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Die Truhen des Arcimboldo: Nach den Tagebüchern des Heinrich Wilhelm Lehmann. Roman
 
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Die Truhen des Arcimboldo: Nach den Tagebüchern des Heinrich Wilhelm Lehmann. Roman [Taschenbuch]

Hanjo Lehmann
2.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (81 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Historischer Roman der Extraklasse In den Kellergewölben des Vatikans wird 1848 ein junger Schlosser verschüttet. Dabei stößt er auf eine mysteriöse Truhe mit 700 Jahre alten Pergamenten - geheime Dokumente, die den Machtanspruch der römischen Kirche untergraben. Jahre später übergibt er seine Aufzeichnungen einem Ingenieur, der dadurch in ein Netz von Intrigen und Machtkämpfen verstrickt wird.

Autorenportrait

Hanjo Lehmann, geboren 1946, studierte Deutsch und Philosophie in Köln und war Lektor für deutsche Sprache in Oviedo (Spanien) und in der Tongji-Universitä in Shanghai (China). Abgeschlossenes Medizinstudium an der FU. Er lebt in BerliWeitere Werke: Die Truhen des Arcimboldo (1995)

Auszug aus Die Truhen des Arcimboldo von Hanjo Lehmann. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Man schrieb das Jahr 1847, und der Tag kam heran, an dem ich mein neunzehntes Lebensjahr vollenden würde. Zur selben Zeit sollte sich eine Gelegenheit für mein Gesellenstück ergeben. Es fand sich nämlich bei einer Inspektion der Dorfkirche in der Wand eine hohl klingende Stelle, und als man die Steine dort entfernte, stieß man auf eine gemauerte Höhlung mit einer verschlossenen, eisenbeschlagenen Truhe darin. Man brachte sie zu meinem Onkel, der alle seine Künste erfolglos ausprobierte. Schließlich sagte er halb im Spaß, halb im Ernst zu mir: "Junge, bei dieser Kiste hat der Teufel seine Hand im Spiel. Versuch du dein Glück, und wenn du sie aufbekommst, will in Zukunft ich bei dir in die Lehre gehen." Von da an arbeitete ich Tag und Nacht an nichts anderem als an der verriegelten Truhe. Diese Wochen, so kurz sie letztlich waren, kamen mir später wie eine zweite Lehrzeit vor; ich durchlebte sie wie einen erbitterten, erbarmungslosen Kampf. Denn die üblichen Verfahren und Tricks, die mir mein Onkel beigebracht hatte, und über die damals wie heute jeder bessere Schlosser verfügt, versagten. Bei jedem neuen Versuch hatte ich das Gefühl, daß der alte Meister, der das Schloß konstruiert hatte, genau daran gedacht und in die Konstruktion schon ein Gegenmittel eingebaut hatte. Mein Onkel - für mich einigermaßen erstaunlich - beteiligte sich an diesen Arbeiten überhaupt nicht mehr. Hin und wieder stellte er sich neben mich, sah eine Weile zu und murmelte ein paar aufmunternde Worte. Manchmal wirkte er dann am Abend regelrecht verlegen; ich merkte, daß er meine Maßnahmen nur in Ansätzen verstanden hatte, sich aber genierte, mich danach zu fragen. Daß ich ihn in seiner Kunst längst überflügelt hatte, spürte ich selber. Allerdings war die Truhe damit noch lange nicht geöffnet, und oft genug war auch ich dicht daran, verzweifelt die Arbeit aufzugeben. Hin und wieder kam auch der Dorfpfarrer in die Werkstatt. Einmal schlug er vor, die Truhe aufzubrechen; doch riet ihm mein Onkel dringend davon ab: bei einer so raffinierten Konstruktion müsse man damit rechnen, daß eine verborgene Vorrichtung den Inhalt zerstören würde, wenn die Truhe auf einem anderen als dem vorgesehenen Weg geöffnet würde. Also forschte ich weiter, und fast ohne daß ich es merkte, rückte mein neunzehnter Geburtstag immer näher. Inzwischen hatte ich mir für meine Arbeit ein System winziger beweglicher Winkelspiegel konstruiert. An feinen Drähten führte ich diese in das Schloß ein und studierte mit ihrer Hilfe das komplizierte Innenleben des Schließwerkes. Immer deutlicher erkannte ich in der Konstruktion die bewundernswerten Gedanken eines großen Meisters. Manchmal kam es mir so vor, als hätte er dieses Schloß eigens für mich konstruiert: um mir auf diese Weise etwas mitzuteilen, was nur ich verstehen könnte. Und je besser ich den genialen Mechanismus verstand, desto mehr beflügelte mich das Gefühl, nicht nur ein kunstvolles Schloß zu öffnen, sondern gleichzeitig ein stilles Gespräch mit einem unbekannten Genius zu führen. Der Tag kam, an dem ich glaubte, das Schließwerk mit seinen zahlreichen Riegeln und Federn endlich begriffen zu haben. Ich empfand meine Untersuchungen und Messungen als abgeschlossen und machte mich daran, nach meinen Aufzeichnungen die Schlüssel zu feilen, die das Schloß öffnen sollten. In der Tat, die Schlüssel. Denn so weit hatte ich das Rätsel gelöst: das Schloß würde mit drei Umdrehungen zu öffnen sein, wobei aber für jede Umdrehung ein anderer Schlüssel nötig sein würde, jeder mit unterschiedlicher Fräsung. Es war die Nacht vor Christi Himmelfahrt, und zugleich die Nacht vor meinem neunzehnten Geburtstag. Ich verbrachte sie im Licht einer schwachen Lampe mit Feilen und Probieren, in meinen Gefühlen schwankend zwischen Zuversicht und Unruhe. Auch wenn ich überzeugt war, das Prinzip des Schließmechanismus richtig erkannt zu haben, so irritierte mich doch ein kleines Häkchen, das am Ende der dritten Umdrehung in den Schließprozeß eingreifen würde, und dessen Funktion mir nach wie vor rätselhaft war. Zwar versuchte ich mir einzureden, daß sich im Laufe der Jahre in dem Mechanismus das eine oder andere Teil gelockert oder verklemmt haben könnte. Dem stand allerdings entgegen, daß alle beweglichen Teile des Schließwerkes mit einem vorzüglichen Öl bestrichen waren, das ihre Funktion bislang offenbar ohne Einschränkung sichergestellt hatte. Ohne es zu merken, muß ich über meiner Arbeit eingeschlafen sein. Ich wurde von den Glocken geweckt, die zum Gottesdienst riefen. Hals über Kopf lief ich aus der Werkstatt hinüber zur Kirche, ohne daran zu denken, daß meine Hände und mein Gesicht über und über mit Öl und Eisenspänen verschmiert waren - woraufhin mich der Kirchdiener mit den Worten "Jesus, der schwarze Mann! Schämst dich nicht, wie der Leibhaftige selber zum Gottesdienst zu kommen?" gar nicht erst einließ. So eilte ich zurück ins Haus meines Onkels, wusch mich hastig und stürzte zurück zur Kirche - gerade noch rechtzeitig zum Ende der Predigt, die der Priester mit den Worten abschloß: "Darum merkt euch gefälligst, daß ihr nicht auf die üblen Haarspalter unter euch hören sollt, habt ihr verstanden, und wenn in der Heiligen Schrift geschrieben steht, der Himmlische ist euer Vater, dann heißt das natürlich, nur den Heiligen Vater in Rom sollt ihr euren Vater nennen, das ist doch klar, denn der ist auf Erden ja der Stellvertreter des Himmlischen Vaters. Darum, wer hier den Heiligen Vater verleumden will, nicht wahr, der ist nur ein Lästerer und ein übler Haarspalter, und will bloß Zwietracht säen unter euch, aber Gott wird ihn strafen, da kommt er bei mir gerade richtig. In diesem Sinne Gott mit euch, verstanden? Gelobt sei Jesus Christus - in Ewigkeit amen.". Ich war zwar etwas überrascht, ausgerechnet die Worte zu hören, die mein Großvater immer zitierte. Doch registrierte ich es nur am Rande, weil ich zu sehr erfüllt war von dem wundervollen Mechanismus des alten Schlosses, und weil ich es kaum erwarten konnte, dem Onkel vom Erfolg meiner Arbeit Mitteilung zu machen. Vor der Kirche wartete ich auf ihn; er kam als letzter, in angeregter Unterhaltung mit dem Pfarrer höchstpersönlich. "Onkel, ich habe -", begann ich. "Kannst nicht ein bißchen höflicher sein", fauchte er mich an, "und erst einmal den Herrn Pfarrer begrüßen, wie sich's gehört, auch wenn zehnmal Christi Himmelfahrt ist und dein Geburtstag?" Ich darauf: "Entschuldigen der Herr Pfarrer, und einen recht schönen guten Morgen, aber die Truhe, ich kann die Truhe aufmachen -" "Du hast es geschafft!" rief mein Onkel aus. "Teufelsbraten, unverfrorener", schimpfte der Pfarrer im Tonfall heftigster Entrüstung, "du hast dich unterstanden, sie ohne mich aufzumachen, wie konntest du es wagen!" Schnell klärte ich sie über den Stand der Dinge auf; daraufhin drängte es beide sofort in die Werkstatt, und mich am meisten. Vor dem Haus des Onkels angekommen, schickte dieser die Magd nach Gläsern und einer Flasche alten Burgunderweins. "Damit feiern wir Geburtstag, Himmelfahrt, Gesellenstück und den gefundenen Schatz in einem", erklärte er, als wir die Werkstatt betraten. Drinnen schloß er die Tür ab und ließ auch den Vorhang herunter, denn die bevorstehende Öffnung der Truhe hatte sich unter den Dienstboten herumgesprochen, die nun ihre Nasen ans Fenster der Werkstatt preßten. Dann goß er die Gläser voll und bestand darauf, erst einmal auf das feierliche Ereignis anzustoßen. "Bist ein Teufelskerl", sagte er zu mir. "Und egal was in der Truhe ist - ich trinke auf das, was in dir steckt. Prost Junge, Prost Herr Pfarrer, und jetzt auf mit der Teufelskiste!" Voller Stolz erklärte ich das Prinzip des Schlosses und seiner drei unterschiedlichen Schlüssel; dann vollzog ich behutsam die erste Drehung. Die Riegel rasteten ein mit dem weichen Geräusch, wie es für gute Schlösser typisch ist. Auch der zweite Schlüssel bestätigte meine Messungen: wieder ertönte das sanfte und doch unendlich bestimmte Geräusch des Riegelwerkes. Schließlich der dritte: bis zur Hälfte ließ er sich drehen (genau hier hatte ich bei meinen Probeversuchen aufgehört), aber dann - ein Klicken, und plötzlich ein unerwarteter Widerstand. Mir trat der Schweiß auf die Stirn: der Haken! Er war an einer Stelle in die Schlüsselfräsung eingerastet, wo ich ihn nicht erwartet hatte. Schlagartig wurde mir klar, daß ich etwas Entscheidendes übersehen hatte. Ich atmete tief durch und setzte ab. "Junge, was ist?" fragte mein Onkel, dem die veränderte Sachlage nicht entgangen war. "Na wird's bald", drängte der Pfarrer, "ich bin in Eile, der Herr Lehrer hat mich zum Mittag eingeladen." Ich erklärte meine Befürchtungen, aber der Pfarrer wischte sie beiseite. "Junge", sagte er, "nun mach dich nicht selber verrückt, ein Schloß ist schließlich nur Menschenwerk. Mach's auf in Gottes Namen, und dann sehen wir weiter." Ich wußte, daß es falsch war, aber letzten Endes war es mein eigener Fehler. Ich war zu voreilig gewesen, hatte zu früh geglaubt, das Schloß bezwungen zu haben. Jetzt war es zu spät: die vor Neugierde brennenden, geradezu gierigen Augen des Pfarrers und meines Onkels würden nicht mehr von der Truhe lassen, ohne in ihr Inneres geblickt zu haben. Ich vollführte die nächsten Bewegungen in dem Gefühl eines Schachspielers, der noch einmal zieht, obwohl er weiß, daß sein Spiel verloren ist. Mit leichtem Druck überwand ich den Widerstand, der sich dem Schlüssel entgegenstellte - eine letzte Warnung des alten Meisters, die ich wohl verstand, aber schon nicht mehr beachten konnte -, und vollendete die Umdrehung des dritten Schlüssels. Was folgte, bestätigte meine Befürchtungen: es war das Geräusch eines weiteren Schließmechanismus im Innern der Truhe. Zwar würde sich, das wußte ich, der Deckel jetzt öffnen lassen. Aber ich wußte auch, daß mit diesem Geräusch - das sowohl dem Pfarrer als auch meinem Onkel entgangen war - der alte Meister mich besiegt hatte. Nicht im Triumph, sondern im Vollzug meiner Niederlage hob ich den Deckel der Truhe langsam an; die Begeisterung meines Onkels - "Geschafft, Junge, du hast es geschafft!" - und des Pfarrers - "Na also, wußt ich's doch!" - war mir lästig, ja peinlich. Denn was der größer werdende Spalt erkennen ließ, war dies: ein eisernes Gitter, das sich unterhalb des Deckels über den Inhalt der Truhe geschoben hatte. Gleichzeitig spürte ich, daß der Widerstand, den der Deckel seiner Öffnung entgegensetzte, nicht nur der seines eigenen Gewichtes oder eines eingerosteten Scharnieres war; offenbar wurde durch die Bewegung ein weiterer Mechanismus in Gang gesetzt. Noch einmal hielt ich inne und ließ den Deckel wieder zurückfallen. "Was ist", rief mein Onkel, "Junge, was hast du?" "Willst du uns zum Narren halten?" polterte der Pfarrer. "Auf mit der Kiste, sag ich, auf jetzt in drei Teufels Namen, ich habe heute noch anderes vor!" Ehe ich ein Wort sagen konnte, hatte er die Truhe an sich gezogen; mit einem entschlossenen Griff öffnete er den eisenbeschlagenen Deckel. Wie gebannt starrten wir auf die Truhe; erstarrt und entgeistert verfolgten wir, was sich in den nächsten Sekunden abspielte. Ausgelöst durch die Öffnung des Deckels, war ein vorbereiteter Apparat im unteren Teil der Truhe in Aktion getreten, der eine Art bengalisches Feuer entzündet hatte. Der Inhalt der Truhe bestand in einer Anzahl beschriebener und mit Zeichnungen versehener Rollen und Papiere, die nun vom Feuer erfaßt und verzehrt wurden. Das Gitter oberhalb der Papiere gab zwar dem Feuer genug Luft, sich ungehemmt auszubreiten, nahm hingegen uns jede Möglichkeit, in den Zerstörungsprozeß einzugreifen. Hatte der Pfarrer beim ersten Anschein des aufflackernden Feuers seinen Kopf erschreckt zurückgezogen, so beugte ich mich in verzweifelter Erregung um so dichter über die Truhe, um zumindest einen flüchtigen Blick auf den Inhalt werfen zu können. Was ich für wenige Augenblicke sah, war die Skizze eines Hauses oder einer sonstigen Räumlichkeit, die einen Gang mit einer Reihe von gegenüberliegenden Räumen zeigte, wobei vom letzten dieser Räume noch ein weiterer abging; darunter standen einige Zeilen in einer mir unbekannten Sprache. Während dieses Blatt in Flammen aufging und sich wie unter Schmerzen bräunlich zusammenkrümmte, wurde darunter ein weiteres sichtbar, auf dem die Zeichnungen von drei Schlüsseln zu erkennen waren, denen ähnlich, die ich selber zum Offnen der Truhe angefertigt hatte. Und als auch dieses Blatt sich in der Glut zusammenrollte, gab es für den Bruchteil einer Sekunde den Blick frei auf das Schnittbild eines Schlosses, mit einer seltsamen hakenartigen Vertiefung im unteren Teil. "Junge, deine Haare!" rief in diesem Augenblick mein Onkel, und riß meinen Kopf von der Truhe zurück. Geistesgegenwärtig ergriff der Pfarrer die Flasche mit dem Burgunderwein und goß mir den Inhalt über den Kopf. Die hierdurch entstandene Aufregung lenkte uns für einen Augenblick von der Truhe ab, und als ich mir schließlich - mit stark verkürztem Haar, aber ansonsten unversehrt - den Wein vom Hals und aus dem Gesicht gewischt hatte, war das Feuer in der Truhe bereits von selbst erloschen. Die Papiere darin waren zu Aschekrümeln zerfallen. Im Raum vermischte sich der stechende Geruch des bengalischen Feuers mit dem meiner versengten Haare. Wir rissen das Fenster auf und machten den draußen stehenden Neugierigen Meldung: viel Lärm um nichts, die Truhe sei leer, bloß ein paar verkohlte Papierfetzen. Das also war mein Gesellenstück und mein Geburtstag - und gleichzeitig der Tag meiner größten Niederlage. Zwar wurden mein Onkel und der Pfarrer nicht müde, Loblieder auf meine "phantastischen Fähigkeiten" zu singen (der Pfarrer eher noch lauter, wohl um sein schlechtes Gewissen darüber zu übertönen, daß durch seine Ungeduld vielleicht unersetzliche Dokumente vernichtet waren), allein, ich wußte, daß mich der unbekannte Meister bezwungen hatte. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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