Bei Reinhard Jirgl darf man keine Convenience-Literatur erwarten. Da bilden auch die "Unvollendeten" keine Ausnahme. Ganz falsch ist es, die Eingriffe in die übliche glatte Textstruktur durch Kürzel, Numerale, erratische Interpunktion und Orthografie als Manierismen anzusehen. Tatsächlich haben sie zumindest System, und (mit Ausnahme der Numerale) sehe ich den Sinn durchaus ein. Wer das System kennenlernen möchte, lese den Anhang zu "Abschied von den Feinden" desselben Autors.
Wie mächtig die Sprache in diesem Buch ist, zeigt sich beispielhaft an der Beschreibung eines deutsch-tschechischen Grenzdorfes (Reitzenhain), das den sudetischen Vertriebenen als Durchgangsstation dient - eine Abfolge düsterer und bizarrer expressionistischer Bilder und Metaphern, die die Situation sehr plastisch einfängt.
"Die Unvollendeten" sind eine Mischung aus Geschichts- und Geschichtenbuch. Gerade zu Beginn des Buches gibt es längere, berichtartige Passagen, die sich im Verlauf des Buches nach und nach verlieren. Dafür treten die Personen, vor allem Hannah mit ihrer unverrückbaren asketischen Lebenshaltung, umso plastischer in den Vordergrund.
Wer mit Texten von Reinhard Jirgl vertraut ist, wird über die Lesbarkeit sogar erstaunt sein.