Wenn einer so erzählt von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen wie David Lindley, dann macht nicht nur das Lesen Freude, sondern man erfährt auf relativ verständliche Weise einen Erkenntniszuwachs in der beschriebenen Materie und lernt, größere Zusammenhänge herzustellen und sich im vernetzten Denken zu üben.
Das vorliegende Sachbuch des amerikanischen Astrophysikers und späteren Wissenschaftsjournalisten dreht sich um eine Entdeckung in der Physik, die damals heftig umstritten war, heute aber seit langem zu den Grunddaten der theoretischen Physik gehört. Die Rede ist von der sogenannten Heisenbergschen "Unbestimmbarkeitsrelation", im Deutschen oft als "Unschärferelation" bezeichnet.
Erst 25-jährig formulierte der deutsche Physiker Werner Heisenberg 1927 eine wissenschaftliche Arbeit, die ebenso einfach und elegant wie bestürzend war. Er behauptete und bewies nichts anderes, als dass zwei wichtige physikalische Größen wie Zeit und Energie nicht gleichzeitig exakt und genau gemessen werden können. Wenn man eine Information wie etwa über die Zeit erhält, wird die andere beobachtete, in diesem Fall die Energie, ungenau.
Während etwa Albert Einstein sich zeitlebens heftig gegen Heisenbergs für die Physik und die ganze Weltsicht revolutionäre Einsicht wehrte, erkannte der dänische Physiker Niels Bohr sofort die Brisanz und Tragweite der Entdeckung. Heisenbergs Entdeckung erschütterte nicht nur die Physik, sondern traf auch mitten in eine Weltsicht, die 1927, nach dem schrecklichen Ersten Weltkrieg und der bevorstehenden, sich schon ankündigenden großen Weltwirtschaftskrise, in ihren bisherigen Grundfesten erschüttert war. So nimmt es nicht Wunder, dass schon bald die Bedeutung der Unschärferelation" in der Philosophie und in der Kultur des Alltags aufgegriffen und antizipiert wurde Denn wie das so ist mit dem Zeitpunkt von wissenschaftlichen Entdeckungen: Es ist eben kein Zufall, dass Heisenbergs Erkenntnis hineinfiel in eine Zeit, in der das bislang sichere Lebensgefühl der Menschen durch den Ersten Weltkrieg zutiefst in Frage gestellt und verunsichert war.
David Lindley zeichnet diese Entwicklung auf hervorragende Weise nach. Er beschreibt weiter, wie sich Heisenbergs Entdeckung in anderen Wissenszweigen ausweitete und zeichnet gelungen den Kampf der damaligen Physiker um die richtige Erkenntnis nach. Positionierungsdrang und Profilierungssucht paarten sich mit dem ernsten Versuch die physikalischen und philosophischen Wahrheiten zu entschlüsseln. Wir lernen als Leser die biographischen und sozialen Hintergründe der Physikerpersönlichkeiten kennen: Einstein, Schrödinger, Pauli, Bohr und Heisenberg.
Die Geschichte der Heisenbergschen Entdeckung und ihre Folgen für die Physik und andere Wissenschaften steht im Zentrum eines gut lesbaren Buches, das sich auch am Rande mit der Rolle der Physiker im NS-Staat befasst. Lindley vermag es, anschaulich zu erklären und ermöglicht so auch dem physikalischen und naturwissenschaftlichen Laien nicht nur Lesefreude sondern Erkenntniszuwachs ohne besondere Vorkenntnisse.
Insofern ist es ein vorbildliches populärwissenschaftliches Buch, dass dennoch in die Tiefe geht und immer verständlich bleibt. Anmerkungen und Literaturhinweise ermöglichen dem interessierten Leser eine weiterführende Lektüre. Ein absolut empfehlenswertes Buch.