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am 2. Dezember 2007
Mit "Die Unbeholfenen" hat B. Strauss ein Buch vorgelegt, dass den Interpretierenden viel Leine lässt. Der Erzähler gerät über seine Freundin in deren Familie (in der, sehr wichtig, die Mutter ("M/other") fehlt) und stellt fest, dass er in den Diskursen, die dort auf sehr hohem Niveau geführt werden, nicht mithalten kann. Und tatsächlich stellen diese Diskurse über eine mögliche Signatur der Moderne sehr hohe Anforderungen an den Leser; um die Anspielungen zu bgreifen muss man sich in Dichtung und Philosophie (und - Skandal ! - Psychoanalyse) gut auskennen: Heidegger, Hofmannsthal, Hölderlin, Kleist u.a. (Hitler, typisch für Strauss und wie er aufklärerisch tätig ist) gut auskennen. Das ist aber alles nur Symptom: Bedient man sich einer gewissen analytischen Leseart, so wird der Sinn des gesamten erst nach den letzten Seiten klar: was das Leben ist (wird) ohne Liebe; ohne "das Objekt", das stets "das Andere, Unantastbare" (Mutter = M/other) zu sein hat. Und es helfen keine Surrogate: will man "heil aus dem Leben raus kommen" muss man da durch, bis man das Wahre gefunden hat: um dann festzustellen, dass man es nicht besitzen kann.
Ein großartiger Wurf. Unterhaltung auf höchsten Niveau; wenn man will erledigt in einem Nachmittag.
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am 19. Oktober 2007
Botho Strauß könnte wohl Anspruch darauf erheben, zu der Gesellschaft, an der er leidet und die ihn mit jeder Entwicklungsfacette (oder Regression) wieder in ihren Bann schlägt, seit langem persönlich die größtmögliche Distanz zu halten. Das schützt ihn weitgehend vor falscher Vereinnahmung, verleiht ihm die Aura des Unbestechlichen. Von dieser Warte aus gestaltet er seine schriftstellerische Existenz, mit der er doch - wie sein "Bocksgesang" wohl am deutlichsten gezeigt hat - auch in die Gesellschaft hineinwirken möchte.

Mit den "Unbeholfenen" hat er diesen Bocksgesang variiert und aktualisiert, ihn gleichsam zur literarischen Summa Bothonis fortentwickelt. Den Rahmen für diese vorläufige Gesamtabrechnung mit dem Zeitgeist und seinen Begleitentwicklungen bildet eine geschlossene Gesellschaft à la Sartre, eine nahezu hermetisch abgeriegelte Geschwistergruppe, die einander wechselseitig Thesen und Einschätzungen zur Bestimmung der desolaten gegenwärtigen Kultur- und Geistesverfassung vorlegt.

Dieser nun also dichterisch ins Werk gesetzte hortus conclusus fungiert als hohe Bewusstseinsfeste, als Epochenseismograph und -tribunal in einem. In seiner Analyse des geisttötend-fatalen Mahlstroms der Zeit, der eine unausweichliche "Infodemenz" erzeuge (S. 65), zeigt sich Strauß wieder und wieder glänzend disponiert. Dabei hält er sich keineswegs mit Pappkameraden auf, sondern steuert frontal zu auf offenbar auch ihm unheimliche Herausforderungen wie den Klimawandel (S. 59f.) und die im World Wide Web 2.0 ff. entstehenden Parallelwelten. Sein Verarbeitungsmuster gleicht in beiden Fällen der Abwehrhaltung des Gelähmten, der sich gleichwohl in sein Schicksal bereits ergeben hat.

Die wichtigste Verlustanzeige beruht auf dem Eindruck: "Die Menschen sind nur noch als Menschheit interessant. [...] Die Farbe Mensch ist lichtlos geworden. Niemand kennt mehr das Geheimnis ihrer feineren Valeurs. Das Inkarnat - das Humanat, das man jetzt aufträgt, hat mit dem Farblicht der alten Meister nichts mehr gemein." (S. 56f.) Mit der "Schwarm-Intelligenz" der alles durchwirkenden elektronischen Vernetzung kann Strauß schlecht leben. (S. 66ff.)

Es ist nun aber ein irritierend enger kulturhistorischer Bezugsrahmen, dem er huldigt. Nicht nur, dass ihm schwant, er sei der letzte Deutsche (S. 83), sondern mehr noch macht eine deutsche Romantik als Kernidentifikationsraum stutzig: "Was es im Deutschen an höherem Bewußtsein gab, war immer romantisch, gleichgültig zu welcher Epoche. Romantisch nenne ich alles, was lebt, um sich zu sehnen. Oder [...]: alles was unvollendet bleibt, halb gelesen, halb entschlüsselt, halb erkannt. Und einen unstillbaren Antrieb zurückläßt. Anders ergeht es den Menschen der erleichterten Welt. Sie leben ausschließlich mit dem, was ist, was da ist, zuhanden. Wahrscheinlich sind die Heutigen überhaupt die größten Zuhandenheitsartisten der Weltgeschichte." (S. 95)

Weiß Strauß, wie schmal sein Brunnenloch gerät, wenn er auf diese Weise vom schönen Abgelebten spricht, dem man zugehört? (S.89) Ist er sich dessen bewusst, dass die Romantik ohne Kant so wenig einen Sinn ergibt wie Platons Philosophie ohne Sokrates, ja ohne Thales und Anaxagoras? Eigentümlich auch die Ansicht, nach Bismarck sei nur noch Unausgereiftes (also Pueriles, wenn nicht Infantiles) zum Vorschein gekommen (S. 54). So sehr Strauß auch hier wieder auf jenen Abstand zur Gegenwartsgesellschaft hält, der ihn befähigt, ihr einen in vielerlei Teilstücke zerbrochenen Spiegel vorzuhalten, so wenig Ansatzpunkte ergeben sich für die Vision eines Heilungsprozesses in Bezug auf Individuum und conditio humana. Sein Befund zur Lage der Nation ist perspektivlos: "Wie ist es möglich, dass der Geist, dieser deutsche eben, so gewaltig und ertragreich an sich gelitten hat, um am Ende von einem ausgelöffelten Jogurtbecher nicht unterscheidbar zu sein?" (S. 83)

Als mit der Rückkehr der Mutter in den von den Geschwistern unterhaltenen intellektuellen Kühlraum das "Böse der Banalität" (S.54) wieder Einzug hält - das Erkennungszeichen der wieder auflebenden Normalität ist frisch gebackener Pflaumenkuchen -, kommt ein Allerweltsfamilienleben in Gang, in dem keiner der analytisch-kritischen Gedanken der hortus-Situation mehr Platz hat. Der ganz gewöhnliche zwischenmenschliche Alltagsvollzug regiert: Der Aufklärungsimpuls erstickt an der Fütterung.

Wann und wem, wenn überhaupt, die vom Bösen der Banalität erlösende "Chiffre aller Chiffren" einkommen wird, muss offen bleiben. Denn - so dürfen wir Strauß' halb resignativen, halb hoffnungsvollen Ausklang (S. 121) vielleicht auslegen - den Seinen gibt es der Herr im Schlaf.

Was lässt sich festhalten von diesem Buch? Für die Mühen der Gegenwartsbewältigung fehlt der Zugang - und doch: Die Auseinandersetzung mit den Botschaften dieses einen unter nicht so vielen lebenden Meistern unserer Sprache lohnt einmal mehr.
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am 2. März 2010
Prosa im Sinne des Gattungsbegriffs einer Literatur, die Welt ausbreitet, ist es nicht, was Botho Strauss in diesem schmalen Bändchen anbietet. Diese Feststellung möchte weniger kritisieren als eben anmerken, dass man unter einer Novelle ' auch unter einer 'Bewusstseinsnovelle' ' gemeinhin etwas anderes erwartet als einen Essay, den der Autor auf belletristischen Stelzen daherkommen lässt.

Wenn es überhaupt eine Story gibt, dann ist die synthetisiert bzw. montiert: Ein recht unbedarfter junger Mann, gleichsam eine moderne Variante Hans Castorps, gerät in eine Geschwisterfamilie, die sich dem Kulturverfall in hermetischer Abgeschiedenheit verweigert und in einem alten Haus, mitten in einem Gewerbegebiet, eine Bewusstseinexistenz intellektuell autonom zu behaupten sucht. In feuilletonistisch brillierender Sprache diagnostizieren die Akteure den Untergang des Abendlandes, aphoristisch verdichtet, alle Kronzeugen aus Erbe und Moderne aufrufend, offenbar in dem hohen Anspruch, etwas so Grundsätzliches hinzustellen wie den Hofmannsthalschen Chandos-Brief, der selbstredend auch satt zitiert wird.

Der Held kommentiert, nein er moderiert die geschliffenen Wortwechsel wie ein simpler Conferencier. Man könnte die ganze Zeit Sätze und Sentenzen anstrichen, weil man es so plastisch, so treffend, so eindrucksvoll noch nie gesagt fand, nicht mal bei Spengler selbst, obwohl der pessimistische Grundton sich allerorten in der Qualitätspresse findet. In der Philosophie ist die Dialogform zwar klassisch tradiert, allerdings ohne dabei so etwas wie Prosa gestalten zu wollen. Denn konventionelle Prosa ist 'Die Unbeholfen' nicht. Alle sprechen in derselben gebildeten Diktion, die Gedanken kulminieren inhaltlich, werden geschärft und pointiert, aber die Handlung bleibt statisch und würde als Hörspiel oder bernhardeskes Drama gut funktionieren.

Am Ende wendet sich alles waghalsig ins Reziproke, vielleicht weil doch noch eine 'unerhörte Begebenheit' im Sinne des Goetheschen Novellenbegriffs her muss. Geschehen und Gedanken münden abgebremst in einen diffusen Schluss mit aufwendiger kulturkritischer Pastorale. Sprachlich von brillanter Anmutung, intellektuell treffsicher, ansonsten ein gedankliches Konstrukt. In jedem Fall geistreich und voller stilistischer Noblesse.
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am 14. Juni 2008
Botho Strauss' literarische Größe liegt in der Präzision seiner Sprache und Bilder, die doch so vage bleiben, dass nicht alles gesagt wird, was zu sagen wäre. Botho Strauss hat mir gerade darin immer sehr gut gefallen. Denn, nicht nur in diesem Buch, in dieser Bewusstseinsnovelle wird deutlich:

Die Unbeholfenheit des Menschen und mithin der Leser besteht darin, dass sie Wahrheit Suchende sind und doch in dem, in dem sie Sinn erblicken, nur einen momentanen Aspekt einerGewissheit in Händen halten. Die Unbeholfenen sind wir alle, die im Fortgang einer Geschichte oder eines Lebens oder einer Lebensgeschichte auf der Suche nach sich selbst nur die momentanen Aspekte einer tieferen Gewissheit in Händen halten, an der sie nicht länger festhalten können, als es sie nicht fort und weiter treibt. Botho Strauss' sprachliche Präzision hat genug symbolische Vagheit, die seine Texte zur Novelle werden lassen, zu einer des modernen Bewusstseins, das auf der Scholle seines Daseins dahintreibt, ohne zu wissen, wohin es wirklich geht, aber im Bewusstsein, alles müsse irgendwohin führen.

In dieser Weise konstruiert er den Protagonisten dieser Novelle. Er steht zwischen Menschen, an die er eine Annäherung, die er nicht finden kann. Er treibt bewusstseinsmässig auf sie zu und immer wieder nur von diesen weg. Daher ist auch dieses Buch eines der großen dieses Autors, einfach ein schönes Buch, das man nicht sehr schnell lesen kann, besonders, wenn man zwischen den Zeilen mitzulesen weiß.

Meine Bewertung generell lautet: 5 Sterne = absolut herausragend (Weltliteratur oder Tendenz zu Weltliteratur); 4 Sterne = sehr gut, sehr zu empfehlen; 3 Sterne = wirklich gut, zu empfehlen; 2 Sterne = lesenswert, aber nicht ganz überzeugend; 1 Stern = abzuraten.
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am 13. Januar 2008
Diesen schmalen Band als "Novelle" zu klassifizieren grenzt an Etikettenschwindel. Strauss hat eine elitäre kleine Gesellschaft in einem Elfenbeinturm versammelt und lässt sie in gestelzten Sätzen über die verrohte Welt da draußen räsonnieren: '"Die Stärke des Menschen ist nicht, Katastrophen zu verhindern, sondern mit ihnen fertig zu werden.'"(S. 60) Damit hat Strauss zweifellos Recht und der Seitenhieb auf die umweltbewegten Weltverbesserer ist sicher gelungen. Aber solche Anmerkungen zum Weltgeschehen sind ihm nicht genug. In getragen elegischem Tonfall ergreift einer nach dem anderen in diesem Trupp das Wort und gibt Schwülstig-Wichtiges von sich, wobei für den literarisch und philosophisch Eingeweihten all die Anspielungen sicher reizvoll sind. Ernst Jünger und Handke lassen grüßen. Letztlich aber geht es dem Autor doch um das Eine: Eine Frau rumzukriegen, am besten Mutter und Tochter gleichzeitig. Was muss das Leben eines alternden deutschen Intellektuellen schal sein!
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