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Eine siebenfingrige, in kaltes blaues Licht getauchte Menschenhand begrüßt Sie auf dem Einband des Buches von Werner Bartens. Der Freiburger Wissenschaftsjournalist, der Medizin, Geschichte und Germanistik studiert hat und selbst einige Zeit in der molekularbiologischen und medizinischen Grundlagenforschung arbeitete, entwirft in
Die Tyrannei der Gene ein Horrorszenario. Möchte man ihm auch in den ersten Kapiteln noch einen recht einseitigen, moralinsauren und allzu emotionalen Umgang mit dem umstrittenen Thema vorwerfen, merkt man doch schnell, was den promovierten Mediziner wirklich bewegt.
Er will provozieren und wachrütteln. Nicht die Manipulation von Genen ist Grund für seine Skepsis. Nein, es ist der Mensch selbst. Sind wir mit all unseren charakterlichen Schwächen und Fehlern überhaupt in der Lage, verantwortlich mit Dingen wie Gentechnik und Klonierung umzugehen. Sind die Halbgötter in den weißen Kitteln und den grauen Anzügen sich ihrer Verantwortung wirklich bewußt? Oder sind sie nicht auch nur Menschen, denen die eigene Karriere, der wissenschaftliche Ruhm und der finanzielle Erfolg näherliegen als die abstrakten, verborgenen Gefahren der Gentechnik?
Der Autor belegt seine kritische Haltung mit vielen Beispielen und faßt seine Schlüsse noch einmal in Merksätzen zusammen. Bartens behandelt nicht nur die grüne Gentechnik und Genmedizin, er blickt auch hinter die Kulissen der Forschungsinstitute. Er gibt Beispiele des unverantwortlichen Umgangs mit Forschungsergebnissen und sucht deren Begründung auch in der Struktur der wissenschaftlichen Arbeit und der Sozialisation der Forscher. Auch in den Medien findet der Autor verantwortungslosen Umgang mit der modernen Molekularbiologie. Immer wieder werden im bunten Blätterwald Schicksalsgene von Stars und Sternchen heraufbeschworen. TV-Inspektor Derricks Assistent Harry Klein wird gar ein Assistenten-Gen angedichtet. Die Metaphern und Modelle aus der Genetik haben sich verselbständigt und werden -- auch wenn sie wissenschaftlich noch so falsch sind -- unser Denken nicht leicht verlassen.
Die Tyrannei der Gene zeigt die Probleme der Gentechnologie und Molekularbiologie im ethischen und gesellschaftlichen Kontext. Das Buch ist provokativ und läßt den Leser nicht schnell los. --Sven Zörner
Pressestimmen
Literatur
Gen-Ethik
Wie kaum ein anderer Wissenschaftszweig zuvor macht die Genforschung Schlagzeilen: Ob Novel-food oder geklonte Nutztiere, gentechnisch hergestellte Medikamente oder pränatale Gendiagnostik die Gentechnik ist inzwischen allgegenwärtig, wie Werner Bartens in seinem Buch «Die Tyrannei der Gene» zeigt. Der Autor studierte Medizin, war dann am Freiburger Max-Planck-Institut für Immunbiologie tätig und arbeitet seit 1997 als freier Wissenschaftsjournalist. Anhand vieler Beispiele wird gezeigt, wie Gentechnologie in Landwirtschaft, Umweltschutz sowie in der Medizin Einzug gehalten hat und wie ihre Anwendungen trotz allen öffentlichen Diskussion selbstverständlich geworden sind. Der Autor zeigt auch, dass diese Anwendungen die Normen, nach denen der Mensch lebt, verändern. So verschiebt die pränatale Gendiagnostik die Vorstellung von Normalität zugunsten eines idealisierten Menschenbildes; die Gentherapie verharmlost Krankheiten zum Defekt auf Molekülebene; die Genkartierung dient (vorläufig) eher der Statistik als der Heilung. Bartens warnt auch vor der Überschätzung der neuen biologischen Technologien, indem er sich gegen den Anwendungspositivismus der Genforschungsindustrie wendet und für Einschränkungen und Kontrollen plädiert gegen jede naive Eugenik und für eine kritische «Gen-Ethik».
Stefana Sabin -- Neue Zürcher Zeitung