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Die Unfähigkeit zu trauern: Grundlagen kollektiven Verhaltens [Taschenbuch]

Alexander Mitscherlich , Margarete Mitscherlich
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
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Kurzbeschreibung

September 2007
»Es wäre ein Gewinn, wenn das Interesse an dem Thema auch Leser, die sich bisher mit Psychoanalyse überhaupt nicht beschäftigt haben, dazu führen würde, einen ersten Schritt in diese in Deutschland lange Zeit unterdrückte Gedanken- und Erkenntniswelt zu machen. Wer die Jahre vor 1933 noch einigermaßen bewusst, wenn auch jugendlich miterlebt hat, kann heutzutage nur staunen, wie ahnungslos die Generation der jetzt 40-Jährigen diesem ganzen Komplex gegenübersteht. Worte wie ›Minderwertigkeitsgefühl‹ oder ›Unbewusstes‹ mögen sich zwar in unserer Sprache eingebürgert haben, doch zum Beispiel ein Begriff wie ›Übertragung‹ begegnet vollkommenem Unverständnis.« Margret Boveri

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Produktinformation

  • Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: Piper Taschenbuch; Auflage: 24 (September 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3492201687
  • ISBN-13: 978-3492201681
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12 x 3,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 57.229 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Produktbeschreibungen

Rezension

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Die Unfähigkeit zu trauern
OA 1967 Form Studie Bereich Sozialpsychologie
Das Buch Die Unfähigkeit zu trauern mit dem Untertitel Grundlagen kollektiven Verhaltens, das Alexander Mitscherlich gemeinsam mit seiner Frau Margarete Mitscherlich verfasste, bringt eine weit verbreitete Stimmung in der Bundesrepublik Deutschland der 1960er Jahre auf den sozialpsychologischen Begriff. Es beschäftigt sich mit der offensichtlichen Verweigerung, die Folgen der NS-Herrschaft affektiv und rational adäquat zu bewältigen. Die Unfähigkeit zu trauern sei ein Problem der Öffentlichkeit in Deutschland, weil es den Menschen immer noch schwer falle, Konsequenzen ihrer Handlungsweise während der NS-Zeit in ihren Nachwirkungen zu akzeptieren.
Inhalt: Die Studie beginnt mit der Feststellung, dass die Mehrzahl der Deutschen nach 1945 die Geschehnisse der NS-Zeit aus dem sog. kollektiven Bewusstsein eliminiert habe. Die Nation habe in der Person Hitlers über ein geliebtes Führungsobjekt verfügt, das sie dann verlor. Der »Führer« habe für den überwiegenden Teil der Deutschen die Funktion des Ich-Ideals gehabt; demnach seien sie auch bereit gewesen, Hitler in blinder Ergebenheit Gefolgschaft zu leisten, Verbrechen zu begehen und sogar für ihn zu sterben. Nach dem Tod Hitlers hätten die Deutschen demzufolge in tiefe Trauer verfallen müssen. Dies sei jedoch nicht geschehen; vielmehr trat eine gewisse Erleichterung ein, und der anstehende Wiederaufbau nahm alle Kräfte in Anspruch.
Das verhältnismäßig rasch folgende »Wirtschaftswunder« führte zu einem kollektiven Überlegenheits- und Hochgefühl, das die Zeit des Nationalsozialismus mit seinen Verbrechen ausblendete. Der Prozess des Vergessens, der Verdrängung und Tabuisierung wurde immer mächtiger, was dazu führte, dass die nationalsozialistische Vergangenheit kaum aufgearbeitet worden sei. In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens habe es 1945 daher keine »Stunde Null« gegeben. In ungebrochener Kontinuität seien 1949 Personen und Strukturen von der neu gegründeten Bundesrepublik, die bald zu weltweiter wirtschaftlicher Geltung gelangen sollte, übernommen worden. Die Deutschen hätten gelebt, als habe es Hitler und die NS-Zeit nie gegeben.
Alexander und Margarete Mitscherlich treten für eine kollektive Aufarbeitung der Geschehnisse im Dritten Reich ein, damit sich Derartiges nicht wiederhole. Sie fordern eine Bewältigung der Vergangenheit in analytischer Reflexion. Die Autoren befassen sich also mit kollektivpsychologischen Problemen, die sie gemäß der Lehre der Psychoanalyse, bei der es sich aber hauptsächlich um eine Individualpsychologie handelt, lösen wollen; sie legen als Analytiker gewissermaßen die gesamte deutsche Nation auf die Couch.
Wirkung: Der originelle Ansatz entfaltete unter bundesdeutschen Intellektuellen größte Wirkung, wurde von vielen Anhängern der 68er Protestbewegung begeistert aufgenommen und machte nicht an den Grenzen der Bundesrepublik Halt. Das Buch wurde in fast alle Weltsprachen übersetzt und machte seine Autoren im In- und Ausland bekannt. W. G.

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Mitscherlich, Alexander dt. Psychoanalytiker und Publizist * 20.9.1908 München, † 26.6.1982 Frankfurt/Main Medizin ohne Menschlichkeit, 1949 Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, 1963 Die Unfähigkeit zu trauern, 1967 Alexander Mitscherlich gilt als einer der bedeutendsten Psychoanalytiker und Publizisten der Nachkriegszeit. Vor allem wegen seiner individualpsychologisch fundierten Gesellschaftskritik, in der er sich mit der NS-Zeit auseinander setzte, stieß er bei vielen Intellektuellen, insbesondere der 1968er Studentengeneration, auf große Zustimmung. Nach einem geisteswissenschaftlichen Studium und Verhaftungen durch die Nationalsozialisten wegen politischer Betätigung studierte Mitscherlich ab 1933 Medizin in Zürich und später in Heidelberg. 1946/47 nahm er als Beobachter und Berichterstatter am Nürnberger Prozess gegen führende NS-Ärzte teil (Medizin ohne Menschlichkeit). 1949 gründete Mitscherlich an der Universität Heidelberg die Abteilung für psychosomatische Medizin, die er selbst leitete. 1952 wurde er in Heidelberg zum Professor ernannt. Ab 1960 war Mitscherlich Leiter des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt/Main, einer Lehr- und Forschungseinrichtung für Psychoanalyse. 1966 wurde er an der Frankfurter Universität zum Lehrstuhlinhaber für Psychologie berufen. 1969 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Mitscherlich war bestrebt, psychoanalytische Methoden und Erkenntnisse auf gesellschaftliche Erscheinungen anzuwenden. Seine Kritik an wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Phänomenen richtete sich an psychologischen Gegebenheiten aus. In der Medizin trat Mitscherlich dafür ein, das Krankheitsgeschehen als einen vielschichtigen psychosomatischen Vorgang aufzufassen. Biografie: H.-M. Lohmann, Alexander Mitscherlich (rm 50365).

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
30 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch
... eine deutsche Art zu lieben. So lautet der erste Teil dieses Buches. Warum gebe ich fünf Sterne?

1. weil mir das Buch inhaltlich äußerst wertvoll erscheint. Es trägt zum Verständnis des menschlichen Verhaltens bei, indem es auf psychoanalytische Weise untersucht, wie wir Unangenehmes und Unverstandenes leugnen, bekämpfen und unterdrücken und wie das alles Ressentiments schafft, die sich kraft der Identifikation mit einer Führer-Gott-Vater-Figur und durch aggressive Projektion auf Feindbilder ("Sündenböcke") im Außen entladen. Dadurch verschwindet vorübergehend Aggression aus dem Binnenraum - Beispiel Nazizeit, wo die Entmenschlichung der Opfer ungeahnte Ausmaße annahm, um mithilfe einer Rationalisierungsstrategie namens "Moral" das Gewissen aus dem Spiel zu lassen.

"Unter dem Diktat der Verleugnung ist der Kommunismus nichts als eine Irrlehre für uns geblieben wie einst der Mohammedanismus oder der Protestantismus; uns als Rechtgläubige braucht das nicht zu interessieren, es genügt, wenn wir verabscheuen." (S. 70)

2. weil der Stil nicht anklagend (wenn auch durchaus nicht optimistisch!) wirkt, sondern im Gegenteil Mut macht, den eigenen Scharfsinn zu kultivieren und Toleranz zu üben, indem der Kreis von Triebbedürfnis-Reflexion-Mitgefühl zustande kommt. Und weil wesentliche Begriffe wie Kultureignung, kritisches Ich, Sozialisation, Identifikation mit dem Aggressor, das Zusammenspiel von Affekt-Verstand-Wille-Handlung etc. unter anderem auch mit Anleihen an Freud (Zeitgemäßes über Krieg und Tod) und Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches), auch Le Bon (Psychologie der Massen) gut erläutert werden.
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Shaun TOP 1000 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Das am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt forschende und lehrende Ehepaar Mitscherlich hat 1967 aus einzeln erschienenen Aufsätzen diesen Klassiker der Sozialpsychologie veröffentlicht. Ausgehend von der Psychoanalyse deutscher Erwachsener und ihrem Erleben der Hitlerdiktatur wie auch der Nachkriegsjahre unter Adenauer wird der interessante Versuch eines Transfers auf die gesamtdeutsche psychische Befindlichkeit unternommen, wie schon der Untertitel "Grundlagen kollektiven Verhaltens" suggeriert.

Im für mich wichtigsten ersten Teil "Die Unfähigkeit zu trauern - womit zusammenhängt: eine deutsche Art zu lieben" wird der Frage nachgegangen, wie es eigentlich zu dieser ausgeprägten Abwehrhaltung und Verdrängung der Nazizeit im öffentlichen wie auch privaten Bewusstsein Nachkriegsdeutschlands kommen konnte. Ähnlich wie man in der Hitlerzeit alle Ich-Ideale auf den Führer geworfen hatte und darin hoch-lebte, musste doch eigentlich eine fruchtbare Trauerarbeit einsetzen, sobald dieses Ich-Ideal durch Hitlers Selbstmord, das Gewahrwerden der Nazi-Greuel und den verlorenen Krieg abhanden gekommen war. Stattdessen setzte aber aus dieser narzisstischen Kränkung heraus eine riesige Verdrängung ein, und Hitler war plötzlich an allem Schuld, was man doch vorher selbst mitgetragen hatte.

Das Buch hatte eine enorme Wirkung für die weitere Aufarbeitung unserer dunklen Vergangenheit. Es war bei seinem Erscheinen kontrovers diskutiert, viele empörten sich über die beiden Analytiker und fühlten sich geschulmeistert.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einfach gigantisch!!! 24. September 2012
Von karlovac
Format:Taschenbuch
Alexander und Margarete Mitscherlich haben ein Meisterwerk geschrieben.

Im ersten Teil des Buches befassen sie sich mit der deutschen Nachkriegsgeschichte: der Ablösung vom Idol und der Flucht ins Selbstmitleid, ohne zu reflektieren, dass der Zerstörungswut der Alliierten noch größere Zerstörungswut der Nazis vorging.

Im zweiten und dritten des Buches behandeln sie einzelne Themen (Tabus, Vorurteile, Moral) im Allgemeinen. Die Hinweise auf Hitler oder Stalin treten eher in den Hintergrund. Im vierten Teil befassen sie sich mit der Pubertät und den verschiedenen wichtigen Rollen der Eltern und der Gesellschaft bei der Entwicklung junger Menschen. Anschließend gehen sie dann auf die Toleranz, das soziale und persönliche Ich sowie die politische Autorität über.

Das Buch ist fast eine Offenbarung. Hier geht es nicht darum, auf die Deutschen mit dem Finger zu zeigen, sondern sich mit der Realität auseinander zu setzen. Jede Kultur hat in dieser Hinsicht Arbeit nachzuholen. In meiner Kultur hatten wir auch ein Idol (Tito) und wir müssen uns auch weiterhin mit dem Jugoslawienkrieg auseinandersetzen.

Weiterhin kann man so viele Parallelen in der Gegenwart finden. Wir Menschen fallen eben sehr schnell in das Schema des Selbstmitleids, ohne zu reflektieren, welches eigene Verhalten den Ereignissen vorging. Ein Beispiel: Die Amerikaner stöhnen immer laut auf, wenn ein Amerikaner ums Leben kommt, ohne zu reflektieren, welche Rolle sie bei der Zerstörung anderer Gebiete gespielt haben. "Wir dürfen, ihr nicht" ist das Motto. Ich könnte so viele Beispiele aufzählen.

Weiterhin leben wir in einer schnellen Welt, überfüllt mit Überstunden und Zeitknappheit.
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