Ich denke, Literatur, über die zu sprechen sich lohnt, sollte nicht zu vordergründig sein - Rachmans Buch zeigt diese Tendenz leider ziemlich ausgeprägt. Es ist schlicht vordergründig, wenn Herman Cohen als Chefkorrektor seine Fähigkeiten unterschätzt, die seines Freundes Jimmy aber überschätzt, bis dieser Jimmy ihm genau das mitteilt. Es ist vordergründig und vielleicht für manche Leute spaßig, wenn der Anfänger Winston Cheung, ein typischer Simplex, von einem ausgebufften Aufschneider in grotesker Weise ausgenutzt und vorgeführt wird und schließlich eine Dritte, eine Frau, ihren Job kriegt. Es ist ferner vordergründig, wenn gezeigt wird, wie eine wenig begabte Textredakteurin, Ruby Zaga, altert und wegen mangelnden Erfolges frustriert, einsam und gehässig wird. Auch ist es vordergründig, wenn Abbey Pinnola, Finanzchefin, vorgeführt wird: Sie hat einen Redakteur gefeuert, trifft ihn danach im Flugzeug wieder, er gewinnt ihr Vertrauen, ihre Zuneigung, als sie ihm auf sein Zimmer folgt, stellt er sie wegen der Kündigung zur Rede - so what? Es ist schließlich ziemlich vordergründig, sagen wir bestenfalls informativ, wenn die verschiedenen Episoden um einzelne Typen und Ressorts durch die Geschichte der Zeitung zusammengehalten werden.
Die anderen Episoden zeigen mehr oder weniger den Mehrwert, den Literatur haben sollte: Vertiefung, Symbolik, etwas, was uns nachdenklich oder betroffen machen kann: Warum wird der ausgebrannte, charakterlose Lloyd Burko ausgerechnet von seinem Sohn Jerome aufgenommen, bei dem sich abzeichnet, dass er ein ebensolcher Loser ist wie sein Vater? Es macht mich nachdenklich, wenn ich lese, wie die drahtige, nicht mehr ganz junge Profifrau Hardy Benjamin sich von einem Penner ausnutzen und sogar öffentlich demütigen lässt und nicht wahrhaben will, was da geschieht. Die Geschichte um die alte Dame Orrnella, die Leserin, die jede Zeitung immer erst ganz ausliest, bevor sie zur nächsten greift und im Jahre 2007 erst am 23.4.1994 angekommen ist, hat eine symbolische Ausdruckskraft. Es wird sogar spannend, wenn sie nun nachforscht, warum die nächste Ausgabe vom 24. April 1994 fehlt. - Die noch nicht erwähnten Geschichten sind soso, eher wenig aussagestark.
Sie sind immerhin realitätsgesättigt (aber das ist Journalismus auch). Rachman war selbst Redakteur an der International Herald Tribune in Paris und hat ganz offensichtlich seine genauen Beobachtungen und Erfahrungen ausgewertet. Die Geschichten sind wie Filmscripts geschrieben, locker, leicht, anschaulich. Wem das genügt, der ist mit diesem Buch gut bedient - aber der ganze Hype, der um den Roman herum entfacht wurde, und was da so auf dem Cover steht, das ist wohl doch etwas hoch gegriffen.