Nostalgie ist Erinnerung, die glaubt, sie komme ohne Schmerz, Trauer, Scham, Schuldgefühle und so weiter aus. Das ist ein Irrtum, das ist Selbstbetrug. Dann tut man nur, als ob.
(Zitat aus "Die Unmöglichlichkeit des vierhändigen Spiels", Seite 223)
Die Firma lebt. Mit diesem kurzen Satz wird das Debüt von Stefan Moster eingeleitet. Die gelernte Psychologin, wie sich Almut selbst bezeichnet, ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen und hat die Nase voll von alten Seilschaften und unterirdischen Vernetzungen. Noch immer ist sie dankbar, dass ihr Sohn Sebastian bereits nach der Wende in die Schule kam und daher ihm und ihr viele unangenehme Entscheidungen erspart blieben. Trotzdem ist das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn empfindlich gestört und nach einem Streit hat der Sprössling die gemeinsame Wohnung verlassen. Nun ist bald Weihnachten, beide befinden sich auf hoher See, doch sie ahnen nicht, wie nah sie sich räumlich schon wieder gekommen sind: Almut ist als Bordpsychologin auf einem Kreuzfahrtschiff tätig, auf dem Sebastian die reichen Gäste mit charmanter Klaviermusik unterhält. Werden die beiden Gemeinsamkeiten entdecken, die sie wieder zusammenführt und verbindet? Ist es wirklich einem Zufall zu verdanken, dass sich die beiden auf demselben Schiff befinden?
Aufmerksam beobachtet Almut die Ankunft der Gäste an Bord des Kreuzfahrtschiffes und schaltet sich bei Schwierigkeiten als eine Art Dolmetscher ein. Bald fügen sich Passagiere und Crew in den üblichen Ablauf einer Seefahrt ein und auch die Psychologin bekommt regelmäßig Besuch. Da ist der Bordmanager Gaus, der in der Vergangenheit schwelgt und Almut musikalisch leicht unter Druck setzt, der Pfarrer, der aus Mangel an Beschäftigung einem Computerspielen verfallen ist und unter Gewissensdruck leidet und ein Herr im mittleren Alter, der durch einen kürzlich entdeckten Gedichtsband wieder an eine alte Liebe erinnert wurde. Außerdem berät sie die Ehepaare, die unter der plötzlich so engen Zweisamkeit leiden. Zwischendurch bleibt aber immer noch Raum für eine eingehende Selbstbetrachtung, die nicht ohne gelegentliche Zweifel und Schwankungen zwischen Mut und Feigheit bleibt. Wie gut, dass an Bord noch eine Bibliothek gibt, die von einer sehr herzlichen Sachbearbeiterin betreut wird. Und wenn Almut dann in guter Stimmung ist, spielt sie ihre Lieblingsmusik und wählt ein passendes Stück aus dem wohltemperierten Klavier von Bach aus.
Auch Sebastian studiert das Verhalten der Bordgäste, wenn er abends am Flügel für stimmungsvolle Unterhaltung sorgt. Er registriert die unbeliebten Zweiertische, die nur von Frischverliebten gewählt werden und horcht auf den Geräuschpegel der Unterhaltungen. Auch die erfolgreichen Flirtversuche seines Kojekollegen und Kellner Tintin sind nicht ohne Unterhaltungswert. Während seine Mutter eine Vorliebe für Notenblätter hat, improvisiert Sebastian gerne, um klassische Stücke mit Jazz zu präsentieren. Unverhofft bekommt der Aufenthalt auf dem Luxusliner für den Pianisten eine aufregende Note. Tintin zieht ihn ins Vertrauen und teilt ihm mit, dass sich vier afrikanische Flüchtlinge an Bord befinden. Mit einigen Crewmitgliedern versuchen sie, die Burschen sicher an Land zu bringen, doch die Aktion misslingt. Nun müssen die vier an Bord versteckt werden, doch Gaus und seine Leute haben Lunte gerochen und fanden im Schiff nach schwarzen Pas-sagieren. Auch der psychische Zustand der Schützlinge machen Linda, der Bordkranken-schwester, die mit Sebastian eine flüchtige Liebelei unterhält, große Sorgen. Tintin kommt auf die Idee, die Bordpsychologin um Hilfe zu bitten. Die erste Kontaktaufnahme läuft schief. Fast wären sich Almut und Sebastian schon begegnet. Doch es bedarf noch einiger Schiffsturbulenzen bis Mutter und Sohn zusammen finden.
Mit sehr viel Gefühl und geradezu musikalischer Virtuosität präsentiert der Autor sein erstes Werk. Er lässt seinen Figuren sehr viel Raum für Betrachtungen und Entwicklungen. Der Leser kommt sich vor, als könnte er zwei Tagebücher sehr unterschiedlicher Personen lesen und doch entdeckt man bei beiden Gemeinsamkeiten. Almut trägt schwer an den Altlasten der Vergangenheit. Sie ist nachdenklich und ein wenig grüblerisch. Feste Vorgaben und Regeln liegen ihr, aber wie sie die unerfüllte Sehnsucht nach einer Verbindung zu ihrem geliebten Sohn stillen soll, bereitet ihr Kopfzerbrechen. Während seine Mutter über Vergangenes nachdenkt und sich um die Zukunft Sorgen macht, lebt Sebastian in der Gegenwart. Mit jugendlicher Frische berichtet er von seinen Erlebnissen an Bord. Noch hat er keinen festen Platz im Leben gefunden und sein Stilmittel ist die Improvisation. Doch der Job an Bord ist kein reines Abenteuer und während Sebastian sich der Verantwortung neuer Aufgaben stellt, kann er sich auch mit jüngster Auseinandersetzung mit seiner Mutter befassen.
Stefan Moster ist ein beeindruckendes Werk gelungen, das wichtige Themen wie z.B. die Aufarbeitung der DDR-Zeit, aber auch das zeitlose Spagat zwischen Vertrauen und Verrat, sehr behutsam behandelt.
Mit seinen knapp 450 Seiten ist der Roman gerade noch handlich geblieben. Die Aufmachung des Buches ist ansprechend. Der Text ist in angenehm lesbarer Schriftart und -größe gehalten und mit dem roten Lesebändchen findet man auch leicht die Stelle wieder, bei der man die Lektüre zuletzt beendet hatte.