Der weltberühmte Pianist Mr. Ryder soll in einem nicht näher definierten Ort (möglicherweise in Österreich, Deutschland, Frankreich oder der Schweiz) ein Konzert geben. Ein Konzert, das außerordentlich wichtig für die Stadt ist, weil nebst einem Auftritt Ryders in diesem Konzert der ehemalige Dirigent Brodsky nach vielen Jahren der Alkoholexzesse wieder das Musikgeschehen der Stadt führen soll und weil der Sohn des Hoteldirektors auch sei Debüt als Pianist geben soll.
Ryders Terminplan ist voll, nur kennt er ihn nicht. Er weiß auch noch nicht, welches Werk er beim Konzert spielen wird. Etwas, dass im Konzertbetrieb natürlich unmöglich wäre; was aber in diesem Roman symptomatisch für die Entwicklung ist.
Ryder wird gleich auf den ersten Seiten vom Hotelpagen Gustav angesprochen, der ihm von seiner Leidenschaft für den Stand des Hoteldieners erzählt, um dann zu einer Erzählung über seine Tochter Sophie und deren Sohn zu sprechen. Nebenbei bittet er Ryder, zwischen ihm und seiner Tochter zu vermitteln, da die beiden seit vielen Jahren zwar Sichtkontakt hätten, aber nur über den Sohn kommunizieren würden. Als Ryder Sophie trifft, vermittelt sie ihm das Gefühl, kein Unbekannter zu sein, sondern gar möglicherweise ihr Mann, wahrscheinlich sogar Vater des Kindes. Ryder spielt mit, beginnt sich auch immer mehr an gemeinsame Szenen zu erinnern, bis er sich selbst aktiv in der Rolle des Mannes und Vaters sieht. Immer mehr Menschen, zum Teil aus seiner Vergangenheit, zum Teil ihm unbekannt, wenden sich an ihn, um Hilfe oder Interviews bittend. Ryders Unvermögen, nein zu sagen lässt ihn immer wieder Termine verpassen, während er in geheimnisvolle Situationen gerät und stundenlange Autofahrten macht, oder Straßenbahnfahrten, die in eine Art Niemandsland führen, nur um dann von dort durch hinter Türen verborgene Treppen wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren.
Nichts ist wie es scheint. Ryder gerät in absurde Situationen, in denen seinen Mitmenschen lautstark über ihn reden, ihn scheinbar, obwohl er daneben steht, nicht bemerken, wird politisch missbraucht, in dem man ihn vor dem Haus eines umstrittenen ehemaligen Musikdirektors der Stadt (meine Vermutung) posieren lässt.
Man fragt sich, ob Ryders doch immer wieder auftretende Erinnerungsfetzen wirklich auftreten, oder ob sie nur aus seiner Schwäche, nein zu sagen heraus resultieren. Warum Ryders ehemalige Schulfreunde in dieser Stadt auftauchen, ist auch unklar. Und so muss man sich damit abfinden, dass dieser Roman sehr bald Dimensionen des Unwissens erreicht, die man selten beim Lesen eines Romans hat.
Je näher der Konzerttermin rückt, desto ferner scheint sich Ryder von diesem wegzubewegen. Intrigen um den Versuch, Brodsky mit seiner Exfrau erneut zusammenzubringen, scheinen Ryder in den Mittelpunkt zu stellen. Ryder ist auch hier als passiver Beobachter unbewusst aktiv.
Beeindruckend ist, wie Kazuo Ishiguro mit der Zeit umgeht, man hat das Gefühl, in slow-motion zu lesen, bzw. Zeuge der Aufhebung der Zeit, wie wir sie kennen, zu sein. Schön auch, wie man immer wieder eine gehörige Portion Humor durchscheinen spürt.
Das Programm des Romans scheint eine art ewige Verirrung, bzw. ein permanentes Herumirren des Protagonisten zu sein, ein perpetuum mobile, das man, wenn man will, auf die Frage nach dem Sinn des Lebens umwälzen könnte. Und so ist die Entwicklung am Ende dann doch überraschend, denn auch wenn sich nichts an den permanent auftretenden Hindernissen nichts ändert, so beginnt in Ryder Auflehnung zu wachsen, die in einer Schimpftirade ausbricht.
Mehr möchte ich zum Ende und den verschiedenen Entwicklungen dieses Buches nicht sagen, um nicht zu viel zu verraten.
Kazuo Ishiguros Roman als Spiel der Wahrnehmung? Als konsequentes Irreführen über den fiktiven Zustand des Seins? Oder als auskomponierter (Alb)Traum, aus dem man mit dem Zuklappen des Buches aussteigt?
Frappierend, wie kontrolliert langsam Ishiguro seinen 701 Seiten langen Roman als surreales Flickwerk inszeniert, wie scheinbar unwichtige Elemente aus den vermeintlich am Punkt vorbei gehenden Dialogen in die durch immer stärkere inkonsequente Einschübe gezeichnete Schlussphase passen.
Kazuo Ishiguros "Die Ungetrösteten" ist ein großartiger und mutiger Roman, auf den man sich jedoch bewusst einlassen muss, dem man Zeit geben muss, den man nicht mit den üblichen Fragen zur Glaubwürdigkeit der Aktionen messen darf, den man sich erarbeiten muss, der viel Zeit in Anspruch nimmt, mitunter auch ein wenig Verzweiflung auftreten lässt, der den Leser aber sicher nicht ungetröstet zurücklässt, sondern um eine literarische Erfahrung der Extraklasse reicher, auch wenn möglicherweise nicht alle Fragen beantwortet sind...