergessen, daß meine Arbeit, meine Wohnung, meine Kinder hier sind?" "Hör mal, ich kenne Gustaf. Er wird alles tun, damit du in deine Heimat zurückkehren kannst. Und deine Töchter, erzähl mir doch nichts! Sie haben schon ihr eigenes Leben! Mein Gott, Irena, was bei euch vorgeht, ist dermaßen faszinierend! In so einer Situation lassen sich die Dinge immer regeln." "Aber Sylvie! Es geht nicht nur um die praktischen Dinge, wie Arbeit, Wohnung. Ich lebe seit zwanzig Jahren hier. Mein Leben ist hier!" "Bei euch ist Revolution!" Sie sagte es in ei-nem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Dann schwieg sie. Mit diesem Schweigen wollte sie Irena sagen, daß man nicht desertieren darf, wenn große Dinge geschehen. "Aber wenn ich in meine Heimat zurückgehe, sehen wir uns nicht mehr", sagte Irena, um ihre Freundin in die Zwickmühle zu bringen. Diese sentimentale Demagogie schlug fehl. Sylvies Stimme wurde warmherzig: "Meine Liebe, ich komme dich besuchen! Das verspreche ich, das verspreche ich!" Sie saßen nebeneinander über zwei lange schon leeren Kaffeetassen. Irena sah Tränen der Rührung in Sylvies Augen steigen; Sylvie beugte sich vor und drückte ihre Hand: "Das wird deine große Rückkehr." Und noch einmal: "Deine große Rückkehr." Durch die Wiederholung bekamen die Wörter eine solche Kraft, daß Irena sie in ihrem Innersten groß geschrieben vor sich sah: Große Rückkehr. Sie begehrte nicht mehr auf: sie wurde von Bildern in Bann geschlagen, die plötzlich aus früher Gelesenem, aus Filmen, aus ihrer eigenen Erinnerung und vielleicht auch aus der ihrer Ahnen aufstiegen: der verlorene Sohn, der zu seiner alten Mutter zurückfindet; der Mann, der zu seiner Geliebten zurückkehrt, von der das grausame Schicksal ihn einst fortgerissen hat; das Geburtshaus, das jeder in sich trägt; der wiederentdeckte Pfad, in den die verlorenen Schritte der Kindheit eingeprägt geblieben sind; Odysseus, der nach jahrelangen Irrfahrten seine Insel wiedersieht; die Rückkehr, die Rückkehr, der große Zauber der Rückkehr. 2 Rückkehr heißt im Griechischen nostos. Algos bedeutet Leiden. Nostalgie ist also das von dem unerfüllten Wunsch zurückzukehren verursachte Leiden. Diesen Grundbegriff können die meisten Europäer mit einem aus dem Griechischen stammenden Wort (nostalgie, nostalgia) und außerdem mit anderen Wörtern ausdrücken, die ihre Wur-zel in der Nationalsprache haben: añoranza sagen die Spanier; saudade sagen die Portugiesen. Diese Wörter haben in jeder Sprache eine unterschiedliche semantische Nuance. Häufig bezeichnen sie nur die Unmöglichkeit der Rückkehr in die Heimat. Was im Englischen homesickness genannt wird. Oder im Deutschen: Heimweh. Im Holländischen: heimwee. Doch das ist eine Einschränkung dieses weiten Begriffs auf das Räumliche. Eine der ältesten Sprachen Europas, das Isländische, unterscheidet zwei Ausdrücke: söknudur: Nostalgie in ihrer allgemeinen Bedeutung; und heimfra: Heimweh. Die Tschechen haben neben dem dem Griechischen entlehnten Wort nostalgie ihr eigenes Substantiv, stesk, und ihr eigenes Verb; der ergreifendste tschechische Satz in der Liebe: styska se mi po tobe: ich habe Nostalgie nach dir; ich kann den Schmerz über deine Abwesenheit nicht ertragen. Das spanische añoranza kommt von dem Verb añorar (Nostalgie haben), welches wiederum vom katalanischen enyorar kommt, das von dem lateinischen Wort ignorare (nicht wissen) abgeleitet ist. In diesem etymologischen Licht erscheint die Nostalgie als das Leiden an der Unwissenheit. Du bist fern, und ich weiß nicht, was geschieht. Meine Heimat ist fern, und ich weiß nicht, was dort vorgeht. Manche Sprachen haben einige Schwierigkeiten mit der Nostalgie; die Franzosen können sie nur durch das Substantiv griechischen Ursprungs ausdrücken und haben kein Verb; sie können zwar sagen: je m'ennuie de toi, aber das Wort s'ennuyer ist schwach, kalt, in jedem Fall zu leicht für ein so gewichtiges Gefühl. Die Deutschen benutzen das Wort Nostalgie selten und ziehen Sehnsucht vor: Wunsch nach etwas Abwesendem; aber die Sehnsucht kann sich sowohl auf etwas Gewesenes wie auf etwas nie Gewesenes richten (ein neues Abenteuer) und enthält nicht unbedingt die Idee eines nostos; damit die Sehnsucht das Verlangen nach Rückkehr ausdrückt, müßte ein Objekt hinzugefügt werden: Sehnsucht nach der Vergangenheit, nach der verlorenen Kindheit, nach der ersten Liebe. Die Odyssee, das Gründungsepos der Nostalgie, entstand zu Beginn der antiken griechischen Kultur. Es sei betont, daß Odysseus, der größte Abenteurer aller Zeiten, auch der größte Nostalgiker ist. Er zog (ohne große Lust) in den Trojanischen Krieg, der zehn Jahre dauerte. Danach beeilte er sich, auf seine Heimatinsel Ithaka zurückzukehren, aber die Ränke der Götter verlängerten seine Fahrt zuerst um drei von den phantastischsten Ereignissen erfüllte Jahre, dann um sieben weitere, welche er als Geisel und Geliebter bei der Göttin Calypso verbrachte, die ihn, weil sie ihn liebte, nicht von ihrer Insel fortließ. Am Ende des fünften Gesangs der Odyssee sagt Odysseus zu ihr: "Ich weiß es Selber zu gut, wie sehr der klugen Penelopeia Reiz vor deiner Gestalt und erhabenen Grösse verschwindet... Aber ich wünsche dennoch und sehne mich täglich von Herzen, Wieder nach Hause zu gehen und zu schaun den Tag der Zurückkunft." Und Homer fährt fort: "Also sprach er; da sank die Sonne, und Dunkel erhob sich. Beide gingen zur Kammer der schön gewölbeten Grotte, Und genossen der Lieb', und ruheten neben einander." Im Leben der armen Emigrantin, die Irena lange gewesen war, hatte es nichts Vergleichbares gegeben. Odysseus lebte bei Calypso ein wahres Dolce vita, ein angenehmes Leben voller Freuden. Dennoch wählte er zwischen dem Dolce Vita in der Fremde und der riskanten Rückkehr nach Hause die Rückkehr. Der passionierten Erkundung des Unbekannten (dem Abenteuer) zog er die Apotheose des Bekannten vor (die Rückkehr). Dem Unendlichen (das Abenteuer erhebt ja den Anspruch, nie zu enden) zog er das Ende vor (die Rückkehr ist ja die Versöhnung mit der Endlichkeit des Lebens). Ohne ihn zu wecken, legten die phäakischen Seeleute Odysseus in den Laken am Gestade von Ithaka unter einem Ölbaum nieder und segelten davon. Das war das Ende der Reise. Er schlief, erschöpft. Als er erwachte, wußte er nicht, wo er war. Dann lüftete Athene den Nebel vor seinen Augen, und ihn überwältigte der Rausch; der Rausch der Großen Rückkehr; die Ekstase des Bekannten; die Musik, die die Luft zwischen Himmel und Erde vibrieren ließ: er sah den Ankerplatz, den er seit seiner Kindheit kannte, die beiden Berge darüber, und er streichelte den alten Ölbaum, um
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